Warum Bisexuelle auch von Homos diskriminiert werden

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"Bi Visibility Day" : Die ignorierten Bisexuellen
Frederik Schindler

Um auf diese Unsichtbarkeit und eine spezifisch antibisexuelle Diskriminierung aufmerksam zu machen, wird seit 1999 am 23. September der Bi Visibility Day, auch Celebrate Bisexuality Day genannt, begangen.

In Paris gibt es sogar einen Bi Pride

Bisexuelle Aktivistinnen und Aktivisten aus Europa, Nordamerika und Australien organisieren in diesem Jahr Veranstaltungen wie Vorträge und Diskussionen, Filmvorführungen, Stammtische, Workshops und Kundgebungen. In Paris findet sogar ein eigener bisexueller Pride statt. Rund um den Aktionstag veranstalten die US-amerikanischen Gruppen BiNet USA und GLAAD die sogenannte "Bisexual Awareness Week" mit ähnlichen Inhalten.

Die Schauspielerin Evan Rachel Wood machte gerade mit einer Tweetserie auf diese Woche aufmerksam, im Rahmen derer sie von biphoben Erfahrungen berichtete. "Bisexuelle sind die größte Gruppe innerhalb der LGBT-Community und werden dennoch schwer anerkannt", stellte sie fest. "Oftmals spüren sie, dass kein Platz für sie da ist, was zu bedeutenden Gesundheitsproblemen führen kann."

Gemeinsam ist allen bifeindlichen Stereotypen, dass sie sowohl unter Heterosexuellen als auch unter Homosexuellen verbreitet sind. Zudem wird nicht nur von der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft ein Coming-Out verlangt, auch innerhalb der LGBT-Communities fühlen sich Bisexuelle oftmals zu einem solchen Schritt gedrängt.

Ein anderer Vorwurf: Zu feige, um sich "richtig" zu outen

Besonders verbreitet ist hier der Vorwurf, Bisexuelle seien eigentlich Lesben oder Schwule, die heterosexuelle Privilegien genießen wollen und nur zu feige seien, um sich "richtig" zu outen. Sie werden von Schwulen und Lesben häufig nicht akzeptiert oder ernstgenommen, über ihre Sexualität wird sich lustig gemacht - oder sie wird delegitimiert, wenn behauptet wird, dass durch Bisexualität schwul-lesbische Politik verraten wird.

"Ich kann euch versichern, dass heterosexuelle Privilegien, die ich manchmal habe, durch Biphobie getilgt werden", schreibt Evan Rachel Wood dazu auf Twitter. Eine bisexuelle Frau gilt entweder als Hetera, die nach Aufmerksamkeit sucht, oder als Lesbe, die ihre richtige Sexualität versteckt. Auch der Vorwurf, mit der Bezeichnung als bisexuell würde man die normative Zweigeschlechtlichkeit verstärken, kommt meist von anderen Nicht-Heterosexuellen. Dabei wird jedoch völlig verkannt, dass die Konzepte heterosexuell, lesbisch und schwul ebenfalls von genau zwei Geschlechtern ausgehen.

Evan Rachel Wood macht mit Tweets aufmerksam

Die Diskriminierungen durch Schwule und Lesben werden von Bisexuellen als besonders verletzend beschrieben, da diese sich meist der LGBT-Community zugehörig fühlen und sich Unterstützung und Sicherheit durch andere Betroffene von Homophobie erwarten.

Auch dazu twitterte die Schauspielerin Wood: Sie habe ähnliche Erfahrungen wie Schwule, Lesben und Transgender gemacht, unter Panik, Scham und Depression gelitten. Nach ihrem bisexuellen Coming-Out fühlte sie sich, als würden Menschen wieder über sie urteilen, nur aus anderen Gründen. "Es fühlt sich immer noch so an, als müssten wir uns selbst und unsere Würdigkeit ständig innerhalb der Community beweisen."

Dies gilt bereits seit dem Entstehungspunkt der Lesben- und Schwulenbewegung. Obwohl Bisexuelle und Transgender etwa beim New Yorker Stonewall-Aufstand 1969 zahlreich vertreten waren, sind diese dort bis heute kaum sichtbar und von Diskriminierung betroffen. Dies beginnt bei fehlender Repräsentation und kann bis zum Ausschluss aus schwul-lesbischen Räumen oder von schwul-lesbischen Veranstaltungen und Sportteams gehen.

Biphobie kann fatale Folgen haben

Biphobie und Unsichtbarkeit von Bisexualität können fatale Folgen für Betroffene haben. Zunächst kann internalisierte Biphobie dazu führen, sich zu einer Entscheidung zu einer monosexuellen - also hetero- oder homosexuellen - Identität zu drängen und eigene Gefühle zu verleugnen. Gerade gegenüber dem Gesundheitswesen kann die Unsichtbarkeit ein Coming-Out erschweren.

Mehrere Studien ergaben, dass Bisexuelle die höchsten Raten an Angststörungen und Depressionen und gleich hohe oder noch höhere Suizidalitätsraten als Homosexuelle haben. Sie erhalten eine geringere Unterstützung der Familie und negativere Rückmeldungen aus dem Freundeskreis als Lesben und Schwule. Bisexuelle Männer haben zudem öfter ihre sexuelle Identität als Grund für selbstverletzendes Verhalten angegeben als homosexuelle Männer.

In allen Untersuchungen wurden die Ergebnisse dabei mit Biphobie und Unsichtbarkeit von Bisexualität verknüpft. Zudem sind bisexuelle und lesbische Frauen einem noch größeren Risiko als heterosexuelle Frauen ausgesetzt, belästigt zu werden oder sexualisierte Gewalt zu erfahren. Gerade bei jungen Menschen kann Exklusion und Diskriminierung zu einem niedrigen Selbstwertgefühl führen. An diese Menschen hat Evan Rachel Wood den letzten Tweet ihres Statements gerichtet: "Wir existieren. Lass dich von niemanden wertlos machen. Niemand außer dir kennt deine Reise."

 - Der Autor studiert im Master Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er twittert unter dem Namen @Freddy2805.

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