Eine queere Beziehung im KZ : Als sich eine Aufseherin in die Jüdin Helene Sommer verliebte

Für die eine ist es Liebe, für die andere geht es ums Überleben. Die Geschichte einer erzwungenen Verbindung in einem Hamburger Lager in der NS-Zeit.

Anna Hájková
Anneliese Kohlmann war Aufseherin in einem Hamburger KZ. Schon früher hatte sie Beziehungen mit Frauen - so auch im Lager. Hier ist sie Ende 1945 in britischer Haft zu sehen.
Anneliese Kohlmann war Aufseherin in einem Hamburger KZ. Schon früher hatte sie Beziehungen mit Frauen - so auch im Lager. Hier...Foto: Hamburger Staatsarchiv

Im Herbst 1944 beobachteten die jüdischen Häftlinge des Hamburger KZ-Außenlagers Neugraben mit Faszination und Abscheu, wie eine Aufseherin sich in eine von ihnen verliebte. Anneliese Kohlmann, die Aufseherin, war eine junge, gut aussehende Frau. Sie trug Hosen und hatte kurze Haare. Die Häftlinge nannten sie „Bubi“. Im Lager verliebte sie sich in die hübsche Helene Sommer. Die beiden wurden ein Paar.

Die Geschichte dieser erzwungenen Beziehung, rekonstruiert anhand von Prozessakten, Überlebendenerinnerungen und Wiedergutmachungsakten, eröffnet neue Perspektiven auf Sexualität im Holocaust, Homophobie der Lagergesellschaft, Abhängigkeit, aber auch Handlungsmacht der Holocaustopfer.

Anneliese Kohlmann war damals 23, sie war in einer Familie aufgewachsen, die der Ideologie des Nationalsozialismus nahestand. Geboren in Hamburg als uneheliche Tochter einer armen Frau, wurde sie mit vier Jahren vom kinderlosen bürgerlichen Ehepaar Kohlmann adoptiert. Georg Kohlmann war Lehrer an der altehrwürdigen Hamburger Wahnschaff-Schule, er schrieb einen Beitrag für das NS-Lehrbuch „Das ewige Volk“.

Anneliese besuchte eine höhere Töchterschule, machte aber kein Abitur und wurde in ihrem „Pflichtjahr“ beim Roten Kreuz als Köchin ausgebildet. Später arbeitete sie als Schaffnerin bei der Straßenbahn.

Sie hatte in der NS-Zeit früh Beziehungen mit Frauen

Mit 19 trat sie in die NSDAP ein. Sie hatte früh Beziehungen mit Frauen und war genau informiert, wann der NS-Staat gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Frauen verfolgte und wann nicht.

Im November 1944 verpflichtete sie das Arbeitsamt zur Waffen-SS als KZ-Aufseherin. Neugraben, ein Außenlager des KZ Neuengamme, lag am Rande Hamburgs. Die 500 Frauen, die alle aus dem Theresienstädter Familienlager in Auschwitz kamen, hatten in Hamburg Ruinen abzuräumen und beim Neuaufbau mitzuarbeiten. Im Februar 1945 wurden die Häftlinge in ein weiteres Außenlager, nach Tiefstack, verlegt.

Es war nicht einfach, der Verpflichtung des Arbeitsamtes zu entkommen, schon gar nicht in den letzten Kriegsmonaten. Das Netz der Zwangsarbeitslager wuchs, das „Dritte Reich“ brauchte alle Kräfte und griff auf KZ-Häftlinge zurück.

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In Städten wie Hamburg, Berlin oder München gab es unzählige Lager, deren Insassen in der Industrie oder bei der Trümmerbeseitigung arbeiten mussten, und dazu brauchte man Aufseherinnen und Aufseher. Historiker wie Elissa Mailänder und Johannes Schwartz haben gezeigt, wie diese Menschen innerhalb von Monaten Brutalität lernten und die Häftlinge als Untermenschen behandelten.

