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Kein Heckmeck. Der Blick vom Liegestuhl aus aufs schier endlose Meer, das das Schiff durchpflügt, trägt immer dazu bei, dass Ruhe bei den Sehleuten eintritt.

© Deilmann/Holger Leue

Kreuzfahrt: In St. Petersburg ist Bildung hochprozentig

Dinner im Smoking, Sternekoch am Herd: Auf der „Deutschland“ ist alles vom Feinsten. Nur Landausflüge dürfen robust sein.

Mein Gesprächspartner auf dem Lidodeck macht einen hellwachen Eindruck. Seine 91 Jahre merkt man dem Charakterkopf nicht an. Wir genießen die milde Luft und plaudern über die Vorteile des Kreuzfahrens, die Schönheiten des Baltikums und die Vorfreude auf das Dinner im Gourmetrestaurant Vier Jahreszeiten der „Deutschland“. Beim Abschied bekomme ich noch einen strengen Rat mit auf den Weg: „Sie ziehen sich ja sicher vor dem Essen noch um!“ Keine Sorge, ohne Sakko und Krawatte hätte ich mich wirklich unwohl gefühlt. Denn hier an Bord stimmt die Etikette noch. Beim Captain’s Dinner ist die Smokingdichte erstaunlich hoch, und an normalen Tagen sitzt so mancher Gast auch schon um 17 Uhr abendfein an der Bordbar.

Der Durchschnittsgast auf dem „Traumschiff“ von Gnaden des ZDF hat seine Ansprüche und Gewohnheiten. Schon beim ersten Frühstück fällt auf, dass Ehepaare oder alte Freundinnen sich nicht gegenüber, sondern nebeneinander (meist in Fahrtrichtung und dem Rücken zur Wand) setzen. Und sie sitzen früh da, damit ihnen die besten Plätze sicher sind. Neue Gesichter schaut man sich zunächst etwas kritisch an; der Gruß eines Fremden wird auch schon mal souverän ignoriert. Denn man ist unter sich. Die Zahl der Stammgäste – auf Neuhochdeutsch Repeater genannt – liegt im hohen zweistelligen Bereich.

Er lag früher allerdings noch höher, bei 90 Prozent. Aber die Erfolgsrezepte von Reedereigründer Peter Deilmann, der 2003 mit 67 Jahren starb und dessen Fußstapfen für seine beiden Töchter wohl zu groß waren, bedürfen dringend einer Auffrischung. Unter der Ägide des neuen Eigentümers, der Aurelius AG und ihres Vorstandsvorsitzenden Dirk Markus, soll die ein wenig aus der Zeit gefallen wirkende „Deutschland“ behutsam in neues Fahrwasser geleitet werden. Vor allem die neu und pfiffig konzipierten Landausflüge sollen dabei helfen, jüngeres und aufgeschlossenes Publikum anzulocken, ohne die Stammklientel zu vergrätzen.

In Riga hat sich eine kleine Gruppe modisch abenteuerlustiger Damen zum Ausflug „Mode und Jugendstil" angemeldet. Im kleinen Atelier von Anna Led schwelgen sie in lettischer Haute Couture. Und gleich im Anschluss bei Zofa erleben sie Schuhmode, die dank mutiger Form- und Farbgebung doch eine gewisse Kaufzurückhaltung auslöst – Einzelstücke allesamt. Elina Dobele, die Chefdesignerin, ist gelernte Architektin. Vor drei Jahren entdeckte sie ihre Liebe zur kleinen Form und macht nun „Häuschen für die Füße“ in einem Ladengeschäft, das so originell gestaltet ist, dass es auch in Paris oder London liegen könnte.

Oder am nächsten Morgen in Tallinn. Natürlich gibt es auch noch die geführte Tour zu den zahlreichen Sehenswürdigkeiten der tausendjährigen Handelsstadt. Doch es geht auch origineller. Wir haben einen Ausflug auf den kleinen örtlichen Fischmarkt gebucht. Expeditionsleiter ist Küchenchef Erik Brack. An Land hatte er es zuletzt in Husum 2004 zu einem Michelin-Stern gebracht. Seit sechs Jahren auf See hat er sich vorgenommen, das Niveau dort allen Widrigkeiten zum Trotz (hohe Wellen, schwierige Logistik, wenig aufgeschlossene Gäste) so weit wie möglich zu halten.

