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Im Vernehmungszimmer
© freepik, mauritius/Gestaltung: Katrin Schuber
Tagesspiegel Plus

Tatort Berlin – das Zwölf-Stunden-Verhör: „Ich konnte mich nicht dazu bringen, ihn zu häuten“

Eine Leiche ohne Kopf, eine rätselhafte Spur und ein Zeuge, der sich in Widersprüche verstrickt: Rekonstruktion eines Falls, der die Ermittler an ihre Grenzen brachte.

Irgendwas muss passiert sein, was seinen Tod verursacht hat. Wir hatten die Hoffnung, dass Sie eine Idee haben?
Er hatte ein Tattoo auf seinem Hals, einen Schädel und einen Flügel, was man leicht mit einem Hells-Angels-Tattoo verwechseln kann.

Sie meinen den Death Head?
Ja, genau den.

Kennen Sie sich gut aus bei Rockern?
Ich kenne einige.

Ist es denn ein großes Risiko, ein Death Head zu tragen?
Ja, es ist generell ein sehr großes Risiko.

Meinen Sie, das könnte der Grund sein für Renés Tod?
Entweder das oder ein Verrückter.

Im Vernehmungszimmer der achten Mordkommission sitzt ein US-Amerikaner, der sich nicht nur sicher, sondern durchaus bedeutend in seiner Rolle fühlt. Brian Dayton*, 1981 in New York geboren, ist der wichtigste Zeuge in einem Mordfall, über den die ganze Stadt spricht. Der Amerikaner ist ein bulliger Typ, tätowiert bis zum Hals, „Better dead than red“, lieber tot als rot, steht auf seiner linken Hand. Er war es, der das Opfer als Letzter lebend sah, sagen die Ermittler. Er ahnt nicht, dass sie das wörtlich meinen.


Im Tagesspiegel Podcast „Tatort Berlin“ berichtet Kommissar Volker Hertzberg selbst vom Fall seines Lebens


Ein paar Tage zuvor:

Donnerstag, 7. Juli 2011. Zwei Angler ziehen an der Treskowbrücke einen schwarzen Rollkoffer aus der Spree, darin ein in einen Müllsack verpackter menschlicher Torso. Der Rücken eines Mannes, fast vollständig tätowiert, ein rotes Herz prangt zwischen den Schulterblättern, umrahmt von einer Schlange, Kreuzen, Sternen.

Treskowbrücke. Polizisten sichern im Juli 2011 die Spuren.
Treskowbrücke. Polizisten sichern im Juli 2011 die Spuren.
© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber | Foto: imago/Olaf Wagner

Die achte Mordkommission, Berliner Keithstraße, LKA 1, Delikte am Menschen, steht seitdem vor einem Rätsel: Wer ist der Tote? Wo sind sein Kopf, die Arme und Beine? „Wir wussten ja nicht einmal sicher, ob ein Tötungsdelikt vorliegt“, sagt Kommissionschef Uwe Isenberg, einer der erfahrensten Ermittler im Berliner Morddezernat. Isenberg, 54 Jahre alt, ist seit 1992 dabei, ermittelte im Mordfall Sürücü, fahndete nach der verschwundenen Schülerin Jessica Kopsch und überführte mit seinem Team den Mörder des Flüchtlingsjungen Mohamed.

Die acht Ermittler teilen sich auf: Zwei fahren zur Obduktion, einer nimmt Kontakt zur Vermisstenstelle auf. Fahndungsplakate müssen raus, die DNA bei der Kriminaltechnik abgegeben, die Funkzellenabfrage für den Fundort eingeleitet werden. Die Mordkommission fordert Hilfe der Feuerwehr an, Boote, Taucher, Mantrailer-Hunde.

Samstag, 9. Juli. Die Ermittler beginnen sich in Tattoo-Studios umzuhören, erfahren vom Szenetreff, der „Tattoo-Convention“ am Wochenende. Als vormittags die Türen öffnen, mischen sich auch die Kommissare der Achten unters Publikum in „Huxleys Neue Welt“, Neukölln. Die Polizisten fragen sich mit den Fotos der Tattoos von Stand zu Stand, sind fast am Ende der Halle angekommen. Dann erkennt ein Tätowierer seine eigene Arbeit: die rote Schlange, die habe er einem René gestochen. René Stadlmeier, ein Österreicher, der in Berlin arbeitet.

