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Stoff- statt Reetdach. Gewiss, Zelten muss man mögen. Doch wer sich darauf einlässt, bekommt ein Urlaubsvergnügen zu einem unschlagbaren Preis.

© Wolfgang Stelljes

Familienurlaub auf Sylt: Natur gibt’s zum Nulltarif

Auch auf Sylt muss Urlaub kein Vermögen kosten. Es gibt günstige Pensionen – und Zeltplätze.

Erst kommt Willi, dann wir. Und Willi hat jetzt Hunger. Willi ist eine Kegelrobbe, die eigentlich weiblich ist und Wilhelmina heißt, aber das können sich Touristen offenbar nicht so gut merken. Willi taucht immer dann im Hafenbecken von Hörnum auf, wenn ihr der Sinn nach grünen Heringen steht. Aus jahrelanger Erfahrung weiß Willi: Wenn sie die Nase zum Wasser herausstreckt, gibt es Touristen, die losstürzen, um beim Fischhändler gleich nebenan ein paar schmackhafte Heringe zu kaufen, für einen Euro das Stück. Damit schlägt Willi sich dann den Bauch voll.

Das heißt für uns: warten. Warten, bis Willi für den Rest des Tages abgetaucht ist. Erst dann können wir uns in Ruhe unserem Matjes in Sahnesauce widmen. Denn der Kiosk von Fisch Matthiesen ist so etwas wie unsere Kantine geworden, unsere Urlaubskantine. Und damit auch Teil eines Selbstversuchs: Ist es möglich, auf Sylt auch günstig seinen Urlaub zu verbringen? Schließlich denkt doch jeder unwillkürlich an pfundweise Hummer bei Gosch und Champagner kübelweise in der Sansibar, kurzum: an richtig teuer. Gibt es ein Sylt auch für die nicht ganz so Begüterten? Oder sagen wir besser: für die Sparsamen, die im Prassen nicht Sinn und Zweck eines Erholungsurlaubs sehen.

Erste Zweifel bei unserer Ankunft auf einem Parkplatz in Westerland: weit und breit kein weiterer Popel-Opel wie unserer zu sehen. Dafür aber gleich drei Porsche schön nebeneinander aufgereiht. Die beiden BMWs möchten wir gar nicht erst erwähnen. So eine Rudelbildung kann möglicherweise manchen schon verunsichern. Auch uns, allerdings nicht lange. Nur wenige Minuten später stehen wir nämlich Stoßstange an Stoßstange mit anderen PS-strotzenden Karossen schön im Stau von Westerland, das muntert gleich wieder auf.

Wer will, kann in Kampen campen

Unser Ziel: Hörnum im Süden der Insel. Nein, unser Quartier ist nicht das stark angesagte Hotel Budersand. Das fiele ja in die Kategorie Hummer und Schampus. Nein, wir steuern den Campingplatz an. Günstiger geht es kaum, schöner schon gar nicht. Der Platz liegt nur ein paar Schritte beziehungsweise hölzerne Treppenstufen vom Strand entfernt. In einem Dünental treiben wir unsere extra langen Heringe in den Sand. Wer hier vor seinem Zelt sitzt und den Strandhafer oder die Möwen im Aufwind studiert, genießt allen Luxus dieser Welt.

Wer will, kann natürlich auch in Kampen campen. Insgesamt gibt es sieben Campingplätze auf der Insel. Menschen, die lieber ein festes Dach über dem Kopf haben, können sich auf vier Anlagen auch einen Wohnwagen mieten. Oder in der Jugendherberge in Westerland einquartieren. Oder im Haus Sterntaler, im Friesenhaus Sander, in der Villa Gudrun, der Pension Lassen ...

Natürlich will niemand auf Sylt nur in seinem Zelt oder Zimmer sitzen. Unser Tipp: Begnügen Sie sich einfach mit der einmaligen Natur. Die gibt es zum Nulltarif. Wandern Sie um die Odde von Hörnum, ein Sandzipfel, vom Meer umtost. Nehmen Sie Ihre Latschen in die Hand und stemmen sich gegen den Wind. Oder erklimmen Sie die Uwe-Düne in Kampen, sie ist mit 52,5 Metern für Sylter Verhältnisse geradezu atemberaubend hoch. Gehen Sie anschließend am besten gleich weiter zum Roten Kliff, macht zusammen 110 Stufen hinauf, 46 Stufen hinunter, 15 wieder hinauf, nochmal 119 runter – das erspart die Fitnessbude.

Currywurst, Pommes oder Milchreis?

Moin! Guten Appetit wünscht Eric Wang in „Susi’s Sylt Kantine“.

© Wolfgang Stelljes

Nun haben Sie vermutlich Hunger. Womit wir wieder beim Kiosk von Fisch Matthiesen wären. Die Fischsuppe für 4,80 Euro, Scampi vom Grill mit Cocktailsauce für 7,50 oder Kartoffelpuffer mit Lachs oder Krabben für 9 Euro. Da kann man nicht meckern, jedenfalls nicht auf Sylt. Und weil ja niemand immer nur Fisch essen kann, gibt es auch Currywurst, Pommes oder Milchreis. Wobei kleine Gourmets häufig Crêpes favorisieren. Die gibt es schräg gegenüber, an der Promenade von Hörnum.