Die Überlebenden aus dem KZ beschrieben die Aufseherin überwiegend als harmlos

Kohlmann war anders als ihre Kolleginnen: Die Überlebenden beschrieben sie überwiegend als anständig und harmlos. Wenn sie ihre Eltern besuchte, soll sie deprimiert gewesen sein und sich über die fürchterlichen Bedingungen im Lager beklagt haben. Und sie brachte Essen, Zigaretten und Kleidung für die Häftlinge mit, das heißt auch für Helene Sommer. Geschlagen haben soll Kohlmann dennoch: bei „Unruhe“ bei der Essensausgabe, oder wenn sich die Insassen über sie auf Tschechisch lustig machten.

Was wissen wir über Helene Sommer, die mit Kohlmann eine Beziehung einging? Sie kam 1922 zur Welt und wuchs in einer sehr wohlhabenden jüdischen Prager Familie auf. Im Dezember 1941 wurde sie mit ihrer Familie ins Ghetto Theresienstadt deportiert, zwei Jahre später ins Familienlager Auschwitz, wo sie Blockälteste wurde.

Helene Sommer (Name geändert) war die Häftlingsfrau im KZ, mit der Kohlmann eine Beziehung einging. Sommer überlebte das KZ und versuchte sich später beim Film.
Helene Sommer (Name geändert) war die Häftlingsfrau im KZ, mit der Kohlmann eine Beziehung einging. Sommer überlebte das KZ und...Foto: Karel Ludwig /Archiv B&M Chochol

Sommer war auffällig schön, sogar unter den unmenschlichen Bedingungen im Lager in Auschwitz. In Hamburg galt sie als die hübscheste Frau. Eine Prager Überlebende erinnerte sich: „Lenka [tschechische Verniedlichung von Helene] war ein wunderschönes Mädchen. Wie sagten damals, schön und dumm, wie Lenka. Aber sie war nicht so dumm, sie rettete ihr Leben, sie wurde Geliebte des Lagerältesten.“

Dieser Lagerälteste war ein Hamburger Kleinkrimineller, Willy Brachmann. Er wurde nach den Nazigesetzen als „Berufsverbrecher“ verfolgt und nach Sachsenhausen und dann nach Auschwitz deportiert. Hier ernannte ihn die SS zum Kapo und später zum Lagerältesten. Brachmann war für die Häftlinge im Familienlager verantwortlich, bei der Essensausgabe, Zuteilung der Menschen zur Zwangsarbeit und nächtlicher Ausgangssperre.

Erfahrungen mit sexuellem Tauschhandel

Brachmann verlor anders als viele andere Häftlinge mit „schwarzem Winkel“, die als Funktionshäftlinge arbeiteten, nie seine Menschlichkeit. Er brachte seinen Geliebten Essen und Kleidung und beschützte sie vor sexueller Gewalt der SS. Er deckte die kleine kommunistische Widerstandsgruppe im Familienlager und rettete zwei Menschen, als er sie bei der Selektion durchschmuggelte.

Als Helene Sommer in Neugraben mit Anneliese Kohlmann eine Beziehung einging, war das also nicht ihre erste Erfahrung von sexuellem Tauschhandel. Es ist natürlich schwierig, bei einer solcher absoluten Abhängigkeit von „Beziehung“ zu sprechen. Zudem hatte Helene ihre Mutter dabei, die mit 48 Jahren als eine alte Frau im Lager galt. Sommer wusste genau, dass den alten und als nicht mehr „arbeitsfähigen“ Menschen Ermordung drohte. Ihre Mutter zu retten war also eine zusätzliche Motivation.

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Die Überlebenden beobachteten, wie Sommer und Kohlmann miteinander viel Zeit verbrachten, sich zärtlich berührten und küssten. Kohlmann soll die Nächte in Sommers Bett in der Häftlingsbaracke verbracht haben. Die Aufseherin glaubte, die Beziehung sei echt, Sommer soll ihr vorgeschlagen haben, nach dem Krieg mit nach Prag zu kommen.

