Warum Weiße nie Opfer von Rassismus sind

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Rassismus in Deutschland : Stellt euch eurem Problem, liebe Weiße
Alice Hasters
Auch die Medien müssen mehr bieten: Geschichten von Schwarzen, den Blick der Schwarzen, um Gleichberechtigung herzustellen.
Auch die Medien müssen mehr bieten: Geschichten von Schwarzen, den Blick der Schwarzen, um Gleichberechtigung herzustellen.Foto: imago/Panthermedia

Doch der gravierende Unterschied ist: Weißen Menschen wird vielleicht unterstellt, dass sie wohlhabend seien, oder sie werden als besonders attraktiv wahrgenommen. Vielleicht in einem Ausmaß, das unangenehm oder sogar bedrohlich sein kann. Doch die Attribute, die ihnen zugeschrieben werden, sind positiv und höhergestellt. Die Attribute, die mir zugeschrieben werden, sind negativ und tiefergestellt. Weiße sind also niemals Opfer von Rassismus.

Man wisse ja gar nicht mehr, was man noch sagen dürfe. Die typische Reaktion auf das R-Wort eben. Diese Haltung ist eine Delegitimierung der Wut von Diskriminierten. Ein mediales: „Komm mal runter!“ Die Kultur der Empörung, heißt es dann, kreiere eine bedrohliche Atmosphäre für alle, die potenziell diskriminieren könnten. Die Meinungsfreiheit sei bedroht, von Sprach- und sogar Gedankenpolizei ist die Rede. Meist wird das von Menschen geäußert, die nicht von Diskriminierung betroffen sind. Täter*innen-Opfer-Umkehr eben. Doch noch kniffliger wird es, wenn Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, den Diskriminierenden zur Seite springen.

Die Aufforderung: Passt euch an

Wenn also beispielsweise eine Frau sagt, dass sie Feminismus doof findet oder Schwarze Personen Rassismus für ein Hirngespinst halten. Diese Menschen behaupten oft, sie hätten Diskriminierung noch nie erlebt, und folgern daraus, man würde die Konflikte selbst erzeugen, weil man Aufmerksamkeit bräuchte oder verweichlicht sei. Diese Menschen meinen, besser zu wissen, wie man struktureller Benachteiligung begegnen soll: Man könne all das vermeiden, wenn man sich nur „richtig“ verhalten würde. Sie geben dann gerne Ratschläge, etwa „Dann mach doch die Bluse zu“, oder sagen: „Also, ich bin nicht beleidigt, wenn mich jemand mit dem N-Wort bezeichnet.“

Dahinter steckt die Annahme, dass die Welt einfach so sei, wie sie ist, und anstatt die Welt zu ändern, sollte man sich lieber selbst ändern. Man solle sich anpassen. Sie machen sich zu Kompliz*innen einer Denkweise, die gegen sie arbeitet.

Medien können Vorurteile immens verstärken. Sie können aber auch helfen, sie aufzubrechen. Letzteres passiert leider selten, und das liegt an mangelnder Präsenz und fehlendem Mitspracherecht von nicht-weißen Menschen dort, wo die Geschichten geschrieben werden. Geschichten über BIPoC (BIPoC steht für Schwarze Menschen/Indigene Menschen/People of Color, Anm. d. Red.) werden sehr einseitig erzählt. BIPoC werden gezeigt, wenn es um Armut, Rassismus oder Verbrechen geht, in lieblosen Beziehungen oder Familienstrukturen.

Über allen Berichten liegt der "White Gaze"

Oder sie sind wahnsinnig weise und erhaben. Oder einfach nur witzig. Auf jeden Fall haben sie nur eine Eigenschaft. Sie wissen entweder alles oder nichts und sind nur im Kontext von weißen Menschen relevant - um ihnen das Leben entweder zu erschweren oder zu erleichtern. Ein eigenes Leben, eigene Interessen, Antriebe oder Wünsche haben sie nicht. Die Geschichten über BIPoC, die wir in Büchern, Nachrichten oder Filmen rezipieren, sind von einem weißen Blick geprägt – dem sogenannten White Gaze.

Damit sich BIPoC solche Fragen künftig nicht mehr stellen, muss Folgendes passieren: Mehr Chancen, mehr Optionen, mehr Bilder müssen angeboten werden. Mehr Geschichten müssen erzählt werden. Und ganz wichtig: Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Herkünften, Körpern, Geschlechtern und sexuellen Orientierungen müssen mitentscheiden. Es reicht nicht, BIPoC vor die Kamera zu stellen.

Passiert nur das und nichts anderes, kommt es zum Maskottchen-Effekt. Den Begriff habe ich mir ausgedacht. Ich finde, das klingt ganz gut. Aber es gibt auch einen englischen Begriff dafür: Tokenism.

Wir brauchen BIPoC auch hinter der Kamera. Sie müssen durch die Linse schauen, das Licht einrichten, das Skript schreiben, den Ton abnehmen, Regie führen, den Sendeplan bestimmen und Produktionen und Redaktionen leiten. So macht man sie nicht nur sichtbar, sondern trägt auch zu einer strukturellen Veränderung bei – und die ist nötig. Vielfalt ist wichtig, weil sie real ist. Wenn wir divers besetzten, ob in Redaktionen, im Bundestag oder im Lehrer*innenzimmer, dann nicht, weil man einer Utopie nachkommen möchte – sondern der Realität.

(Der Text basiert auf dem Buch)