zum Hauptinhalt
Hunde spenden Trost - auch mitten im Krieg.
© IMAGO/NurPhoto

Auch Hunde und Katzen auf der Flucht: „Tiere wurden in der Nachkriegszeit zu Symbolfiguren des Überlebens“

Historikerin Mieke Roscher über die Rolle der Tiere in Kriegszeiten, tierische Symbolfiguren und warum vor allem Hunde Akteure im Krieg sind. Ein Interview.

Vor nun mehr zwei Wochen begann die Invasion der russischen Truppen in die Ukraine. Etliche Menschen flüchten seitdem mit ihren Haustieren aus dem Kriegsgebiet. Man sieht Katzen im Rucksack, Hunde an der Leine, Meerschweinchen im Jackenärmel.

Trotz Bomben und Schüssen bringen die Menschen nicht nur sich selbst in Sicherheit. Die eigenen Tiere zurückzulassen, ist für viele keine Option, weshalb auch die Einreise mit Haustieren in die EU bereits vereinfacht wurde.

Mieke Roscher lehrt seit 2014 als Professorin an der Universität Kassel die Geschichte der Beziehungen zwischen Menschen und Tieren (Human-Animal-Studies).

Frau Roscher, der Hund ist der beste Freund des Menschen, heißt es. Stimmt das?
Also ganz allgemein gesprochen: Ja. Wir leben schon 20.000 Jahre mit Hunden zusammen und haben uns an die Sozialität des Hundes gewöhnt. In dieser Koevolution zwischen Menschen und Tieren haben wir uns auf den Hund am meisten eingestellt. Wir können ihn am besten lesen und vor allem kann er uns am besten lesen.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Warum halten wir Haustiere?
Wir pflegen mit bestimmten Tieren Beziehungen, bei denen Endorphine ausgeschüttet werden. Vor allem bei den Tieren, die eine sogenannte Du-Evidenz haben: Das heißt, dass sie uns als ein Gegenüber erkennen und wir sie auch als ein Gegenüber erkennen. Dadurch bauen wir Beziehungen auf, wir kommunizieren ja auch mit ihnen – auch wenn diese Kommunikation zumeist nonverbal und einseitig ist. Wir verstehen sie zwar nicht, aber mit Hilfe von Gestik und Mimik geht man miteinander um. Aus dieser Grundlage bauen wir Beziehungen zu den Tieren auf und diese können sehr eng sein, sodass man sie auch als Freundschaft beschreiben kann.

Mieke Roscher ist seit 2014 Professorin und spezialisiert auf das Tier-Mensch-Verhältnis (Human-Animal Studies).
Mieke Roscher ist seit 2014 Professorin und spezialisiert auf das Tier-Mensch-Verhältnis (Human-Animal Studies).
© Sonja Rode / Uni Kassel

Wie schlimm ist es für Flüchtende aus Kriegsgebieten, wenn sie ihre Haustiere zurücklassen müssen?
Das ist dramatisch und das darf man auch wirklich nicht unterschätzen. Das ist eine Beziehung, die einer Beziehung zu einem Menschen gleicht. Man kann natürlich nicht sagen, dass das einen Partner oder Kinder ersetzt, aber es ist halt ein Freund. Und Freunde zurückzulassen und gerade unter den Umständen, wo sie überhaupt nicht wissen, was passiert denn mit denen, kommen die klar, wer kümmert sich um sie – das ist natürlich total dramatisch.
Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass sie ihre Tiere mitnehmen. Man kann sie ja auch nicht einfach anrufen und fragen, wie es ihnen geht. Wenn man Tiere in so einer Situation zurücklässt, hört man ja nie wieder was von ihnen und das macht das auch nochmal eine Spur härter.

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

Können Tiere dabei helfen, Kriegstraumata zu verarbeiten?
Da gibt es einige Studien, die das bestätigen. Bei den amerikanischen GI’s [Soldaten], die aus Afghanistan zurückgekommen sind, gibt es richtige Programme, bei denen sie mit Hunden zusammengebracht werden, um die posttraumatischen Störungen aufzufangen. Es ist bewiesen, dass Tiere bei solchen Kriseninterventionen auch helfen können.

Ukrainer nehmen auf der Flucht das Wichtigste mit, was sie haben: Auch ihre Haustiere.
Ukrainer nehmen auf der Flucht das Wichtigste mit, was sie haben: Auch ihre Haustiere.
© dpa

Also sind Hunde irgendwie auch immer Teil eines Krieges?
Ich erfasse derzeit die Beziehung zwischen Menschen und Hunden im Zweiten Weltkrieg. Hunde wurden tatsächlich gemustert und die, die tauglich waren, wurden für den Dienst in der Wehrmacht eingezogen und aus den Familien rausgenommen. Dagegen haben sich viele Menschen versucht, zu wehren und sich dem zu entziehen und behauptet, ihre Hunde seien viel zu alt oder krank oder zu klein.

Sie wollten die Hunde nicht weggeben?
Sie haben versucht, ihre Familie zusammenzuhalten. Das gab auch harte Strafen für die, die ihre Hunde unterschlagen haben. Viele haben es trotzdem in Kauf genommen, sich mit dem Regime anzulegen und das zeigt, wie eng diese Beziehung ist und dass man trotz extremer Kriegssituationen gewillt ist, das Tier zu erhalten.

Im Zoo in Kiew ist der Zoo-Direktor sogar dort eingezogen, um seine Tiere weiter zu versorgen.
Das ist ein ganz ähnliches Phänomen. Krieg ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmesituation. Es verändern sich unsere Beziehungen. Die, die vorher Verbündete waren, sind plötzlich Feinde. Aber die Tiere, die sind immer dieselben. Treue spielt da eine ganz wichtige Rolle. Wenn sich Situationen verändern und verschieben, braucht man etwas Stabiles. Etwas, auf das man sich auch emotional verlassen kann. Der Berliner Zoo wurde ja im Krieg ganz arg zerstört und nur ganz wenige Tiere haben überlebt. Aber die Tiere, die überlebt haben, die wurden in der Nachkriegszeit zu Symbolfiguren des Überlebens und des Durchkommens.

Zur Startseite