Sobald eine Leiche identifiziert ist, sie in das Leben des Opfers einsteigen, geht eine Mordermittlung erst richtig los, sagt Isenberg. Aus Zwölf-Stunden-Tagen werden in der dynamischen Phase, in der jede einzelne Information alles ändern kann, manchmal 16 oder 24 Stunden.

Die Ergebnisse laufen „vorne“, also beim Chef und seinem Stellvertreter, zusammen. Der Moko-Leiter wird, wenn die Mannschaft in Kommission, also auf der Jagd ist, zum Manager, Moderator und Betreuer. „Wenn’s rundgeht, vergessen viele zu essen und zu trinken.“ In Isenbergs Regal stapeln sich Schokolade, Gummitiere und Kekse.

Uwe Isenberg, Leiter der Achten Mordkommission
Uwe Isenberg, Leiter der Achten Mordkommission
© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber | Foto: Tagesspiegel/Stefan Weger

Die Ermittler durchsuchen Stadlmeiers Wohnung, blättern sich durch Fotos, Adressbücher, Notizen und Kontoauszüge. Die Erkenntnisse aus den ersten Zeugenbefragungen laufen im Büro des Chefs ein: Rene Stadlmeier, 31 Jahre alt, war nur Monate zuvor aus Wien nach Berlin gezogen. Er arbeitete als Gasttätowierer in verschiedenen Tattoo-Läden, zuletzt im „Snatchers Paradise“ und dem „White Trash“. Ein Typ, der davon träumte, nach Kalifornien auszuwandern, gerne trank, dann manchmal unangenehm aufdringlich rüberkam. Ansonsten, so beschreiben ihn Kollegen und Bekannte, nett, sympathisch, manchmal etwas schusselig, verpeilt. Seit letztem Dienstag hatte ihn niemand mehr gesehen.

Sonntag, 10. Juli. Zwei Ermittler treffen sich mit einem privaten Hundeführer an der Stelle in Oberschöneweide, wo die Angler den Koffer gefunden hatten. Die Kommissare übergeben einen Plastikbeutel, darin die Wattestäbchen, die der Gerichtsmediziner über die Haut des Torsos gerieben hatte. Als die Stäbchen zwei Ungarischen Vorsteherhunden unter die Nase gehalten werden, nehmen diese eine Spur auf, ziehen über die Treskowbrücke auf die andere Uferseite, wo die Ermittler zwei im Wasser treibende blaue Müllsäcke entdecken, darin Arme und Beine.

Ein paar Meter weiter bergen Taucher der Feuerwehr einen weiteren Rollkoffer: der Unterleib des Toten, bekleidet mit einem schwarzen Slip.

© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber | Foto: freepik

Dienstag, 12. Juli. Zwei Spaziergängerinnen finden am anderen Ende der Stadt, dem Reinickendorfer Schäfersee, eine Tüte mit dem Kopf des Opfers.

Die Obduktionen ergeben: René Stadlmeier ist erschlagen worden. Zerlegt hat der Täter, den die Boulevardzeitungen inzwischen den Puzzle-Mörder nennen, den Körper postmortal. Als vermuteten Todeszeitpunkt setzten die Gerichtsmediziner Dienstag, den 5. Juli an.

Am Obduktionstisch steht auch einer, dem der Fall näher geht, als man bei seinem Anblick vermuten könnte: Polizeihauptkommissar Volker Hertzberg, 150 Kilo, zwei Meter groß, Footballtrainer der Berliner Jugendauswahl. Hertzberg war der Erste, der es von der Schutzpolizei in die Mordkommission geschafft hat. Mit Realschulabschluss angekommen in der Polizeielite, auch das hat Hertzberg angetrieben. „Da willst du nicht versagen“, sagt der 55-Jährige bei einem Spaziergang im April.

