San Marino : Trubel im Zwergstaat

Jeden Morgen kommen Scharen von Touristen nach San Marino. Auf der Suche nach Schnäppchen und Kleinwaffen verpassen sie seine wahren Reize.

Tagsüber sind die Gassen von San Marino verstopft. Bei einem Espresso im Café gibt das ein gutes Unterhaltungsprogramm ab.
Tagsüber sind die Gassen von San Marino verstopft. Bei einem Espresso im Café gibt das ein gutes Unterhaltungsprogramm ab.Foto: Shutterstock / Katya Warped

Leonardo Bollini müsste es eigentlich wissen. Er ist San-Marinese durch und durch, hier geboren und aufgewachsen. Macht Musik in einer Band, spielt Luftgitarre, um das zu bekräftigen. Mehrmals am Tag führt er Touristen durch die Bergfestung der Altstadt, doch als er die Frage hört, verzieht sich sein Gesicht unter dem dichten schwarzen Bart: „Wo kann man denn hier abends ausgehen?“ Offenbar nicht das, was er für gewöhnlich beantworten soll. Er zögert. Dann sagt er etwas widerwillig: „In Rimini.“ Der Badeort an der Adria ist zwar Luftlinie kaum zehn Kilometer entfernt, aber liegt in Italien und damit immerhin jenseits der Landesgrenze. Nightlife in San Marino – ist nicht vorgesehen. Denn das Leben spielt sich hier vor allem am Tage ab.

Der Zwergstaat im Osten Italiens ist die älteste Republik der Welt, gegründet im Jahr 301. Und eines der kleinsten Länder Europas. Rund 33 000 Einwohner verteilen sich auf etwas mehr als 60 Quadratkilometern Fläche. Nur ein paar Dutzend von ihnen wohnen in der Altstadt. Zu mühsam, weil niemand mit dem Auto rein darf und der Anstieg zu Fuß recht beschwerlich ist. Selbst Bollini gerät dabei ins Schnaufen, weil ihm „das Essen in letzter Zeit zu gut geschmeckt hat“. Fürs Stadtbild dagegen ist das Fehlen der Autos ein großer Vorteil. Hier zu wohnen wäre aber wohl auch zu nervig, weil sich im Jahr zwei Millionen Touristen durch die Gassen schieben. Und, zumindest kann man das als unbeteiligter Beobachter sagen, es ist ein ziemliches Spektakel.

Frühaufsteher werden belohnt

Der mit weitem Abstand größte Teil der Besucher kommt nur für einen Tag, manchmal sogar nur für ein paar Stunden. Italienurlauber, denen es in ihren Strandlegebatterien der Adriaküste zu langweilig geworden ist, die ein bisschen Kultur erleben wollen oder günstig shoppen. Dann fahren sie mit Autos und Reisebussen die 739 Meter den Monte Titano hinauf. Die Gassen, die morgens um neun noch beinahe menschenleer waren, füllen sich dann wie verstopfte Trichter, was die Hektik der Kellner in den Cafés steigert.

Frühaufsteher werden belohnt. Bei einem Morgenspaziergang durch die engen Straßen hat man die alten Gemäuer nahezu für sich allein. Das Licht für Fotos ist dann angenehm weich und die Motive sind praktisch unverstellt. Der anschließende Espresso auf einer der Terrassen schmeckt nun umso besser und dort eröffnet sich auch ein Logenplatz auf das nun einsetzende Gewusel. Am besten nimmt man sich Zeit – jenes Gut, das die wenigsten Touristen hier mitbringen.

Wer es drauf anlegt, ist in zwei Stunden durch mit der Altstadt. Der bekommt aber auch wenig mit vom Charme dieser stadtgewordenen Bergfestung. Bisschen Aussicht hier, ein Souvenirshop dort. Was am Ende davon bleibt, sind geschwollene Füße und ein Plastik-Ferrari im Maßstab 1:20.

Revolver, Gasmasken und ein Waffenmuseum

Oder ein billiges Klappmesser, eine Soft-Air-Pistole und ein „Spielzeug“-Schnellfeuergewehr. Die Toleranz für Kleinwaffen ist in San Marino hoch, höher als etwa in Italien. Deshalb ist praktisch jedes zweite Geschäft in der Altstadt eine Rüstkammer für Halbstarke, die zum gefälschten Juve-Trikot einen Revolver und für den Fall der Fälle noch eine Gasmaske kaufen wollen. Gemessen an der Einwohner- und der Stückzahl verkaufter Zwillen und Knarren möchte man meinen, San Marino sei einer der größten Waffenexporteure der Welt. Das Land hat übrigens keine eigene Armee, sondern wird vertraglich von Italien mitbeschützt. „Diese Läden sind nicht gut für uns“, klagt Leonardo Bollini. „Aber bisher gibt es keine Diskussion darüber. Weil sie Geld ins Land bringen.“ Schwer vorstellbar, dass sich das für jedes Geschäft rechnet, denn bei einem Bummel zeigt sich bald: Das Sortiment ist überall das gleiche.

