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couple of lovers. Men using wheelchair in the park - happy couple
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Tagesspiegel Plus

„Ich könnte das nicht“: Wie es sich liebt, wenn der Partner im Rollstuhl sitzt

Nora verliebt sich in Martin. Er hat eine Spastik. Das stört sie nicht, aber aus dem Umfeld kommen komische Sprüche.

Nora läuft durch die kühlen Gänge der Behinderteneinrichtung. Draußen ist Sommerfest. Als Lehrerin wird sie gleich wieder zu ihren Schülern müssen, aber davor braucht sie einen Moment für sich. Sie will kurz beim Büchertrödel schauen, was es Neues gibt. Nora liebt Literatur. Seit sie elf Jahre alt ist, liest sie die Klassiker. Von Goethe bis Shakespeare. Gerade beginnt sie mit einer Dissertation über das schwer aufzutreibendes Frühwerk eines bekannten Autoren. Wenige Ausgaben sind in irgendwelchen Haushalten verteilt.

Beim Büchertrödel sitzt ein Mann im Rollstuhl. Er liest. Das Kinn liegt auf seiner Brust, so vertieft ist er. Nora murmelt, mehr zu sich selbst, ob sie hier vielleicht fündig wird, was das Frühwerk angeht. Da schaut er hoch: „Hier sicher nicht, aber bei mir zu Hause.“

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© Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller

Nora kann es nicht fassen. Hat sie hier gerade ernsthaft einen der seltenen Besitzer getroffen? In einer Bücherecke im brandenburgischen Nirgendwo? Der Mann, mutmaßt sie, muss mindestens Literaturprofessor sein.

Sie kommen ins Gespräch. Martin, der wie Nora eigentlich anders heißt und nicht erkannt werden möchte, ist zwar nicht Professor, aber Antiquar. Er wollte Literatur studieren, doch das ging nicht, weil da, wo er herkommt, im Osten, hätte er das nur an der Humboldt Universität gekonnt – und die war damals nicht rollstuhlgerecht. Nora und Martin lachen. Er schaut zu ihr hoch. Sie zu ihm runter. Es ist egal, im Gespräch sind sie auf Augenhöhe.

Irgendwann ruft jemand nach Nora. Sie muss zurück zu ihren Schülern. Lässt sich aber vorher noch seine Handynummer geben.

Nora ist 60 Jahre alt, als sie Martin kennenlernt

Nora war schon oft verliebt. Oft unglücklich, sagt sie. Als sie Martin kennenlernt, ist sie 60 Jahre alt. Hat drei Kinder und war zweimal verheiratet. Martin ist 50 Jahre alt und hatte wenige Beziehungen, die alle nicht lang hielten. Vielleicht, weil ihm kaum jemand intellektuell das Wasser reichen kann. Vielleicht, weil er immer so viel Zeit für sich braucht. Zum Lesen. In allen Alltagsverrichtungen. Wegen seiner Behinderung.

Er hat eine Tetra-Spastik. Das bedeutet, er ist am ganzen Körper gelähmt, kann sich nur mit sehr großer Mühe selbstständig bewegen, extrem langsam und sehr eingeschränkt. Vielen Frauen war das zu anstrengend.

Mit Nora ist es wieder so, denkt er nach den ersten Treffen. Eine Frau, die seine Worte sehr schätzt, mit der er sich wahnsinnig gut unterhalten kann – die ihm dann aber, nachdem die ganz großen Gedanken ausgetauscht sind, mitteilt, dass sie nicht mit einem Mann mit Behinderung zusammen sein kann.

An einem Tag sitzt er mit ihr im Café. Sie ist schweigsam. Jetzt kommt sie gleich, denkt er. Die Zurückweisung. Doch da nimmt Nora seine Hand und sagt, dass sie ihn mag. Sehr mag. Im Auto fangen sie an zu knutschen. Ganz wild.

Nora überlegt, ihre Wohnung im vierten Stock aufzugeben

Es folgt ihr Honeymoon. Sie verbringen die Nächte zusammen. Sprechen über Bücher oder lesen sich gegenseitig vor. Tagsüber gehen sie ihren jeweiligen Beschäftigungen nach.

Es dauert nicht lange, da hat Martin einen Gehwagen in Noras Wohnung. Die Treppen kann er hochgehen, braucht dafür bloß eine Weile. Nora überlegt, ihre Wohnung im vierten Stock aufzugeben und sich stattdessen etwas im Erdgeschoss zu suchen, damit es für ihn leichter ist.

Martin mag, wie egal Nora seine Behinderung zu sein scheint. Dass sie nie auf die Idee kommt, ihn in seinem Rollstuhl zu schieben, sondern nebenher läuft. Wie sie ihn in Ruhe lässt, damit er lesen kann, denken und mit seinen Freundinnen quatschen, zu denen er seit Jahren enge Beziehungen pflegt.

Das erste Treffen mit seiner besten Freundin ist komisch

Dann ist es so weit. Martin stellt Nora seine beste Freundin vor. Es ist hakelig zwischen den dreien. Hat die Freundin Angst, auf ihren besten Freund verzichten zu müssen? Im Laufe des Treffens sagt sie zu Nora: „Ich könnte das ja nicht, mit einem Mann im Rollstuhl zusammen sein.“ Vielleicht soll es bewundernd klingen, wertschätzend. Aber Nora mag den Ton nicht. Er verletzt sie. Und er ist ihr auch zu profan.

Nur weil ein Mensch eine Behinderung hat, ist er doch nicht weniger attraktiv. Ihr fällt dazu eine Geschichte über Moses Mendelssohn ein: Mendelssohn, ein Mann mit Buckel, klein und verwachsen, schrieb wunderschöne, kluge Briefe an seine Geliebte. Die aber schien, als sie ihn zum ersten Mal sah, sichtlich erschrocken über sein Aussehen zu sein. Doch Mendelssohn, so beschreibt er es in einem Brief an Lessing, sagte ihr, dass er davon überzeugt sei, dass bei der Geburt jedes Kindes im Himmel bereits feststünde, wen es später heiraten werde.

Auch ihm sei eine Frau zugeordnet worden. Über die es jedoch hieß, dass sie einen Buckel habe. Aber er, Mendelssohn, konnte sich ja denken, was so ein Buckel für eine Frau bedeuten würde. Wie furchtbar der wäre. Woraufhin er den lieben Gott anflehte, dass doch lieber er den Buckel nehmen würde, um die Frau zu entlasten. Und deshalb sehe er jetzt halt so aus, wie er aussehe.

Das fand seine Geliebte so beeindruckend, dass einer Hochzeit nichts mehr im Weg stand. Die beiden bekamen zehn Kinder.

Auch Martin bringt mit seinem Witz und den Ideen beide immer wieder zum Lachen. Sieben Jahre schon. Der Kontakt zu seiner besten Freundin besteht weiterhin. Martin kann gut über Vorurteile hinwegsehen. Das hat er sein ganzes Leben lang gelernt. Und Nora hält sich zurück, lässt ihn sein Ding machen – und macht parallel ihr eigenes. Mittlerweile wohnen beide in einem Haus in Brandenburg, in zwei getrennten Wohnungen. Er unten, rollstuhlgerecht, sie oben. Aber nachts treffen sie sich. In ihrem gemeinsamen Schlafzimmer. Unten, bei ihm.

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