Der Neue erledigt bei den Ermittlungen alles, was anfällt, aber schnell merken die Chefs, dass „der Große“, wie sie ihn nennen, ein besonderes Talent als Vernehmer hat. Weil er hart wirken kann, es aber nicht ist. Einer, für den die Schicksale von Zeugen, Tätern und Opfern nicht zur Routine geraten, und der am Obduktionstisch noch einen Menschen vor sich sieht. Wie im Fall des Tätowierers. „Dieses Zusammensetzen der Körperteile hat mir schon zugesetzt“, sagt Hertzberg während er seine Hände tief in den Taschen seiner Fleecejacke vergräbt. „Das muss man erst mal aushalten.“

Die Achte rekonstruiert die letzten Wochen Stadlmeiers, robbt sich immer näher an den mutmaßlichen Todestag heran bis zum Abend des 5. Juli. Es ist der Tag, an dem Bekannte den Österreicher das letzte Mal im „The Temple“ am Nollendorfplatz gesehen hatten. Es heißt: „Er ist noch mit diesem Amerikaner Brian weitergezogen.“

Das Tattoo auf dem Rücken des Toten (hier leicht verfremdet) half den Ermittlern, die Leiche zu identifizieren.
Das Tattoo auf dem Rücken des Toten (hier leicht verfremdet) half den Ermittlern, die Leiche zu identifizieren.
© Foto: freepik

Damit wird der unbekannte Amerikaner zum wichtigsten Zeugen. Vielleicht sogar zum ersten Verdächtigen. Die Ermittler verteilen ihre Visitenkarten in der Tattoo-Szene.

18. Juli, 14 Uhr. Der Besitzer ruft aus dem „The Temple“ am Nollendorfplatz an. Brian sitze nebenan in der Kneipe „Distel“, sei bereit, zu reden. Die Achte schickt ein gemischtes Team: ein Mann, eine Frau, beide sprechen fließend Englisch, sind um die 30, dabei aber „erfahren und selbstbewusst im Auftreten“. Der Erstkontakt sei besonders wichtig, sagt Isenberg. „Gegenseitige Abneigung macht alles zunichte. Da erfährt man nichts.“

18. Juli, 14.25 Uhr. Die drei suchen sich in der „Distel“ einen ruhigen Ecktisch. Brian Dayton, auf der linken Gesichtshälfte tätowiert, bestellt sich eine Flasche Beck’s. Beim Reden über René bekommt er manchmal feuchte Augen, sie hätten sich erst drei Mal gesehen, aber er sei sein Freund gewesen. An dem Abend hätten sie auf einer Bank am Innsbrucker Platz Wodka mit O-Saft getrunken und sich dann getrennt. Nein, offiziell vernehmen wolle er sich nicht lassen. Er habe doch alles gesagt, was er wisse, kein Visum und Angst, abgeschoben zu werden. In Louisiana suche ihn die Polizei wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung.

Der erste Schritt ist getan. Aber die Ermittler wissen, dass sie Brian Dayton in der Gemütlichkeit seiner Stammkneipe nicht aus der Reserve werden locken können. „Für uns ist es besser, wenn Zeugen und Tatverdächtige unter Stress sind“, sagt Isenberg. Deshalb brauchen sie Dayton in der Keithstraße, im kalten Licht des kahlen Vernehmungsraums, wo im Boden eine Öse für die Fußfesseln eingelassen ist und sich bei den Befragten, schuldig oder nicht, zwangsläufig ein Unbehagen einstellt. Nur in der Keithstraße können die anderen Ermittler mitlesen, was die Protokollantin gerade festhält, um parallel zu überprüfen, ob alles stimmt, was der Zeuge drinnen behauptet. Und ihn dann mit den Widersprüchen konfrontieren.

Als das Team in der Kneipe nicht weiterkommt, schicken sie Volker Hertzberg, ihren Zwei-Meter-Mann mit der stillen Überzeugungskraft, hinterher. „Der kann mit Menschen wie kein Zweiter“, sagt Isenberg.

Der Große. Volker Hertzberg hat ein besonderes Talent für Vernehmungen.
Der Große. Volker Hertzberg hat ein besonderes Talent für Vernehmungen.
© Gestaltung, Foto: Tagesspiegel/Katrin Schuber, Stefan Weger.

