Volker Beck über seinen Freund Manfred Bruns : Sein Lebensweg war krumm, gradlinig war nur er

Manfred Bruns war ein Vorkämpfer für Respekt und gleiche Rechte von homosexuellen, trans* und inter Menschen. Ein Nachruf auf den früheren Bundesanwalt.

Volker Beck
Manfred Bruns bei einer Tagesspiegel-Veranstaltung im Jahr 2016.
Manfred Bruns bei einer Tagesspiegel-Veranstaltung im Jahr 2016.Foto: Thilo Rückeis

Der Grünen-Politiker und Bundestagsabgeordnete Volker Beck war 13 Jahre lang gemeinsam mit Manfred Bruns im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). Beck ist heute Lehrbeauftragter des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität.

Am Dienstag starb Manfred Bruns, der große Vorkämpfer für Respekt und gleiche Rechte von Lesben, Schwulen, Trans* und Inter. Ich habe einen Freund verloren. Die LGBTI-Community, dieses Land hat ihm, seiner Charakterstärke, seiner Intelligenz und seiner Hartnäckigkeit unendlich viel zu verdanken: Er hat Deutschland weltoffener und zivilisierter gemacht.

Sein Lebensweg war krumm, nicht grad. Gradlinig war nur er. Er kam aus einem katholischen und tief konservativen Milieu. Er war verheiratet, blieb es nach seinem Coming out bis zu seinem Tod, auf ihn und sein Wort war eben immer Verlass. Das galt für seine Ehefrau, wie für seinen Mann Axel. Er war Vater dreier Kinder und ein stets herzlicher Großvater seiner Enkel.

Als vorzüglichen Juristen führte ihn seine Karriere zur Bundesanwaltschaft beim Bundesgerichtshof. Als er in den 80er Jahren nach der Öffnung gegenüber seiner Familie, auch gegenüber seinem Dienstherrn sein Coming out hatte und das Doppelleben beendete, dankte der Generalbundesanwalt Rebmann ihm diese Wahrhaftigkeit und Offenheit mit dem Entzug von Kompetenzen. Der Bundesjustizminister ließ ein Disziplinarverfahren prüfen.

Heute kann man nicht mehr ermessen, welchen Mut und welchen Preis ein Coming-out in dieser Zeit kostete, wenn man aus dem bundesdeutschen Establishment kam. Er aber gab nicht klein bei, sondern wurde in diesem Kampf zum Vorbild für viele. Die Phase des Doppellebens und der inneren Qualen und Widersprüche wollte er der nächsten Generation unbedingt ersparen. Das trieb ihn immer wieder an, für Respekt und gleiche Rechte mit offenem Visier zu kämpfen.

 Er erhob seine Stimme und wurde gehört

Sein öffentliches Coming out fiel mitten in die Hysterie der Aids-Krise der 80er Jahre. Die Zahl der in Deutschland öffentlich bekannten Homosexuellen konnte man damals locker noch an einer Hand abzählen. Er erhob seine Stimme und wurde gehört. Im Bundesverband Homosexualität, einem politikunfähigen Zusammenschluss westdeutscher Schwulenorganisationen, lernten wir uns damals kennen. Die SPD benannte ihn zum Sachverständigen in der Aids-Enquete-Kommission. Hier wurde er schnell zum Sprachrohr einer rationalen HIV-Präventionsstrategie und er versuchte mit Erfolg, der Politik klar zu machen, dass eine wirksame Prävention nicht ohne eine entdiskriminierende Politik zu haben ist.

Ein erstes Plädoyer gegen das Eheverbot für Homosexuelle

1989 schrieben wir gemeinsam ein Papier zu den „Möglichkeiten und Grenzen schwul-lesbischer Rechtspolitik für die 90er Jahre". Von der mehrheitlich linkskulturell-tickenden Schwulenbewegung erhielten wir zunächst eine krachende Abfuhr. Und erst nach knapp drei Jahrzehnten hatten wir diese Agenda tatsächlich abgearbeitet. Mit der Wende und dem in Leipzig gegründeten Schwulenverband sollte sich für unsere bürgerrechtliche Agenda eine neue Plattform auftun. Und Manfred Bruns zögerte nicht. Von da an gab es keine Parlamentsanhörung, kein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht, bei dem nicht Manfred Bruns im Namen des (L)SVD für die Rechte der gleichgeschlechtlich Liebenden stritt.

