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Unglück in Totalán : Zweijähriger tot in Brunnenschacht in Spanien gefunden

Vor zwei Wochen fiel der kleine Julen in Spanien in ein illegal gebohrtes Brunnenloch. Nun ist klar, dass der Junge den Sturz nicht überlebt hat.

Marcel Grzanna
Rettungskräfte beim Einsatz an der Unglücksstelle in Spanien
Rettungskräfte beim Einsatz an der Unglücksstelle in SpanienFoto: dpa/Daniel Pérez

Es war ein fast intimer Moment, in dem die Eltern Gewissheit erhielten. Die meisten Kameras der TV-Sender waren schon abgebaut für diesen Abend, als Mutter und Vater in der Nacht zum Samstag die Nachricht erhielten: Julen lebt nicht mehr. Das Hoffen, das Beten, das Flehen – es war alles vergebens. Zwölfeinhalb Tage nach seinem Sturz in ein illegal gegrabenes Bohrloch am Rande der südspanischen Ortschaft Totalán wurde der zweijährige Junge aus einer Tiefe von über 70 Metern tot geborgen. Bis zuletzt hatten die Verantwortlichen betont, dass sie an eine mögliche Rettung des Kindes glaubten. Doch der Optimismus wurde nicht belohnt. Um 1:25 Uhr am frühen Samstagmorgen fanden die Helfer den leblosen Körper des Jungen.

Die Bergung beendete alle Spekulationen darüber, ob sich Julen überhaupt in dem Loch befinden würde. Schon kurz nach seinem Verschwinden waren Zweifel an der Version der Eltern laut geworden, dass er in den schmalen Schacht gerutscht sei. Der Eingang des Bohrlochs betrug 25 Zentimeter im Durchmesser, was etwa der Größe eines Tellers für ein Hauptgericht entspricht. „Wieso soll der denn da rein passen“, hörte man immer wieder. Die Eltern hatten bereits gedroht, dass sie jene gerichtlich zur Verantwortung ziehen wollten, die solche Gerüchte in Umlauf gebracht hatten.

Eine Obduktion wird nun die Todesursache feststellen müssen und die Frage beantworten, wie lange das Kind möglicherweise noch lebte, nachdem es am Nachmittag des 13. Januar in den Schlund gerutscht war. Erst wenn diese Prozedur abgeschlossen ist, können die Ermittler der Guardia Civil auch ein Verbrechen ausschließen.

Enge Betreuung für die Eltern

Es legte sich eine seltsame Mischung aus Trauer und Erleichterung über den Unglücksberg, als klar war, dass ein Wunder nicht herbeigesehnt werden konnte. Die bedrückende Gewissheit erfasste jene, die ausgeharrt hatten, scheinbar gleichermaßen. Als die Nachricht vom Leichenfund die Runde machte, schien das Leben aller, die sich rund um den Berg aus Neugier, Solidarität oder aus beruflichen Gründen dort versammelt hatten, für einen Augenblick still zu stehen. Es war ein Moment, in dem jedem klar wurde, dass dort tatsächlich ein hilfloses Kind gestorben war.

Das tragische Ende eröffnete zumindest aber die Möglichkeit, damit zu beginnen, die Tragödie zu verarbeiten. Mancher Helfer hockte völlig ausgelaugt auf dem Boden und stützte seinen Kopf auf die Knie. Bis zu 300 Menschen hatten in den vergangenen zwölf Tagen an der versuchten Rettung teilgenommen. Auch zwei Helikopter waren im Laufe des Freitags noch eingeflogen. Einer hatte Sprengstoff aus Sevilla gebracht, der im Rettungsschacht zum Einsatz kam, ein anderer war mit medizinischem Gerät ausgestattet und bereit, das Kind umgehend in ein Krankenhaus zu fliegen, hätte Julen überlebt.

Den Eltern verwehrten die Verantwortlichen in den letzten Stunden des Einsatzes indes den Zugang zum Bohrloch. So konnte auch vermieden werden, dass ihre Reaktionen auf den Tod des Jungen öffentlich durch Fotografen oder Fernsehkameras festgehalten wurden. Sie erlebten nur aus der Ferne, wie die acht Bergleute aus Asturien Zentimeter um Zentimeter Gestein aus dem Querstreb in der Richtung der Stelle schlugen, wo Julen schließlich gefunden wurde. Sie waren die Ersten, die vom Tod des Kindes erfuhren.