Die russische Seele jenseits Klischees

Küchenchef Erik Brack unterrichtet Fischkunde auf dem Markt.
Küchenchef Erik Brack unterrichtet Fischkunde auf dem Markt.

© Quante

Der Morgen beginnt mit Fischkunde – Hecht, Makrele, Hering, Seehecht, Dorsch, Seelachs, Forelle und Zander. Das Publikum gibt sich ahnungsloser, als es vermutlich ist. Das Angebot vermag den Küchenchef nur teilweise zu überzeugen: „Die meisten Fische hier sind schon länger frisch...“ Nach dem abklingenden Gelächter gibt es noch einen Exkurs zum Thema Frischemerkmale – rote Kiemen, elastisches Fleisch, klare und konkave Augen – und dann geht Brack zum Einkaufen über: „Alle Zander, die Sie haben!“ Für 400 Passagiere rechnet er mit 60 bis 70 Kilogramm. Nur die noch frischeren Strömlinge, eine estnische Spezialität, lässt er links liegen: „Mit so kleinen Fischen brauche ich mich bei unseren Gästen nicht blicken zu lassen. Die erwarten Stücke von großen Tieren.“ Die Aussage lässt, was Experimentierfreude betrifft, noch Luft nach oben erwarten.

Beim baltischen Dinner an Bord zeigt die Küche, dass sie auch ohne Strömlinge den kulinarischen Geist der Region bestens zu erfassen vermag: Ein riesiger Mohnzopf statt Brötchen-Einerlei vom deutschen Bäckermeister an Bord, die Zander vom Fischmarkt mit Kartoffelschuppen und zum Abschluss die gesäuerte Rindfleischsuppe Rassolnik, litauische Kartoffelklöße mit Hackfleischfüllung, die Zander vom Fischmarkt mit Kartoffelschuppen und zum Abschluss gebackene Apfelplinsen mit marinierten Früchten.

Als Vorbereitung auf das nächste Ziel St. Petersburg gibt das Bordprogramm so einiges her. Nachmittags vor vollen Rängen im Kaisersaal ein Interview zwischen dem Ex-ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser und dem ehemaligen Diplomaten in Moskau, Hagen Graf Lambsdorff. Die beiden Pensionäre können unbelastet von Rücksichtnahmen auf bestehende Arbeitsverhältnisse erfreulich offen und ungeschminkt über die aktuellen Verhältnisse in Russland reden. Dass etwa allzu erfolgreiche Mittelständler schnell mal durch korrupte Richter enteignet werden und den Rest ihres Lebens in einem russischen Knast fristen, hört das Publikum auch nicht alle Tage. Oder auch, dass kleinere Unternehmer angeblich rund zehn Prozent ihres Umsatzes für Bestechungsgelder ausgeben müssen. Zustimmendes Nicken im Auditorium erntet die saftige Aussage des Diplomaten a. D., dass der Einbehalt von Beutekunst „ein unverschämter Bruch des Völkerrechts“ sei.

Am Abend füllt sich der plüschige Saal erneut. Eine musikalische Lesung von Schauspieler Walter Plathe, begleitet von den beiden erstklassigen russischen Musikern Alina Kabanova und Fjodor Elesin, geht unter die Haut und führt ein in Alltagsrealitäten und auch in die russische Seele jenseits allfälliger Klischees. So vorbereitet kommen die Passagiere früh morgens in St. Petersburg an.

