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Heinz Röhrig (1926-2016)

© privat

Nachruf auf Heinz Röhrig (Geb. 1926): Stets zu Diensten

Es wird nicht leicht gewesen sein als Schwuler in den 40er und 50er Jahren. Doch Heinz Röhring erzählte, wie er im Fummel durch Clärchens Ballhaus stöckelte. Nachruf auf einen Mann mit dem Talent zum Glücklichsein.

Von David Ensikat

Wer braucht New York zum Glücklichsein? Heinz bestimmt nicht. Aber es hat sich schön gefügt, dass er im hohen Alter doch mal dort war, wie auch in Paris und London. In New York entstand dieses Foto: Ein kultiviert lächelnder Herr von 84, den man auf höchstens 70 schätzen würde, mit vollem, geföhntem Haar, die Füße apart gekreuzt in bequemen Slippern, sitzt am Rand eines Brunnens und hält auf seinem Schoß die Einkaufstüte mit dem Foto eines gut gebauten Unterwäsche-Models, männlich selbstverständlich. Dann diese Situation, auch ohne Foto unvergesslich: Heinz in einer Schwulenbar, Manhattan, sitzt auf dem hohen Hocker, die Beine übergeschlagen, die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, fein nach oben gestreckt, ganz Grande Dame, da kommt ein sehr viel Jüngerer vorbei und streicht ihm übers weiße Haar. Hat sich gelohnt, noch mal in die Welt hinauszufahren.

Dass er derlei erst so spät tat, lag an seinem Talent zum Glück. Mit einem anderen Wort: an seiner Bescheidenheit. Wenn Freunde in die Welt fuhren, sagte er: „Fahrt ihr mal“, behielt die Schlüssel, goss die Blumen und freute sich, wenn sie es ihm mit Blumen dankten. Wenn Heinz anderen was Gutes tat, dann tat er sich was Gutes. Dafür braucht man keinen großen Radius, ein Mensch an der Seite kann genügen oder ein Haus mit ein paar Nachbarn, vielleicht ein Kiez.

Seine Mutter war Dienstmädchen

Außerdem, nicht zu unterschätzen für das Glücklichsein: ein Blick aufs Leben ohne Reue. Bestimmt hätte Heinz über die Härten eines Waisenheims, das Aufwachsen ohne Eltern sprechen können. Hat er aber nicht. Er erzählte, dass seine Mutter ein Dienstmädchen von 21 Jahren war, als er zur Welt kam. Sein Vater war der Dienstherr. Tolle Story, oder? Außerdem war der Vater Jude und emigrierte. Er bot an, den Sohn mit nach Argentinien zu nehmen. Daraus wurde nichts, aber wie die Leute guckten, wenn Heinz davon erzählte!

Dass er als sogenannter „Halbjude“, der ohne Eltern aufwuchs, es in der Nazizeit nicht leicht hatte, kann sich jeder denken. Heinz erzählte, dass er eine Bäckerlehre machen durfte. Deshalb konnte er diese wunderbaren Kuchen backen, bis er fast 90 war, jeden Sonntag mindestens zwei, und alle bekamen was davon ab.

Pedell und Graf

Es wird nicht leicht gewesen sein als Schwuler in den vierziger und fünfziger Jahren. Denkt man sich. Heinz erzählte, wie er im Fummel in Clärchens Ballhaus schwoofen ging. Probleme? Lauf mal auf Stöckelschuhen über Kopfsteinpflaster, nee also wirklich!

Drei Jahre nach Kriegsende lernte Heinz Edo kennen, „meinen Grafen“. Edo, der mit seiner Mutter eine 300-Quadratmeter-Wohnung in Charlottenburg bewohnte und mit ihr eine Privatschule führte. Heinz zog zu den beiden und arbeitete als Pedell in der Schule. Andere würden Hausmeister sagen, Heinz sagte Pedell.

Seinem Edo erfüllte er jeden Wunsch und war froh, in so herrschaftlichen Verhältnissen leben zu dürfen. Die Wohnung befand sich im selben Haus wie die Pension Clausewitz, West-Berlins teuerstes Bordell, wo der Whisky 3 Mark 50 kostete und das Mädchen 120.

Die Käsetheke im KaDeWe war seine Bühne

Heinz Röhrig (1926-2016)
Heinz Röhrig (1926-2016)

© privat

Als die Schule schließen musste, blieb genug Geld übrig, dass Edo den gut gemeinten Gattensatz sprach: Du musst doch nicht arbeiten gehen. So gern Heinz Hausmannsdienste verrichtete, so solide war seine Vorstellung vom sicheren Leben. Selbstverständlich ging er arbeiten, und zwar dort, wo die Arbeit auch eine Bühne war, hinter der Käsetheke des KaDeWe. Da beturtelte er die Kunden derart, dass jeder leicht erkannte, an welchem Ufer er zu Hause war. Dass er selbst nie Käse aß, ahnte natürlich niemand.

Zu Hause war Heinz zu Diensten seines Grafen. Als sie eine bescheidenere Wohnung bezogen, nur noch 200 Quadratmeter, besorgten sie Tapeten und Leisten ganz nach Edos Geschmack, und Heinz hätte nichts lieber getan, als seinem Edo den Palast herzurichten. Der jedoch hatte keine Lust auf Baustelle, und so blieben die Tapeten und Leisten jahrzehntelang unangebracht. Als 1999 Edo tot und Heinz allein war, konnte es geschehen: Heinz, inzwischen deutlich über 70, bestieg die Leiter und gestaltete sein Heim nach Edos Plänen. Großzügige Siebzigerjahre-Muster, Gründerzeitmöbel, ein Gobelin.

Sonntags buk er Kuchen für seine Freunde

Er lud Freunde ein, trug Kochschürze, lästerte und schwatzte, das Piccologlas in der linken Hand, die Zigarette in der rechten. Und freute sich, wenn er Freunden Freude bereiten konnte. So lebte er allein und war es nie, da er sich seine Familie geschaffen hatte, lauter Männer, denen er sonntags Kuchen buk, und von denen er nie erwartet hätte, dass sie sich je um ihn kümmern würden.

Erst in den letzten drei Monaten seines Lebens war das nötig. Dazu kam noch ein Glück: Der Pflegedienst schickte einen netten jungen Mann.

Dass die Freunde nach seinem Tod eine Feier ihm zu Ehren ausrichten würden, hätte Heinz sich nicht zu wünschen gewagt. Sie taten es in in der Kleinen Philharmonie, einem plüschigen Lokal mit Sammeltassen für den Kaffee. Er wird das von seiner flauschigen Wolke aus mit übergeschlagenen Beinen und abgespreiztem kleinen Finger beobachtet haben. Mit einer einzigen Sorge: Ob ihnen der Kuchen, den schließlich nicht mehr er gebacken hatte, auch geschmeckt hat?

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