Polygamie in Deutschland : Die Mehrehe ist kein romantisches Lebensmodell

Das Verständnis von Polygamie der Deutschen scheint durch Tausendundeine-Nacht-Geschichten geprägt. Die Wahrheit sieht anders aus. Ein Leserinnenartikel.

Charybdis66
Der Unternehmer Musa Mseleku (M) mit drei seiner vier Frauen in Südafrika. Polygamie ist in Südafrika immer noch weit verbreitet. Schätzungen zufolge leben dort Hunderttausende Menschen in polygamen Ehen.
Der Unternehmer Musa Mseleku (M) mit drei seiner vier Frauen in Südafrika. Polygamie ist in Südafrika immer noch weit verbreitet....Foto: Rogan Ward/dpa

Mit der Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern kommen auch Lebensmodelle zu uns, die vielen hierzulande nicht oder nur aus Märchen oder Erzählungen bekannt sind. Eines dieser Lebensmodelle ist die Mehrehe, worunter zumeist die eheliche Gemeinschaft eines Mannes mit mehreren Frauen gemeint ist. Auch wenn dieser Lebensentwurf mengenmäßig, selbst bei Zuwanderung, nicht nur aus gesetzlichen Gründen vermutlich kaum einen bedeutenden Anteil hat, taucht er doch recht häufig in Berichterstattungen und Kommentaren auf. Nicht selten leider, wie es auf mich wirkt, mit einem nicht wirklich fundierten Blick auf die Ursachen und die Auswirkungen dieser Art der Polygamie.

Die Gründe dieser Mehrehen sind vielschichtig und können hier nur kurz angerissen werden. Die häufig getätigte Aussage, dies sei kulturell eben so in manchen Gegenden und das sei zu akzeptieren, ist viel zu einfach. Oftmals geht es um Beziehungen und um die Sicherung sozialer Stellungen in eng umrissenen Gemeinschaften. Die Heirat einer Tochter auch als Zweit-, Dritt- oder Viertfrau durch einen wohlhabenden Mann kann der Familie zu mehr Ansehen verhelfen oder festigt wichtige Familienbeziehungen. Streckenweise bringt es der Familie auch Geld in Form eines Kredits oder sogar einer Schenkung. Die Frau stellt hier einen Verhandlungs- oder sogar eine Art Kaufgegenstand dar.

Die Mehrehe kann allerdings auch die Möglichkeit einer Versorgung für eine unverheiratete Frau darstellen. Alleinstehend ist eine Frau in manchen sozialen Gefügen nur bedingt existenzfähig. Nur als Ehefrau ist sie sozial anerkannt. Dazu kommen, je nach Ort, archaische Besitzregelungen, und da haben Frauen oft keine bis nur sehr eingeschränkte Rechte. Eine Frau MUSS also verheiratet sein, da eigener Besitz ihr kaum oder nur eingeschränkt möglich ist.

Anders als in der ersten Variante führt die zweite dazu, dass Frauen sich – scheinbar – freiwillig in eine Ehe fügen. Beispielsweise können so verwitwete Frauen von einem bereits verheirateten Mann als Zweit- oder Drittfrau aufgenommen und weiterversorgt werden. Manchmal sind es auch unverheiratete Schwestern oder Cousinen ohne Chance auf eine eigene Heirat, die bei der Heirat ihrer Verwandten mitverheiratet werden.



Das sind Geschichten aus Tausendundeine Nacht

In den Köpfen hier sozialisierter Menschen scheinen, wenn man sich mit jemandem hier unterhält, immer noch viele Ansichten herumzuspuken, die durch Tausendundeine Nacht oder Mozarts Entführung aus dem Serail geprägt sind: Schöne Frauen in einer Art Harem, gelangweilt und großenteils mit sich selbst beschäftigt. Alternativ wird oft auch der lüsterne alte Ehemann bedient, der sich regelmäßig frisches Fleisch kauft.

Mit der Wahrheit vor Ort hat das alles nur bedingt zu tun, wie ich auf meinen Reisen in Regionen, in denen die Mehrehe in der Art, wie ich sie beschreibe, anzutreffen ist, gelernt habe. Ein Haremsleben haben die Frauen dort niemals, eher schon gibt es auch den lüsternen alten Bock.

Viel häufiger sind es aber Formen der ersten und der zweiten von mir aufgeführten Variante: Frauen als Pfand für Macht und Einfluss von Familien, verkauft und verschoben. Oder Frauen, die notgedrungen in Ehen eintreten, um wirtschaftlich versorgt zu werden. Und die viele Kinder bekommen und sehr hart arbeiten.