Freunde gediegener Hausmannskost sollten geradewegs „Susi’s Sylt Kantine“ ansteuern. Die ehemalige Eisenbahnerkantine liegt in Sichtweite des Bahnhofs von Westerland. Die Einrichtung ist rustikal, die Blumendeko frisch, der Preis moderat. Ab sechs Uhr morgens gibt es ein „Handwerkerfrühstück“, ab elf den täglich wechselnden Mittagstisch. Schnitzel läuft am besten, aber auch bei Rindsrouladen langen die Gäste kräftig zu. Es gibt viele Stammgäste, Handwerker, Senioren, Sylter. „Ich weiß, was Herr Petersen trinkt, das kriegt er gleich hingestellt“, sagt Susanne Brammsen alias Susi. Bis 15 Uhr geht das so, dann wischt sie Tische und Tafel und rückt die Stühle gerade.

Für einen kleinen Verdauungsspaziergang hat Keitum genau die richtige Größe, ein Ort voller Fotomotive, hier die Stockrosen vor der Tür, dort das heruntergezogene Reetdach. Selbst der Friedhof neben der Kirche St. Severin ist ein touristisches Ziel. Neben all den Insulanern namens Sörensen, Jacobsen oder Jürgensen haben hier auch Rudolf Augstein und Peter Suhrkamp ihre letzte Ruhestätte gefunden.

"Ich kann es für Sie gern teurer machen"

Und wenn es regnet? Dann empfiehlt sich ein Besuch der „Arche Wattenmeer“ in Hörnum (Familienkarte˜ für 13 Euro), allein schon, damit man Sylt nicht in dem Glauben verlässt, hier sei die Welt noch in Ordnung. Im Eingangsbereich der „Arche“ sieht der ahnungslose Tourist all die Dinge, die man auf dem Meeresgrund findet, auch die, die dort nicht hingehören, Plastikflaschen zum Beispiel.

Wie es sich für eine richtige Arche gehört, erfährt der Festländer auch eine Menge über Tierarten, die früher mal die Sylter Fauna bereichert haben und die heute nicht mehr vorkommen (wie die Europäische Auster) oder stark gefährdet sind (wie die Lachseeschalbe). Ach so, Sie wollen auch shoppen? Kein Problem.

Erste Adresse für preisbewusste Sylt-Urlauber sind die Outlet-Läden in Tinnum, zum Beispiel „Super Checkout“. Lassen Sie sich von den Nobelkarossen auf dem Parkplatz nicht beirren. Die Fahrer sind oft die, die an der Kasse noch handeln wollen, erzählt Filialleiter Jens Koppers. „Ich kann es für Sie gern teurer machen“, sagt er dann. So etwas nennt man Service. Eines muss man den Syltern lassen: Uns haben sie stets so behandelt, als wären wir mit einem Porsche vorgefahren.

Tipps für Reisewillige

Kegelrobbe Willi

© imago/Hohlfeld

ANREISE
Wenn bei der Bahn alles regulär läuft, ist der Schienenweg ganz kommod. Von Berlin aus gibt es sonnabends und sonntags gar einen durchgehenden IC, der mit einer Fahrtzeit von 5 Stunden und 44 Minuten kaum langsamer, dafür jedoch zum Normalpreis von 96 Euro zehn Euro günstiger ist als der ICE, bei dem ein Umstieg in Hamburg erforderlich wird. Wer rechtzeitig bucht, kommt manchmal auch in den Genuss von „Sparpreisen“ in Höhe von 39, 49 oder 51 Euro.

UNTERKUNFT

Unschlagbar günstig: das eigene Zelt. Die Insel hat sieben Campingplätze (sylt.de), einige allerdings nur für Wohnwagen oder -mobile. In Hörnum beispielsweise kostet ein Zeltplatz für die Nacht je nach Größe zwischen sechs und zwölf Euro, ein Dünen-Stellplatz 2,50 Euro Aufschlag. Also auch hier: Lage, Lage, Lage.

Wer nun gar nicht auf Zelte steht, findet erschwingliche Pensionen und Ferienwohnungen, wenn auch nicht unbedingt in der Hochsaison. Auskunft gibt es dazu bei der Sylt-Information, Telefon: 046 51 / 99 80, Internet: insel-sylt.de

ESSEN UND TRINKEN
Wer’s einigermaßen günstig mag, folgt der Empfehlung des Autors: Fisch Matthießen in Hörnum – Matjesfilet auf Schwarzbrot für 6,70 Euro. Zum Vergleich: Currywurst mit Pommes in der Sansibar, auch ein Genuss, aber zwölf Euro?

Wolfgang Stelljes

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