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Alles schick. Sogar die von der Reederei bereitgelegte Outdoorkleidung für die Grönland-Tour.

© Hella Kaiser

Fünf Sterne plus lautet die Klassifizierung der „Europa 2“. Rund 500 Passagiere können mitfahren – und die sind anspruchsvoll. Beobachtungen an Bord.

Exotische gelbe Blüten sind zu entzückenden Arrangements zusammengesteckt. Und doch verlieren sie sich fast im riesigen Foyer. Freundlich lächelnde Damen stehen hinter dem Empfangstresen, wie sich das gehört für ein Grandhotel. Doch dies ist keines. Hinter den bodentiefen Fenstern schimmert blaues Meer. Wir sind an Bord der „Europa 2“. Hier gibt es keine Kabinen, sondern ausschließlich Suiten mit einer Mindestgröße von 28 Quadratmetern. Auf den blütenweißen Kopfkissen ist der Name des Schiffes dezent mit Silberfaden eingestickt. Hier soll nichts pompös sein, hier herrscht Eleganz.

Heute Abend ist ein Tisch im Restaurant „Serenissima“ reserviert, eins von sieben Restaurants auf der „Europa 2“. Schwarz-weiße Fliesen auf dem Boden, betörende Lüster aus Muranoglas unter der Decke. An den Wänden bestechen Reflexionen von Venedig – Fotokunst in Schwarz-Weiß von Ingrid von Kruse. Ihre Werke, wie überhaupt die Kunst an Bord, sieht man sonst in Museen oder teuren Galerien. Gerhard Richter hängt auf Deck 4.

Die "Europa 2" auf hoher See.
Die "Europa 2" auf hoher See.

© Hapag-Lloyd

Die Gäste sind schick angezogen. Etliche Herren haben in Anzügen Platz genommen und eine Krawatte umgebunden. Pflicht ist das nicht. Das Fünf-Sterne-plus-Schiff verfolgt ein legeres Konzept. „Unsere Gäste haben im Berufsleben schon so viele Reglements“, sagt Hoteldirektor Johann Schrempf, hier solle alles lockerer zugehen. Im Büfett-Restaurant „Weltmeere“ ist freie Platzwahl. Es gibt kein Captain’s Dinner.

Leger – aber bitte vom Feinsten. 800 Flaschen Champagner werden im Schnitt pro Woche getrunken, 1250 Flaschen Weiß- und 700 Flaschen Rotwein. 390 Kilogramm Fleisch werden pro Tag verarbeitet, 150 Kilo Fisch und 90 Kilo Krustentiere. Austern, Langusten, Kaviar, alles inklusive. „An Land bekommen Sie das nicht so günstig“, betont Schrempf.

Die Qual der Wahl

Ein Tag auf der „Europa 2“ schlägt mit rund 600 Euro zu Buche. Das muss man ausnutzen. Morgens zur Yogastunde, danach eine Runde im Pool. Am Frühstücksbüfett beginnt der Stress. Welches Beerenobst nehmen wir, welches Müsli, welche Eierspeise? Alles Erdenkliche liegt verführerisch arrangiert da. Wir zählen allein sieben Sorten Schinken. Muss so viel Auswahl sein? „Unsere Gäste erwarten Luxus“, sagt Schrempf – und so bietet man ihn. Vielleicht wissen die Passagiere nicht, dass alles, was hier sorgsam aufs Büfett drapiert wurde, nachher entsorgt werden muss.

Auf unserer Passage von Island nach Grönland wird der Kaffee im Außenbereich des Yachtclub Restaurants serviert. Die Gäste müssen aber nicht frieren. Mehrere große Heizstrahler halten sie warm. Mit Glück werden wir später in der Diskobucht ein paar Eisberge sehen. Die Heizstrahler bleiben an. „Das ist noch unser geringstes Umweltproblem“, sagt einer von der Crew hinter vorgehaltener Hand. Ein schlechtes Gewissen kann bei der Buchung beruhigt werden mit einem Obolus für Atmosfair. Auf der Website der Klimaschutzorganisation wird folgende Rechnung aufgemacht: 1915 Kilogramm CO2 verbraucht ein Passagier auf einer neuntägigen Kreuzfahrt. Zum Vergleich: Die Pro-Kopf-Emission in Indien liegt bei 1600 Kilogramm – im Jahr.

Luxus ist auf der „Europa 2“ allgegenwärtig. Die Bestecke sind von Robbe & Berking, das Porzellan von Dibbern, die Kochschule hat Miele mit blitzenden Herden ausgestattet. Vor allem die Damen können hier erlesen shoppen. Die Bordboutique hat ausgelegt, was es an teuren Labels gibt. Auch der Juwelier Wempe ist mit einer Filiale auf dem Schiff. Man munkelt, dass die Preise auf See günstiger seien als an Land. Eine Uhr von Patek Philippe oder Lange & Söhne kauft man trotzdem nicht mal eben so. Zudem haben viele Passagiere sowieso schon teure Zeitmesser am Handgelenk.