In vielen arabischen Staaten ist die Polygamie legal. Können bald auch in Deutschland solche Vielehen geschlossen werden?
In vielen arabischen Staaten ist die Polygamie legal. Können bald auch in Deutschland solche Vielehen geschlossen werden?Foto: Franziska Kraufmann dpa/lsw

Übrigens, es gibt auch den negativen Effekt für Männer in dieser sozialen Kombination. Manchmal wird erwartet, dass der Mann auch Angehörige seiner Frau versorgt. Das kann dazu führen, dass er beispielsweise eine verarmte Schwester oder Cousine seiner Frau ebenfalls zu heiraten hat, weil nur dies sozial akzeptiert wird. Der gesellschaftliche Zwang liegt nicht nur bei den Frauen.

Entscheidend aber ist, dass Frauen in diesem System niemals ein Mitspracherecht haben. Sie sind eine Ware oder in der Not Getriebene. Freie Entscheidungen treffen sie nicht. Doch das wird hierzulande häufig vergessen.

In einem Kommentar von Jost Müller-Neuhaus las ich kürzlich den Satz: Mit mehreren Partnern Sex zu haben und eine Familie zu gründen, mal bei dieser, mal mit jenem Tage oder Nächte zu verbringen, steht als Handlungsfreiheit unter dem Schutz des Grundgesetzes. Der Kommentator stellte hier die Situation einer Mehrehe mit einer Affäre eines verheirateten Mannes mit einer weiteren Frau hierzulande gleich.

Diskussion zur Polygamie nimmt oft sozialromantische Züge an

Und genau dieses Gleichstellen ist falsch. In einer Affäre haben alle Handelnden freie Entscheidungsmöglichkeiten. Männer wie Frauen. In sozial bedingten Mehrehen gilt das für Frauen niemals. Sie haben weder vor noch in der Ehe jemals eine echte freie Entscheidungsmöglichkeit. Und schon gar nicht über ihre Sexualität.

Der Kommentar passt ins Bild vieler Personen, die andere, bislang hier nicht übliche gesellschaftliche Konstrukte nicht oder nur sehr eingeschränkt hinsichtlich negativer Auswirkungen beleuchten und jegliche Kritik als ewig gestrig zurückweisen. Das nimmt streckenweise, auch wenn man Kommentare früherer Diskussionen zur Polygamie verfolgt, geradezu sozialromantische Züge an.

Ebenso wie es natürlich verbissene Gegner jeglicher gesellschaftlicher Veränderung bei uns gibt, die zwangsnotorisch und vorbehaltlos an allem Alten aus reiner Prinzipienreiterei festhalten wollen, gibt es eben auch diejenigen, die es ablehnen, Negatives in anderen sozialen Konstrukten auch nur ansatzweise wahrzunehmen. Oder die wirklich im guten Glauben sind, dass unsere Gesellschaft mit all der Freizügigkeit, die wir haben, negative Auswüchse letztendlich irgendwie automatisch wegretouchiert. Irgendwie halt.

Wer hier bei uns Probleme hat, kann sich ja melden, höre ich dann oft. Stimmt... im Prinzip. Aber schon Angehörige hier verankerter Familien mit Problemen wagen es selten, um Hilfe zu bitten. Wie sollen das dann beispielsweise Frauen aus ganz anderen Kulturen hier bei uns machen? Sie brächen damit jegliche Brücke in ihrem Leben ab. Das können sich die meisten Sozialromantiker nicht einmal vorstellen, was das bedeutet.

Und wie sollte nun hierzulande mit einbürgerungswilligen Familien mit Mehrehe umgegangen werden? Verbieten? Oder total tolerant tolerieren? Meine Meinung: Es kommt irgendwie darauf an. Einerseits möchte ich keinen stillen Import archaischer Lebensmodelle, andererseits heißt eine Mehrehe nicht generell, dass die Familie nicht gut funktioniert oder sich überhaupt nicht integrieren kann oder will. Zudem glaube ich nicht, dass Mehrehen ein, in der Menge, grundsätzliches Problem hierzulande darstellen. Weder bei der Immigration noch bei bereits hier Lebenden. Aber unbeobachtet sollte dieses Phänomen eben nicht sein.

Es geht um die freie Entscheidungsmöglichkeit der Frauen in Mehrehen. Und die gibt es in den von mir beschriebenen Fällen nicht. So etwas sollten wir hierzulande nicht tolerieren, sondern die Anerkennung freiheitlicher Werte erwarten.

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