18. Juli, 16.21 Uhr. Polizeihauptkommissar Volker Hertzberg eröffnet in der Dienststelle LKA 118 die Vernehmung des Zeugen Brian Dayton:

Kennen Sie sich in Oberschöneweide aus?
Ja, ich kenne ein paar Bars.

Welche zum Beispiel?
Das „Ballaballa“ oder „Zum Henker“.

Wann waren Sie das letzte Mal in Oberschöneweide?
Vor einem Monat.

Was haben Sie da gemacht?
Getrunken.

Wie kommen Sie dahin?
Normalerweise, wenn jemand dahinfährt, nimmt er mich mit. Ich bin immer zu betrunken, um zu fahren.

Es ist der Beginn eines Duells, das sich erst bis in die Morgenstunden und dann noch einmal bis in die Nachmittagsstunden ziehen wird. Ein Kampf, den Volker Hertzberg heute die „Vernehmung meines Lebens“ nennt. Es war ein besonderer Fall. Hertzberg sagt, dass er deshalb unbedingt Klarheit, „ein vernünftiges und glaubhaftes Ergebnis“ wollte, am besten aber ein Geständnis.

Nur knapp 100 Seiten umfassen die Protokolle seiner Vernehmungen, das Extrakt aus rund zwölf Stunden. Als Uwe Isenberg an einem Freitag im März in seinem Büro anfängt, aus der Akte vorzulesen, gerät man in einen Sog, spürt, wie das Gespräch erst dahinplätschert, langsam schneller und härter wird, es gibt Paukenschläge, gefolgt von kurzen Pausen, es stockt, bis es wieder leise weitergeht, freundlich, scheinbar harmlos zunächst. Ein Rhythmus, fast eine Melodie, die Isenberg aus etlichen Vernehmungen kennt. „Ein bisschen wie bei der ,Moldau’ vielleicht.“

Hertzberg sagt: Es ist wie ein Tanz, ein Ziehen und Nachgeben, Miteinander und Gegeneinander, ein Lauern und Locken im ständigen Redefluss.

Wann sind Sie ausgewandert?
Vor ungefähr drei Monaten.

Von was wollen Sie hier leben?
Als Tätowierer. Ich möchte meine Freundin heiraten, ich glaube, sie ist im Moment schwanger. Ich bin so glücklich hier, aber die letzten Tage waren die Hölle, so etwas passiert noch nicht mal in New York. Ich kann noch nicht mal mehr einen Horrorfilm anschauen. Es ist die Hölle.

Es ist der Moment, als Brian Dayton anfängt zu weinen. Dieser schwere Säufer, als grob und aggressiv verrufen, sitzt schniefend da, weil ein entfernter Bekannter getötet wurde? Ergibt das Sinn? 15 Minuten Pause. Während Dayton sich Schokoriegel reichen lässt, beraten die Ermittler nebenan. Sie sind sich einig: Großer, da geht noch was.

Egal, wie unfassbar, abscheulich oder grausam die Tat, sagt Hertzberg: „Ich habe nie einem Monster gegenübergesessen. Situationen machen Täter.“ Verhört habe er fast nur Männer und wenige Frauen, die in eine furchtbare Lage gerutscht seien, selbst unter Schock standen nach ihrer unglaublichen Tat. Beschuldigte, von Angst, aber gleichzeitig dem unbewussten Wunsch getrieben, zu reden.

In dem schmalen Raum hat Hertzberg alle Fotos, Kalender und Uhren abgenommen, damit die Beschuldigten nicht ihren Blick daran heften können, um seinen bohrenden Fragen auszuweichen. Er muss die Verdächtigen dazu bringen, ihm zu vertrauen. Ausgerechnet ihm, dem Polizisten, der sie ins Gefängnis bringen wird, sollen sie glauben, dass er sie nie verurteilen würde. Dass er aber die ganze Geschichte hören, verstehen will, wie es zu der Tat kam. Hertzberg sagt: „Sie müssen einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen.“

Das Vernehmungszimmer in der Keithstraße löst bei den Befragten Stress aus. Ein Vorteil für die Ermittler.
Das Vernehmungszimmer in der Keithstraße löst bei den Befragten Stress aus. Ein Vorteil für die Ermittler.
© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber, Foto: Tagesspiegel/Stefan Weger,

18. Juli, 18.41 Uhr. Der Ermittler fragt den Zeugen Brian Dayton zu Beginn der zweiten Vernehmung scheinbar arglos:

Haben Sie vielleicht doch die Erreichbarkeit von René in Ihrem Handy eingespeichert?
Nein. Hier, gucken Sie selbst.

