Hilfsorganisationen warnen : Risiko von Teenager-Zwangsehen steigt in den Sommerferien

Sommerferien sind Reisezeit. Für manche Schülerinnen mit ausländischen Wurzeln endet der Trip ins Heimatland aber gegen ihren Willen mit einer Heirat.

Wer entscheidet. Eine Plakatkampagne der Menschenrechtsorganisation Terre des Femme.
Wer entscheidet. Eine Plakatkampagne der Menschenrechtsorganisation Terre des Femme.Foto: promo

Bloß nicht ins Flugzeug steigen! Was nach einem klimafreundlichen Ratschlag für die Sommerferien klingt, kann für Schülerinnen mit ausländischen Wurzeln eine ganz andere Bedeutung haben. Manchen jungen Mädchen drohe im Heimatland ihrer Eltern die Zwangsverheiratung, sagt Petra Koch-Knöbel, Frauenbeauftragte im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Jedes Jahr blieben nach den Ferien einige Plätze in Klassenzimmern leer.

Auch bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes kennt Referentin Myria Böhmecke das Risiko Sommerferien. Oft stiegen kurz vorher die Anfragen verängstigter Mädchen in Hilfs- und Beratungsstellen. „Zwangsverheiratungen in Berlin sind keine Einzelfälle“, betont Böhmecke. Sie drohten Mädchen und jungen Frauen auch bundesweit noch in der zweiten und dritten Migranten-Generation. Es sei nicht allein ein islamisches Phänomen, sondern liege vor allem an streng patriarchalischen Strukturen in Familien.

„Die meisten Mädchen haben eine Ahnung, um was es geht. Aber viele glauben, dass sie vor Ort noch Nein sagen können oder dass es nur um eine Verlobung geht“, berichtet Böhmecke. „Das stimmt aber oft nicht. Sobald sie dort sind, werden ihnen der Pass, das Rückflugticket und das Handy abgenommen. Sie werden entweder eingesperrt oder stehen unter massiver Kontrolle.“

Verlässliche Zahlen für das Ausmaß von Zwangsehen gibt es nicht, nur Annäherungen. Im November 2018 veröffentlichte der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung die jüngsten Zahlen aus einer Umfrage bei rund 1000 Hilfseinrichtungen und Schulen in der Hauptstadt. Danach gab es 2017 in 570 Fällen Beratungen zum Thema Zwangsehe.

Schwierige Rückkehr

Die meisten Betroffenen waren Mädchen zwischen 16 und 21 Jahren mit arabischen und türkischen Wurzeln. Familien stammten aber auch aus kurdischen Gebieten, vom Balkan, aus Bulgarien und Rumänien. Es gab jüdische, jesidische und christliche Elternhäuser. Rund zwölf Prozent der betroffenen Mädchen waren sogar jünger als 16 Jahre. In einer kleinen Minderheit waren auch Jungen von Zwangsheirat betroffen oder bedroht, vor allem, wenn sie homosexuell waren. 117 Mal wurde eine Zwangsheirat nach der Berliner Umfrage vollzogen, 92 Mal war sie konkret geplant - vor allem im Ausland. 113 Mal wurde eine Zwangsehe befürchtet. „Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer viel höher ist“, sagt Koch-Knöbel

Bundesweite Umfrage-Zahlen sind mehr als zehn Jahre alt. 2008 wurden für eine Studie des Bundesfamilienministeriums fast 3500 Beratungen erfasst. Davon fanden 1771 vor einer Zwangsehe statt, 937 danach und 235 sowohl vorher als nachher. Auch diese Annäherung gilt nicht als repräsentativ. Terre des Femmes hält eine neue Studie für dringend nötig und schätzt, dass die Zahlen heute noch höher liegen.

Auch mit deutscher Staatsangehörigkeit sei es nach einer Zwangsehe schwer, zurückzukehren, berichtet Referentin Böhmecke. „Daher raten wir dringend davon ab, in ein Flugzeug zu steigen. Auch, wenn es nur um einen Verdacht geht, dass eine Zwangsheirat geplant ist.“ Denn ohne Geld kämen die Mädchen im Ausland nicht zur deutschen Botschaft. Und die Polizei dort bringe sie meist sofort wieder zu ihren Familien zurück.

