Unglück in Totalán : Der Fall Julen beschäftigt jetzt Spaniens Justiz

Wer bezahlt den Einsatz? Nach der Beisetzung des zweijährigen Julen im spanischen Malaga beginnt am Montag die juristische Aufarbeitung der Tragödie.

Marcel Grzanna
Aschied nehmen. Unter großer Anteilnahme wurde der kleine Julen am Sonntag beigesetzt.
Aschied nehmen. Unter großer Anteilnahme wurde der kleine Julen am Sonntag beigesetzt.Foto: Lorenzo Carnero/imago/ZUMA Press

Es war ein trauriger Tag, den die Stadt Málaga am Sonntag erlebte. Während sich die Touristenscharen bei strahlendem Sonnenschein durch das historische Zentrum der Provinzhauptstadt drängelten, fand nur wenige Kilometer weiter, im Stadtteil El Palo, der zweijährige Julen seine letzte Ruhe.

Vor 14 Tagen war das Kind am Ortsrand des nahe gelegenen Bergdörfchens Totalán in illegales Bohrloch gestürzt und erst in der Nacht zum Samstag tot geborgen worden. Seine letzte Ruhestätte befindet sich genau über der Mauergruft seines Bruders, der vor zwei Jahren gestorben war.

Tödliche Kopfverletzungen

Die Anteilnahme an dem Schicksal des Kindes und seiner Familie war am Sonntag so groß, dass Beamte der Nationalpolizei und der Guardia Civil den Zugang zum Friedhof regulieren mussten. Rund 2000 Menschen, so schätzten die Beamten, waren gekommen, um der Familie beizustehen. Viele hatten Blumen dabei. Auch die Feuerwehrleute, die Vertreter des Zivilschutzes und des Psychologenteams, die entweder an der Bergung des Jungen oder der Betreuung der Eltern beteiligt waren, trauerten um Julen.

Das Resultat der Obduktion war noch am Samstag veröffentlicht worden. Die Beschaffenheit der Leiche ließ demnach darauf schließen, dass Julen „im freien Fall“ 71 Meter in die Tiefe gestürzt war. Dabei soll sich Gestein gelöst haben, das auf den Junge herabfiel und tödliche Kopfverletzungen verursachte. Julen war mit den Füßen voran in die Tiefe gerutscht.

Wer trägt die Kosten für den Rettungseinsatz?

Für die Eltern war die Beisetzung der vorläufige Abschluss eines Martyriums, dem möglicherweise noch ein juristisches Nachspiel folgen wird. Denn mit dem Tod des Kindes rückt jetzt die Frage in den Mittelpunkt, wer für die Kosten des Einsatzes aufkommen muss.

300 Helfer waren im Einsatz. Kräne, Bagger und Planierraupen mussten zum Unglückshügel geschafft werden, ebenso zwei Hubschrauber. Mehr als 80.000 Kubikmeter Erde, Sand und Gestein waren offiziellen Angaben zufolge auf dem Berg bewegt worden – eine Arbeit, die nach Angaben der Einsatzleiter unter anderen Bedingungen Wochen, wenn nicht sogar Monate in Anspruch genommen hätte.

Zwar hatten die Bewohner des Dorfes vielen Helfer Übernachtungsmöglichkeiten in ihren Privathäusern eingerichtet und die Helfer zum Teil auch mit Essen versorgt. Dennoch werden die Kosten des Einsatzes auf etwa 800.000 Euro geschätzt.

Unabhängige Untersuchung verlangt

Eine Anwaltskanzlei hat angekündigt, am heutigen Montag beim Gericht Nummer 9 in Málaga einen Antrag einzureichen, der verhindern soll, dass die Spuren der Bergungsarbeiten umgehend beseitigt werden. Schon am Samstag war damit begonnen worden, dass schwere Gerät abzuziehen. Auch die Zelte für die Helfer am Berg waren schnell verschwunden.

Die Juristen verlangen aber eine unabhängige Untersuchung durch die Guardia Civil. Der Architekt Jesus Flores Vila aus Marbella hat mit acht Mitarbeitern im Auftrag dieser Kanzlei Zahlen und Fakten zusammengetragen, mit denen die Spezialisten vor Gericht beweisen wollen, dass der betriebene Aufwand ungerechtfertigt war.

„Die Kosten sollten deshalb nicht komplett auf die Schuldigen abgewälzt werden, die den Unfall verursacht haben. Man darf sie nicht für die Inkompetenz der verantwortlichen Ingenieure zur Kasse bitten“, sagte Vila. Kern der Kritik ist die Ernennung von Ingenieuren mit mangelnder praktischer Erfahrung, der Einsatz falscher Geräte und Fehlentscheidungen bei der Vorgehensweise.

Illegale Brunnen-Bohrungen

Wer für die Ausgaben im welchem Umfang in Regress genommen wird, müssen Gerichte klären. Die Eltern stehen in der Verantwortung, weil sie den Sturz des Jungen nicht verhindert hatten, ebenso wie der Besitzer des Grundstücks, auf dem das Loch entstanden ist. Auch die Firma, die ohne Genehmigung den 107 Meter tiefen Schacht in das Gelände gebohrt hat, wird sich Fragen gefallen lassen müssen. Der Unternehmer ist allerdings nicht der Einzige in Spanien, der ohne die entsprechenden Papiere solche Löcher hinterlässt.

Schätzungen von Umweltorganisationen belaufen sich auf mehr als einer Million illegaler Bohrungen nach Wasserquellen. Die Auftraggeber stammen meistens aus der Landwirtschaft und benötigen das Wasser für die Produktion von Oliven, Avocados, Mangos oder Rotfrüchten. Aber auch Investoren in den Tourismus sind auf der Suche nach Wasser, wenn die Behörden die nötigen Lizenzen für legale Bohrungen nicht ausstellen.

Das Problem mit dem Entzug des Grundwassers ist so groß, dass die Europäische Union Spanien vergangene Woche vor dem EU-Gerichtshof verklagt hat. Der europäischen Wasserrahmenrichtlinie zufolge müssen die Mitgliedsstaaten geeignete Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers ergreifen. Eine Aufgabe, die Spanien nicht konsequent genug verfolgt.

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