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Niedersachsen gegen Wolf 0:1 : Wie es 14 Monate misslang, einen Wolf zu erlegen

Das Land Niedersachsen versuchte 14 Monate, einen "Problemwolf" zu erlegen. Jetzt ist die Hatz abgesagt. Der zweite "Problemwolf " ist dagegen tot.

Ein Wolf läuft durch ein Freigehege im Wildpark Alte Fasanerie in Hessen.
Ein Wolf läuft durch ein Freigehege im Wildpark Alte Fasanerie in Hessen.Foto: Boris Roessler/ dpa

Die Jagd dauerte 14 Monate. Und sie war teuer. Rund 200.000 Euro hat Niedersachsens Landesregierung schätzungsweise dafür ausgegeben, dass der Leitrüde eines im Kreis Nienburg ansässigen Wolfsrudels „entnommen“, also getötet wird. Das Tier mit der Kennung GW717m hatte mindestens drei Rinder gerissen. Mittlerweile blies das Umweltministerium die Hatz ab – wegen Erfolglosigkeit.

Das Bundesnaturschutzgesetz in seiner bisherigen Form sei untauglich gewesen, Problemen mit bestimmten Wölfen zu begegnen, begründet Umweltminister Olaf Lies (SPD) die überraschende Kehrtwende. Es „hat uns gezwungen, einen Wolf um jeden Preis zu individualisieren, was vollkommen realitätsfern war“. Zuvor hatte das Ministerium die Lizenz zum Töten des Wolfes seit Januar 2019 immer wieder monatsweise verlängert.

Der Abschuss von Wölfen ist jetzt leichter

Das im Winter novellierte Gesetz lockert die Regeln für den Abschuss von Wölfen. Bisher durften nur Tiere abgeschossen werden, die nachweislich mehrfach Schafe oder Rinder gerissen haben, obwohl die Weiden mit „wolfssicheren“ Zäunen gesichert waren. Erlaubt war also nur der Abschuss des Täters, eine Gruppenhaftung des Rudels gab es nicht. Das wurde geändert. Vergreifen sich Wölfe an Nutztieren, können Jäger nun so lange Tiere eines Rudels töten, bis die Übergriffe aufhören – auch wenn sie Unschuldige erwischen. Nötig ist weiterhin eine behördliche Ausnahmegenehmigung.

Mit der von Gerichten in mehreren Instanzen gebilligten „Entnahme“ von GW717m hatte das Umweltministerium in Hannover einen nicht näher genannten „Dienstleister“ beauftragt. Zu dessen Team gehörte neben einem Jäger, einem Biologen und einem Tierarzt auch ein veritabler Trapper aus Südeuropa. Die Truppe stellte Wildkameras auf und Kastenfallen, in die der Wolf aber nicht tappte.

Das Tier wäre nach MT6, dem Tierfreunde den Kosenamen Kurti verpassten, der zweite Wolf gewesen, der in Niedersachsen von Amts wegen getötet wurde. Kurti hatte sich vor vier Jahren Menschen genähert, weil er als Welpe auf einem Truppenübungsplatz angefüttert worden war und so seine angeborene Scheu verloren hatte. Da Kurti einen GPS-Sender trug, konnte er aufgespürt, gefangen und erschossen werden.

Die Jäger scheitern: Keiner der beiden deutschen "Problemwölfe" ist aufgespürt worden.
Die Jäger scheitern: Keiner der beiden deutschen "Problemwölfe" ist aufgespürt worden.Foto: dpa

Der Rodewalder Rüde hingegen ist nicht besendert. Die von den Grünen aufgeworfene Frage, wie das Tier denn ohne Sender überhaupt von anderen Wölfen zu unterscheiden sei, beantwortete das Ministerium wie folgt: Der Rüde habe „geschlechts- und altersentsprechend Merkmale, die ihn von den anderen Rudelmitgliedern unterscheiden“. Die Schwierigkeiten, den Wolf zu erlegen, seien durch die Aktivitäten von Störern noch verschärft worden. Naturschützer hatten in dem Gebiet immer wieder Geländespiele und Waldpatrouillen veranstaltet, um erklärterweise die Jagd zu behindern.

Aus dem Schneider ist GW717m noch nicht. Sobald er wieder beginne, ausreichend geschützte Nutztiere zu reißen, werde das Ministerium eine neue Ausnahmegenehmigung auf den Weg bringen: „Dann im Sinne der Neuregelung des Bundesnaturschutzgesetzes.

Der Wolf aus Schleswig-Holstein ist tot

Der zweite "Problemwolf" in Deutschland ist dagegen tot. Nicht die Jäger haben ihm den Garaus gemacht, sondern wahrscheinlich ein Autofahrer. Jäger fanden das tote Tier am 6. Januar stark verwest im Wald. "GW924m" hatte innere Blutungen, die vermutlich durch einen harten Aufprall verursacht worden waren. Das tödlich verletzte Tier hatte sich noch drei Kilometer in den Wald geschleppt.

Der Wolf war im Sommer 2018 aus Dänemark nach Schleswig-Holstein eingewandert, er hatte in den Kreisen Steinburg, Pinneberg und Segeberg mehr als 60 Mal Schafe gerissen, darauf hin wurde er zum Abschuss freigegeben. Allerdings gelang es einer Expertengruppe nicht, "GW924m" aufzuspüren und zu erschießen.

Den Tod fand er bei einem Ausflug nach Niedersachsen. Der Wolf war durch die Elbe geschwommen und bis Gifhorn gekommen.

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