Schon nach den ersten Schritten an Land erlebt so mancher überrascht, was Russland auch ausmacht. Die bloße Passkontrolle vor dem Landgang beeindruckt eine vornehme Frau aus der Schweiz so sehr, dass sie fast wieder direkt zurück an Bord gegangen wäre: „Kein ,guten Morgen‘, kein ,bitte‘ nur ein barsches: ,Pass‘! Eine solch rohe Unfreundlichkeit habe ich noch nie erlebt.“

Dabei ist St. Petersburg eine stark vom Tourismus lebende Stadt. Nur haben das anscheinend noch nicht alle Einwohner verinnerlicht und als Chance begriffen. Allein im vergangenen Jahr haben in der kurzen Saison zwischen Mai und September Kreuzfahrtschiffe oft mit mehreren Tausend Passagieren an Bord aus der ganzen Welt 526 Tage in der magischen Stadt verbracht. Manche Theater in der attraktiven Metropole legen dann spezielle Programme für die Kreuzfahrer auf.

Wodka, Gurke und Graubrot in der Zarenstadt

Begegnung in St. Petersburg: „Deutschland“ trifft auf Tradition.
Begegnung in St. Petersburg: „Deutschland“ trifft auf Tradition.

© Quante

Die große Mehrheit der Landgänger von der „Deutschland“ entscheidet sich fürs klassische Programm: Eremitage und Peter-und-Paul-Kathedrale. Nur eine kleine Gruppe trifft sich mit einem deutschen Manager, der die Türen zur wissenschaftlichen Alltagswelt öffnet. In den Räumen der ehemaligen zaristischen Emissionsbank und des Golddepots residiert heute die staatliche Wirtschaftsuniversität Finec. In makellosem Deutsch erzählt uns Professorin Tatjana Nikitina begeistert von der Kooperation mit mehr als 30 deutschen Universitäten. Und von regem Studentenaustausch: „Wir machen es den ausländischen Studenten leicht und nehmen ihnen das meiste Organisatorische ab, da arbeiten wir sehr gründlich deutsch“, führt sie lächelnd aus. Und wenn dann mal wieder ein junger Mensch aus Darmstadt oder Mannheim in die Viereinhalbmillionen-Metropole kommt und große Augen macht, dann könnte das an den vielen deutschen Lehrbüchern liegen oder auch daran, dass die einheimischen Studentinnen gerne in Minirock und hochhackigen Schuhen zur Vorlesung erscheinen. Viele der 600 ausländischen Studenten jedenfalls wollen, so erklärt die Professorin, wiederkommen und dann bei Siemens oder Daimler-Benz arbeiten.

Schließlich gelangen die neugierigen „Deutschland“-Passagiere sogar zu einem einstündigen Termin bei Rektor und Präsident der Uni und erfahren dort bei aller Begeisterung für die Segnungen des Kapitalismus, dass der alte Lehrstuhl für Planwirtschaft sicherheitshalber nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht abgeschafft wurde. „Sehr weitsichtig“, bemerkt einer der Landgänger von der „Deutschland“, denn „bei uns denken selbst konservative Politiker gerade über die Verstaatlichung von Banken nach.“

Damit der Ausflug in die beeindruckende alte Zarenstadt nicht allzu trocken ausfällt, hat der Concierge einen anschließenden Besuch des örtlichen Wodkamuseums organisiert. Unter fachkundiger Leitung des mitreisenden Spirituosenexperten Adam Dittrich steigt die kleine Gruppe kurz und intensiv in die Geschichte des russischen Nationalgetränks ein. Die routinierte Standardführung durch eine Mitarbeiterin des Minimuseums weiß der Spezialist durch ein paar ernüchternde Zahlen anzureichern. Etwa, dass in Russland jährlich rund fünf Milliarden Flaschen Wodka getrunken werden oder dass die bei reichen Russen so beliebten „Ultrapremium-Wodkas“ im Grunde nicht mehr wert sind als jeder x-beliebige 20 Euro-Klare. Da will natürlich jeder mitreden können und verlangt nach Proben. Die Degustation ist natürlich längst vorbereitet. Drei Gläser – randvoll versteht sich – für jeden „Deutschland“-Gast. Dazu eine Gurke und Graubrot mit Fisch und fettem Speck. Es ist gerade mal Mittag – und schon ist man der russischen Seele deutlich nähergekommen. Bildung kann hochprozentig sein. Die Eremitage muss warten.

Stefan Quante

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