Viele weibliche Häftlinge tauschten Sex gegen Essen – mit den Bewachern oder Kriegsgefangenen aus dem Lager nebenan –, aber eine Beziehung mit einer Frau und dann auch noch einer Aufseherin? Das verstieß gegen alles, was die Frauen für richtig hielten; die Lagergesellschaft war reich an homophoben Vorurteilen. Ella Deutsch aus Ostrava beobachtete das Schmusen der beiden, und es war ihr davon „zum Kotzen“, schrieb sie in ihren Memoiren.

Die Lagergesellschaft lehnte gleichgeschlechtliche Beziehungen strikt ab

Auch Häftlingsfrauen, die miteinander Liebesbeziehungen hatten, lehnte die Lagergesellschaft strikt ab. Das erlebten zwei Teenagerinnen, Margot aus Bielefeld und deren Freundin, die Wienerin Edith. Sie waren alleine im Lager; ihre Liebe, wie sich Margot erinnert, erhielt sie am Leben. Die anderen Frauen kritisierten die Mädchen.

Ende März 1945 tauchte auf einmal wieder Willy Brachmann auf. Er war von einem Todesmarsch geflohen und kehrte nach Hamburg zurück. Dass er Helene Sommer ausfindig machen konnte, weist darauf hin, dass sie in Kontakt blieben.

Willy Brachmann, Lagerältester im Familienlager Auschwitz. Dort wurde Helene Sommer Brachmanns Geliebte, ebenfalls um ihr Überleben zu retten.
Willy Brachmann, Lagerältester im Familienlager Auschwitz. Dort wurde Helene Sommer Brachmanns Geliebte, ebenfalls um ihr...Foto: Archiv des Staatlichen Museum Auschwitz

Anneliese Kohlmann ermöglichte beiden, sich zu treffen. Anfang April wurde das Lager Neugraben indes aufgelöst. Alle Häftlinge, auch Helene Sommer, wurden nach Bergen-Belsen geschickt. Kohlmann gehörte zu denjenigen, die den Transport begleiteten. Unterwegs ermöglichte sie vier Frauen die Flucht. In Belsen wurde sie aber vom Kommandanten zurück nach Hause geschickt – gegen ihren Willen.

Kohlmann ließ jedoch nicht locker. In Hamburg traf sie Brachmann, gemeinsam radelten sie durch die Lüneburger Heide erneut nach Belsen. Warum sich die beiden, die in Bezug auf Helene Sommer doch eigentlich Rivalen waren, erneut zusammentaten, wird aus den Quellen nicht klar.

Wie auch immer: Kohlmann zog sich Sträflingskleidung an und Brachmann half ihr, in das Lager hereinzukommen. Kohlmann suchte unter den Tausenden Leichen und sterbenden Menschen „ihre“ Helene – und fand sie. Mit ihr verbrachte sie die letzten Tage, ehe am 15. April die Briten das Lager befreiten.

Anneliese Kohlmann wurde von den Häftlingen an die Briten übergeben

Die Häftlinge diskutierten, was sie mit ihrer ehemaligen Aufseherin tun sollten. Ja, sie war anständig. Aber sie war eine Aufseherin. Und so übergaben sie Anneliese Kohlmann an die Briten, die sie verhafteten. Mit anderen Bewacherinnen musste sie die Leichenberge räumen.

[Die Autorin ist Associate Professor an der University of Warwick. Sie schreibt an einem Buch über Anneliese Kohlmann und die queere Geschichte des Holocaust. Sie sucht nach Hinweisen zu der Berliner Zeit Kohlmanns. Im Text wurde der Name von Helene Sommer geändert.]