Small Talk in der Lounge

Maximal 500 Gäste finden Platz auf dem weißen Traumschiff. Wie lernt man sie kennen? Eine Fernsehmoderatorin, für diese Reise extra an Bord, gibt Hilfestellung. Zahlreiches Publikum hat sich eingefunden zu ihrem Smalltalk-Kurs. Danach ihre Aufforderung: „Bitte probieren Sie es gleich aus, kommen Sie mit Ihren Sitznachbarn ins Gespräch.“ Los geht’s. „Sie sehen so sportlich aus, segeln Sie?“, frage ich die Dame zur Linken, weiße Leinenhose, dezent gemusterte Bluse, lässig drapierter Seidenschal. „Um Gottes willen, nein“, sagt sie. „Ich golfe nicht mal.“ Die verwitwete 70-Jährige ist in Hamburg an Bord gegangen und wird bis Kanada mitfahren. 21Tage auf der „Europa 2“. „Eine Woche New York hänge ich noch dran, die Stadt ist ja immer toll.“ Die Dame bewohnt ihre Suite allein – was das kostet? Es erscheint unpassend, danach zu fragen.

Dinieren auf höchstem Niveau

Im Bordrestaurant "Tarragon" ist Essen ein Erlebnis.
Im Bordrestaurant "Tarragon" ist Essen ein Erlebnis.

© Hapag-Lloyd

Am nächsten Abend sitzt die Hamburgerin im „Tarragon“, wo ausgeklügelte französische Küche serviert wird. Jeder Teller, der aus der Küche kommt, sieht wie ein Kunstwerk aus. Von der Vorspeise bis zum Dessert – alles delikat. Die Kellner bedienen ihre Gäste nicht, sie umsorgen sie.

Nach dem Dinner lockt das Theater. Auf jeder Reise der „Europa 2“ sind bekannte Künstler gebucht. Auf dieser Fahrt sind es unter anderem der Chansonnier Tim Fischer mit seinem Pianisten und Songschreiber Rainer Bielfeldt. Man trifft das Duo später in der „Sansibar“ auf Deck 8. Sylt lässt grüßen mit Bildern und Fotos von Dünen und Strandhafer. „Das Schiff ist der Knaller“, sagt Fischer und fügt ironisch hinzu: „Ich habe noch keine rostige Schelle gesehen.“ Und das Personal sei wirklich „unheimlich nett“. Die Crew besteht übrigens aus 370 Personen – auch das ist natürlich Luxus.

Muss das Büfett derart opulent sein? „Wenn Sie die Leute einzeln befragen würden, werden sie wohl sagen, die Hälfte reichte“, meint Fischer. Aber es sei wohl auch ein Anreiz, dass es „hier alles in Hülle und Fülle gibt“. Wer das nicht wolle, könne ja ein Schiff einer anderen Kategorie buchen. Die Musiker fühlen sich wohl an Bord, loben die „entspannte Atmosphäre“. Ob alle an Bord reich sind? „Ich denke, dass es auch Leute gibt, die für so eine Reise sparen“, vermutet Tim Fischer.

Vor dem Abflug müssen alle auf die Waage

Eine Reise, auf der man im Bug in cremefarbenen Ledersesseln sitzt und die Landschaft bestaunt. Man kann auch bei Sturm und Regen an Deck. Rote, warme Outdoorjacken mit dem Logo der Hapag-Lloyd-Reederei sind gratis auszuleihen, Anruf an der Rezeption genügt. Landgang ins grönländische Sisimiut. Dort stehen hübsche Holzhäuser in Buntstiftfarben, es gibt eine Kirche, einen attraktiven Fischereihafen und den größten Briefkasten der Welt. Alles ist flott abgehakt. So kommt man pünktlich zu den phänomenalen frisch gebackenen Waffeln auf dem Pooldeck. Das Glasdach darüber wiegt sechs Tonnen.

Das Ehepaar in der Nachbarsuite kommt aus Zürich. „Gefällt es Ihnen an Bord?“ – „Na ja“, sagt die Frau, „früher war der Service besser.“ Noch besser? Was fehlt denn? „Ach“, sagt die Dame, dreht sich um und verschwindet. Nörgler gibt es überall, an Bord der „Europa 2“ sind sie offenbar selten. „Hier wird viel gelächelt“, hat Tim Fischer beobachtet. Die meisten Passagiere freuen sich auf die verbleibenden Schiffstage bis Kanada.

Wir gehen im grönländischen Kangerlussuaq von Bord und fliegen von dort mit einem Minimaschinchen bis zum internationalen Flughafen in Nuuk. Nicht nur das Gepäck wird hier gewogen, auch jeder Passagier muss sich in Kangerlussuaq vor aller Augen auf die Waage stellen. Das peinliche Ergebnis darf ganz klar der „Europa 2“ angelastet werden. Obwohl: Im perfekt ausgestatteten Fitnessclub wäre eigentlich immer Platz gewesen.

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