Insekten in der Stadt : „Dass wir atmen können, verdanken wir auch der Ameise“

Immer mehr Insektenarten sterben aus. Was geht das Stadtbewohner an? Ein Interview mit Berlins Wildtierbeauftragtem.

Ina Bullwinkel
Eine Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena) in Angriffsstellung, fotografiert im Frühling 2017 im Wald bei Birkenwerder in Brandenburg.
Eine Kahlrückige Waldameise (Formica polyctena) in Angriffsstellung, fotografiert im Frühling 2017 im Wald bei Birkenwerder in...Foto: Patrick Pleul/dpa-ZB

Herr Ehlert, internationale Studien zeigen, dass weltweit immer mehr Insekten aussterben. Was können Berliner dagegen tun?

Eine Menge. Wer einen Garten oder Balkon hat, sollte soweit es geht auf Insektenvernichtungsmittel verzichten. Viele Insekten können allein deshalb nicht leben, weil sie vergiftet werden. Außerdem achten zu wenige Menschen beim Kauf von Pflanzen darauf, ob diese Bienennährgewächse sind. Viele Pflanzen blühen schön, sind aber wenig nahrhaft für Insekten. Auch totes Material wie Stöcker und Laub sind wichtig: Auf dem Balkon kann man die Sommerbepflanzung bis zum Frühjahr stehen lassen, damit Insekten darin überwintern können.

Was kann man für Insekten tun, wenn man keinen Garten oder Balkon hat?

Mieter können ihre Wohnungsbaugesellschaft ansprechen und fragen, ob sie etwas an der Bepflanzung ändern können. Je vielfältiger unsere Kräuter- und Staudenflächen sind, desto mehr Insekten haben wir. Viele wollen zwar schöne Insekten haben wie Schmetterlinge, aber keine Brennnessel. Aber das eine braucht das andere. Deswegen sind vermeintlich unaufgeräumte Gärten mit vielen sogenannten Unkräutern sehr wichtig.

Ist Urban Gardening, das Bepflanzen von öffentlichen Flächen, eine gute Alternative?

Urban Gardening hat eher die Funktion, sich mit der Umwelt und der Natur zu befassen. Wer keinen Balkon oder Garten hat, aber seinen Kindern die Natur nahebringen möchte, kann auf kleinsten Flächen etwas für Insekten tun. Man darf zwar keine Wunder erwarten, aber auch auf einem Quadratmeter Gartenfläche können plötzlich Raupen von Tagpfauenaugen, Rüsselkäfer oder Marienkäferarten auftauchen. Da Insekten sehr gut riechen und wahrnehmen können, fliegen sie zu diesen Flächen. Als Lebensraum für die Tiere reicht das aber nicht aus.

Was halten Sie von Projekten wie „Berlin summt“, bei denen Bienenstöcke in der Stadt aufgestellt werden?

Grundsätzlich ist es gut, die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, dass wir in der Stadt auch Insekten haben. Aber man darf nicht vergessen, dass nicht Honigbienen die Vielfalt der Insektenwelt ausmachen, sondern die Wildbienen und alle anderen Insektenarten. Wir haben mehr als 300 Wildbienenarten und vermuten mehr als 15.000 Insektenarten in Berlin. Dass wir atmen können, verdanken wir übrigens auch der Ameise. Weil sie, und viele andere Insekten, die organischen Substanzen in pflanzenaufnehmbare Stoffe umwandeln, die dann die Pflanzen wachsen lassen und uns Menschen Sauerstoff spenden. Auch deswegen sind Insekten nichts Nerviges, sondern Lebenswichtiges.

Derk Ehlert (51) ist Wildtierexperte bei der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz.

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