Nein zu sagen sei aber oft gar nicht so einfach, betont Böhmecke. „Mädchen werden manchmal unter falschen Versprechungen in das Herkunftsland ihrer Eltern gelockt. Ihnen wird zum Beispiel gesagt, dass sie nur in die Ferien fahren.“ Oder aber es werde sozialer Druck ausgeübt: Der Großvater sei sehr krank und man wolle ihn zum letzten Mal besuchen.

Zu wenig thematisiert

Für Myria Böhmecke wird immer noch viel zu wenig über Zwangsehen geredet. Erst der Fall Hatun Sürücü habe in Berlin eine erste Debatte entfacht und Beratung und Aufklärung erleichtert. 2005 war die Berliner Türkin von ihrem Bruder ermordet worden. Zuvor hatte ihre Familie sie als 16-Jährige in der Türkei mit einem Cousin verheiratet. Sürücü floh schwanger nach Berlin zurück und baute sich mit ihrem kleinen Sohn ein eigenes Leben auf. Sie war Anfang 20, als ihr Bruder sie erschoss.

Die Geschichte dieses „Ehrenmords“ zeigt zur Zeit der Kinofilm „Nur eine Frau“. Vor dem Start im Mai sagte Produzentin Sandra Maischberger, dass Mädchen und Jungen aus solchen Ehe-Zwängen kaum herauskämen. „Ich habe mich gefragt, wieso wir da eigentlich so wenig hingucken.“

Für Böhmecke hat dieses Desinteresse Folgen. Wenn junge Mädchen nach den Ferien nicht wiederkämen, passiere oft nichts. Eltern erzählten geschönte Geschichten, wenn sie ihre Töchter von der Schule abmeldeten, zum Beispiel über einen Ausbildungsplatz. „Die Jugendämter sind häufig mit anderen Gewaltvorfällen beschäftigt und überfordert“, sagt die Expertin. „Zwangsverheiratungen im Ausland, für die es häufig keine Beweise und Zeugen gibt, fallen deshalb oft hinten runter.“

Frauenbeauftragte Petra Koch-Knöbel bietet in Berlin Fortbildungen für Lehrer und Schulsozialarbeiter an, speziell vor den Sommerferien. Das Interesse daran sei bisher eher verhalten, sagt sie. „Wir würden uns mehr Problembewusstsein wünschen.“

Schule und Jugendamt hätten jedoch wenig Möglichkeiten, einzugreifen, sagt Myria Böhmecke. Vor allem, wenn vorher keine Gewaltsituation ersichtlich war, die Eltern das Sorgerecht hätten und es keine Beweise für eine Zwangsheirat gebe. Motive der Eltern seien oft Ehrbegriffe aus ihrem Herkunftsland. An solchen Traditionen werde oft festgehalten, vielleicht besonders, wenn sich eine Familie in Deutschland nicht wirklich angekommen fühle.

Tradition und Familienehre

Was zähle, sei in solch traditionellen Vorstellungen nicht das einzelne Mädchen, sondern die Gemeinschaft und die vermeintliche Familienehre. Mädchen müssten keusch sein und sich unterordnen, Jungen seien Aufpasser ihrer Schwestern und später das Familienoberhaupt. „Der psychische Druck kann enorm sein“, berichtet Böhmecke. „Manchmal wird gedroht, die 13-jährige Schwester zu verheiraten, wenn ein älteres Mädchen nicht will.“

Mit der Weigerung, in ein Flugzeug zu steigen, beginnt für junge Mädchen ein noch größeres Problem. Wohin? Zwar gibt es in Berlin und anderen Städten Notdienste und Hilfseinrichtungen. „Die Mädchen haben aber häufig große Angst, gefunden zu werden. Es ist auch schwierig, sich dauerhaft vor der gesamten Familie zu verstecken“, sagt Böhmecke. „Sie kommen nicht per se ins Zeugenschutzprogramm.“ Außerdem wollten die Mädchen die Familie gar nicht verlassen, sondern hofften bis zum Schluss, dass es eine Einigung gibt und sie den Mann nicht heiraten müssen. „Das aber ist oft ein Irrtum.“

Seit 2017 gilt in Deutschland das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen. „Es ist unserer Einschätzung nach in der Praxis noch nicht angekommen“, urteilt Böhmecke. Es fehle an Leitfäden und Schulungen für Behörden und auch Präventionsmaßnahmen und Aufklärung in Schulen. „Bisher sind auch nur sehr wenige Fälle bekannt geworden, in denen die Ehe wegen der Minderjährigkeit des Mädchens aufgehoben wurde“, ergänzt sie.

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