Wenig später schrieb Ministerpräsident Pedro Sánchez auf Twitter: "Ganz Spanien fühlt mit der unendlichen Trauer von Julens Familie." König Felipe VI. sprach der Familie des Jungen sein "tiefempfundenes Beileid" aus. Die Polizeieinheit Guardia Civil, deren Sprengstoffexperten bei dem Bergungseinsatz geholfen hatten, twitterte das Bild eines weinenden Auges. "Leider war es trotz so großer Anstrengungen so vieler Menschen nicht möglich...", hieß es dazu.

2017 verloren die Eltern bereits einen Sohn

Für José Rosello und seine Frau Victoria ist es ein unfassbares Leid. Denn der arbeitslose Marktverkäufer und die Bedienung einer Fastfood-Kette werden vom Schicksal hart auf die Probe gestellt. 2017 hatten sie bereits einen Sohn verloren. Julens älterer Bruder Oliver starb bei einem Strandspaziergang mit drei Jahren an Herzversagen.

Die beiden wurden während der gesamten zwölf Tage rund um die Uhr von Psychologinnen betreut. Aus Kreisen der Familie aber war zu hören, dass es vor allem die Anwesenheit von Juan José Cortes war, der den Eltern gut tat in den vergangenen fast zwei Wochen. Cortes ist ein Mann mit grauen Haaren und grauem Bart. Er versprüht ein Charisma, das von einer sanften Stimme unterstrichen wird.

„Die Eltern sind wahnsinnig stark. Ich versuche ihnen Mut zu machen, solange der Junge nicht gefunden ist“, sagte Cortes noch am Freitagmittag. „So oder so müssen sie ihr Leben weiterführen. Und sie dürfen sich keine Vorwürfe machen.“

Vor mehr als zehn Jahren verlor Cortes selbst seine damals fünfjährige Tochter. Das Mädchen war entführt und erst knapp zwei Monate später ermordet aufgefunden worden. Cortes gründete daraufhin eine Organisation, die anderen Eltern hilft, über den Verlust ihrer Kinder hinweg zu kommen. Er therapiert sich mit seiner Arbeit immer auch ein Stück weit selbst, gibt er zu.

Immer wenn Julens Eltern in den vergangenen fast zwei Wochen an die Öffentlichkeit gegangen waren, stand Cortes unmittelbar an ihrer Seite und übernahm auch das Wort. So wie in der Nacht vor der Bergung des Kindes. Freunde und Unterstützer der Familie hatten sich versammelt, um gemeinsam mit den Eltern zu beten und zu singen. Sogar aus dem drei Autostunden entfernten Sevilla waren völlig Fremde angereist, um ihre Solidarität durch ihre Anwesenheit zu bekunden. Die spanische Folklore hallte durch die Dunkelheit und legte sich wie ein wohliger Mantel um die Gefühlswelt der Eltern. Viele Anwesende konnten in diesen ergreifenden Momenten ihre Tränen nicht zurückhalten. Als die Eltern sich in ein Zelt zurückzogen, sang die Gruppe noch lange weiter.

Kritik an Rettungsarbeiten

Wenige Stunden bevor Julen gefunden wurde, verteidigte der Präsident der Provinzfeuerwehr von Málaga Francisco Delgado Bonilla, der auch Politiker der neuen andalusischen Regierungspartei PP ist, die Bergungsarbeiten. „Es gab keine falschen Entscheidungen. Die Bedingungen, unter denen hier gearbeitet werden, sind extrem hart“, sagte Bonilla.

Unabhängige Architekten und Ingenieure hatten sehr früh nach Beginn der Arbeiten, die gesamte Strategie der Verantwortlichen in Frage gestellt. Ihre Hilfsangebote wurden ignoriert. Die Kritiker warfen der Politik vor, einen in der Praxis unerfahrenen Theoretiker als federführenden Ingenieur eingesetzt zu haben, der viele Tage verschenkt habe, weil er unter anderem auf das falsche Gerät setzte. Bonilla reagiert empört auf die Vorwürfe. „Einen solchen Fall unter solchen Bedingungen auf solchem Gelände hat es noch nie gegeben. Nichts, was es vorher gab, ist im Geringsten mit diesem Einsatz vergleichbar.“

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