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Oft schien es ein Kampf gegen Windmühlen. 1991 veröffentlichten wir ein Plädoyer gegen das Eheverbot bei Gleichgeschlechtlichkeit in einer juristischen Fachzeitschrift. Das fachwissenschaftliche Echo: ein donnerndes Schweigen. „Wir hatten gehofft, damit eine Debatte der Juristen über dieses Thema lostreten zu können, auf die wir uns hätten berufen können. Aber tatsächlich geschah nichts. Das Thema war den Juristen zu abseitig,“ schrieb Manfred Bruns später dazu. Eine der dunkelsten Stunden unserer Arbeit war 1993 die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerden zur Aktion Standesamt durch das Bundesverfassungsgericht.

Trotz aller Rückschläge rappelte er sich immer wieder auf

Unsere Rechte hatten für das Gericht „keine grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung“. Wie so oft - Frustration, einen Tag,  aber dann umdrehen und weitermachen: Manfred Bruns sagte selbst dazu: "Am wichtigsten war, dass wir trotz vieler Rückschläge und Enttäuschungen uns immer wieder aufgerappelt und weiter gemacht haben. Ich habe oft gedacht, jetzt ist es aus, wenn wieder ein Gericht uns abgeschmettert hatte. ...  Aber wenn mir dann nach der Analyse der ablehnenden Entscheidungen klar wurde, mit welchen fiesen Tricks die homophoben Richter uns abgewimmelt hatten, verdrängte schon bald die Wut die depressive Stimmung und mein Entschluss stand fest, dass diese homophoben Richter nicht das letzte Wort haben sollten.“

Zahlreiche Erfolge, die endgültige Streichung des § 175 StGB, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das Lebenspartnerschaftsgesetz mit seiner langen Serie von Nachbesserungen, die Rehabilitierung der 175-er und schließlich der Fall des Eheverbotes der Gleichgeschlechtlichkeit sind untrennbar mit dem Namen von Manfred Bruns verbunden. Diese Erfolge waren nur möglich, weil er die Niederlagen nie als letztes Wort akzeptierte. Er vertraute stets darauf, dass das rationale Argument am Ende über das dumpfe Vorurteil obsiegen müsste.

 Er half schwulen Saunen genauso wie queeren Geflüchteten

Aber nicht nur im Großen war er ein Recht-Schaffender. Unzähligen Ratsuchenden hat er geholfen, wenn sie wegen ihrer sexuellen Identität rechtliche Probleme hatten: Bei Steuerfragen schwuler Saunen genauso wie bei Fragen des Hinterbliebenenrechtes, LGBT-Flüchtlingen wie Regenbogenfamilien. Dieser Arbeit ging er bis zuletzt, solange es seine Gesundheit zuließ, nach.

Manfred Bruns war ein Wanderer und deshalb oft auch ein Vermittler, Übersetzer, zwischen zwei Welten, der Bürgerlich-Katholischen, aus der er stammte und die er deshalb auch in ihren intoleranten Aspekten so gut kannte, und der eher links-tickenden, zunächst westdeutschen Schwulenbewegung. Mit Engelsgeduld und Neugier konnte er den verschrobensten Debatten lauschen, nicht ohne dann aber auch darauf zu dringen, dass man jetzt nun mal den nächsten konkreten Schritt angehen müsste. Mit Argument, Charme und Eloquenz gelang es ihm immer wieder das Publikum auf seine Seite zu ziehen, im Fernsehstudio, im kirchlichen Gemeindesaal wie im alternativen Kommunikationszentrum.

Im Lesben- und Schwulenverband hat er lange unmöglich Geglaubtes erreicht

Seine Neugier ließ nie nach. Lange Jahre war er nicht nur der juristische Sachverstand und eines der Gesichter, wenn nicht das Gesicht, des Lesben- und Schwulenverbandes, er war auch sein Webmaster. Er, dem mit seiner humanistischen Erziehung Latein näher stand als Englisch, biss sich durch die Programmiersprachen und verpasste dem Verband einen modernen und stets aktuellen Auftritt im Netz. Er ließ so andere, die ein Viertel Jahrhundert jünger waren als er, doch ganz schön alt aussehen.

 Wir haben viel miteinander erlebt, im Lesben- und Schwulenverband (LSVD) gemeinsam gekämpft und lange unmöglich Geglaubtes erreicht. Der Lesben- und Schwulenverband und die Hirschfeld-Eddy-Stiftung sind auch Manfred Bruns Vermächtnis: Nicht nur in Deutschland, sondern in Europa und auf der ganzen Welt für die Menschenrechte von LGBTI einzutreten, war immer sein Anspruch und seine Leidenschaft.

Rückblickend sagte er: „Ich meine deshalb, dass meine homosexuelle Orientierung, die mich zunächst jahrelang sehr bedrückt hat, letztlich ein großes Glück für mich war.“ Und es war ein Glück für uns ihn als Freund und Fürsprecher an unserer Seite gehabt zu haben. Er war ein Held, ein Mutiger, ein Recht-Schaffender.

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