Die Dichte an Ramschläden nimmt ab, je höher man kommt und je näher die drei Türme des Kastells rücken. Der dritte ist zugleich der höchste Punkt des Landes, bei gutem Wetter sieht man von hier die Adria und in die andere Richtung bis zu den Apenninen. Im Turm selbst befindet sich – na klar – ein Waffenmuseum. Immerhin verkaufen sie hier keine Breitschwerter oder Streitäxte.

Bollini lenkt lieber auf ein anderes Thema. San Marino habe nie einen König oder Fürsten gehabt, sondern sei stets vom Volk regiert worden. Das vergesse man schnell beim Gang durch das Kastell. Tatsächlich ist Politik in dem Kleinstaat sympathisch kleinstaatlich. Regierungschefs sind formal zwei Bürgermeister, die für bloß sechs Monate gewählt werden, ohne Möglichkeit der direkten Verlängerung. „In so einem kleinen Land kennt also jeder einen amtierenden oder ehemaligen Staatschef persönlich. Mein Großvater war einer, zwei Freunde von mir auch“, sagt Bollini.

Übrigens: Weil die sonst nach politischen Ämtern übliche Rente wohl sogar den üppigen san-marinesischen Haushalt sprengen würde bei so vielen a.D.s, gibt es das hier nicht. Nach sechs Monaten muss auch der Staatschef wieder an die Schippe.

Wandern auf dem Sentiero della Rupe

Trotz des zeitlichen Vorsprungs haben sich mittlerweile die ersten Touristengruppen mit regenschirmbewehrten Reiseführern auf dem Aussichtsturm eingefunden. Die Gassen sind jetzt so packevoll, dass man von Zeit zu Zeit fürchtet, die Besucher werden sich wie Lemminge gegenseitig über die steilen Klippen schieben. Eine Einheimische hat einen Tipp, wo es ruhiger ist. Auf dem Sentiero della Rupe. Der Wanderweg beginnt gleich hinter dem dritten Turm und führt etwas unterhalb der steilen Klippen um die Altstadt herum nach Borgio Maggiore – in jenes Viertel, in dem viele San-Marineser wohnen.

Nach wenigen Gehminuten wird klar: Von den zwei Millionen Jahrestouristen im Land interessiert sich niemand für diesen Ausflug. Und das völlig zu Unrecht. Zumal das an heißen Sommertagen eine der wenigen Gelegenheiten ist, im Schatten der Bäume und des Kastells Abkühlung zu finden. Der Pfad ist schmal, manchmal ziemlich rutschig, an den steilsten Stellen sind Treppen in den Berg geschlagen. Ab und zu kann es passieren, dass man an einer Gabelung den falschen Weg erwischt, der stellt sich aber in aller Regel schnell als Sackgasse heraus, sodass man stets zurückkehrt auf den richtigen Pfad.

Auf halber Strecke sind daumendicke Stahlseile über Kopfhöhe gespannt. Wohl um herabstürzende Felsbrocken und Lemminge aufzufangen. Der Weg – die Irrläufer ausgenommen – ist gut machbar, wegen der matschigen Stellen am Hang empfiehlt sich aber festes Schuhwerk. Denn selbst wenn das hier eher ein ausgedehnter Spaziergang als eine Wanderung ist, wer hier stürzt, kann nicht binnen Minuten mit zufällig vorbeikommender Hilfe rechnen.

Am Abend hat man das Land für sich allein

Nach gut zwei Stunden hat man die Reizüberflutung vom Vormittag langsam verarbeitet und Borgio Maggiore erreicht. Der Ort liegt etwas niedriger als die Altstadt, um zurückzukehren, braucht es also noch einen letzten, steilen Anstieg über Kopfsteinpflaster. Oben: alles wie vorher. Die Menschen schieben sich durch die Gassen, nur haben sie mittlerweile größere Einkaufstüten an den Handgelenken baumeln und sind vermutlich in Teilen schwerer bewaffnet als noch am Morgen.

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Erst am späten Nachmittag dreht sich der Schwarm in die entgegengesetzte Richtung. Das Vorabendprogramm für die glücklichen Hiergebliebenen. Am besten platziert man sich mit einer Schale Snacks und einem Bier in einem der Cafés zum Beispiel an der Piazza Libertà, beobachtet, wie erwachsene Männer ihren neuen Plastik-Ferrari auspacken und auf der Brüstung des Platzes fotografieren. Wenn dann, gegen spätestens 20 Uhr, die letzten Geschäfte ihre Rolltore runterlassen, hat man das Land wieder fast für sich allein. Und das ist garantiert besser als das Nachtleben von Rimini.