Angeklagt wegen "sexueller Perversion"

Am 16. Mai 1946 stand Kohlmann im „Zweiten Belsen-Prozess“ vor einem britischen Militärgericht, einer der Vorwürfe war „sexuelle Perversion“. Brachmann sagte zu ihren Gunsten aus. Wer nicht aussagte, war Helene Sommer, obwohl sie noch einige Monate, also schon während der ersten Verhöre von Kohlmann, vor Ort blieb und dolmetschte.

Kohlmann wurde zu zwei Jahren verurteilt, ein Jahr in der Untersuchungshaft wurde ihr nicht angerechnet. In Fuhlsbüttel war sie als Lesbe in einer Einzelzelle. Nach der Entlassung war der Neuanfang für die verurteilte Kriegsverbrecherin schwierig, sie litt an Anämie, ihre alten Eltern konnten sie nicht mehr unterstützen.

Das KZ Bergen-Belsen Ende April 1945. Hierhin war Helene Sommer zum Kriegsende deportiert worden. Anneliese Kohlmann folgte ihr - und wurde in Belsen schließlich von den Briten verhaftet.
Das KZ Bergen-Belsen Ende April 1945. Hierhin war Helene Sommer zum Kriegsende deportiert worden. Anneliese Kohlmann folgte ihr -...Foto: imago/Leemage

Einige Jahre arbeitete sie offenbar als Prostituierte, später fuhr sie Lkws. Mitte der 1960er zog sie mit ihrer Partnerin Editha T., die selber als „Halbjüdin“ verfolgt worden war, nach West-Berlin. Hier wohnte sie in der Charlottenburger Goethestraße und arbeitete als Köchin in einem Krankenhaus in Zehlendorf. Sie starb an ihrer Arbeitsstelle am 17. September 1977.

Helene Sommer ließ Hamburg bald nach Kriegsende hinter sich. Zunächst kehrte sie mit ihrer Mutter nach Prag zurück. Sie versuchte es beim Film. Später heiratete sie einen Holocaust-Überlebenden und zog mit ihm nach Australien. Die Familie lebte bequem, Helene war Hausfrau, Mutter und Hobbykünstlerin. Sie sprach nie darüber, wie sie überlebt hat.

Eine Zwangsverpflichtete, die ihre Machtposition missbrauchte

Dies ist eine faszinierende Geschichte: von einer jungen zwangsverpflichteten Deutschen, die ihre Machtposition missbrauchte, auch wenn sie es als Liebe verstand. Die Hingabe an Helene Sommer, der sie nach Bergen-Belsen folgte, hatte einen hohen Preis. Als „einfache“ Neuengammer Aufseherin wäre sie wahrscheinlich nie verhaftet oder zumindest freigesprochen worden. Weil sie jedoch in Belsen von den Briten festgenommen und dazu noch wegen „sexueller Perversion“ angeklagt wurde, fiel das Urteil härter aus.

Die Geschichte zeigt auch eine jüdische Häftlingsfrau, die mehrfach die Chance ergriff, durch sexuellen Tauschhandel ihr Leben und das ihrer Mutter zu retten. Auch wenn die Beziehungen nicht frei gewählt waren, konnte Sommer Spielraum gewinnen.

Erzwungene heterosexuelle Beziehungen stießen auf weniger Widerstand

Schließlich erinnert uns die Homophobie der Überlebenden daran, wie gewaltsam und voller Ausgrenzung die Holocaustgeschichte erinnert und geschrieben wurde. Es gab viele erzwungene heterosexuelle Beziehungen, aber diese stießen auf weniger Widerstand. Die Überlebenden beschrieben sie mit mehr Verständnis: als „natürliche“ sexuelle Gewalt, manchmal auch als romantische Begebenheit, wo die Liebe der jüdischen Frau den bösen Mann zum Guten bekehren sollte.

Kohlmann und Sommer zeigen die ambivalente Wirklichkeit der queeren Geschichte des Holocaust. Die Homophobie der Lagergesellschaft zeigte Kohlmanns Liebe als monströs, dabei war sie menschlich und tragisch.

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