Ich kann das nicht überprüfen. Sind Sie damit einverstanden, dass ich das Handy jemandem gebe, der mal in das Handy reinschaut?
Ja, aber ich brauche das bitte für die Arbeit dann wieder.

Ein Kollege betritt den Raum, nimmt das Handy, um es einen Stock tiefer zu den Kollegen der Auswerteeinheit zu bringen. Der Forensiker zieht Kontakte, Anruflisten, Whatsapp- und SMS-Verläufe vom Gerät und bringt die Listen hoch zur Achten. Die Funkzellenabfrage ergibt, dass Daytons Handy im Bereich der Treskowbrücke eingeloggt war, am Tag des Todes und dem Tag danach.

Ein anderer Ermittler hat bereits Daytons Fingerabdrücke in die Datenbank eingegeben und ist jetzt unterwegs, um Daytons Speichelprobe für die DNA-Analyse ins Labor am Tempelhofer Damm zu bringen. Hertzberg beobachtet den Zeugen, sucht nach verräterischen Wunden an den Fingerknöcheln, Kratzern, blauen Flecken. Dayton lässt das alles zu. Er fühlt sich sicher.

Wie heißt Ihre Freundin?
Tabea Zinn. Sie steht unter Eisen in meinem Handy, weil ich sie bei einem Fußballspiel bei Eisern Union kennengelernt habe. Ich würde sie lieber nicht hierein verwickeln. Sie hat den Typen nie getroffen und sie hat auch keine Tattoos. Sie arbeitet in einer Tierarztpraxis und ist ein ganz normales Mädchen. Sie wohnt in Schöneweide.

Wo genau?
Ich kenne die genaue Adresse nicht.

Wann waren Sie letztes Mal bei ihr?
Normalerweise kommt sie zu mir. Wir werden bald zusammenziehen.

Wann waren Sie das letzte Mal bei ihr?
Vor zwei Tagen.

Was denn nun? War er vor einem Monat das letzte Mal in Schöneweide? Oder vor zwei Tagen? Fährt er mit der BVG dahin? Oder immer nur mit Freunden? Die ersten Widersprüche tauchen auf, Hertzberg hakt nach, lässt nicht locker, Dayton bleibt dabei, es wird hitziger, dann fragt der Polizist wie aus dem Nichts:

Ihre rechte Hand ist geschwollen, was ist passiert?
Das ist nicht geschwollen, das sind alles Knochen. Das ist ein alter Bruch. Die Hand ist immer so dick.

Hinter diesem Schild verstricken sich Verdächtige immer wieder in Widersprüche.
Hinter diesem Schild verstricken sich Verdächtige immer wieder in Widersprüche.
© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber, Foto: Tagesspiegel/Weger

18. Juli, 20.15 Uhr. Die Ermittler schlagen dem Tätowierer eine Ausfahrt vor: zum Innsbrucker Platz, wo er mit Stadlmeier gesoffen und sich dann von ihm getrennt haben will, zu Daytons Wohnung, der Bar in Schöneweide, zum Mietshaus seiner Freundin.

18. Juli, 23.45 Uhr. Hertzbergs Kollege, der Tatortexperte, klingelt bei Tabea Zinn in der Edisonstraße. Erst regt sich in der Wohnung nichts, als sich die Ermittler mit „Hallo, Polizei, aufmachen, bitte“ bemerkbar machen, drängt die 21-Jährige mit Jacke und Handtasche heraus.

Eine Frau mit langen Haaren, die für ihre Ausbildung zur Tierarzthelferin nach Berlin gezogen ist und von Kollegen und Bekannten als eher unterkühlt und emotionsarm beschrieben wird. Tabea habe immer gern gefeiert, sei aber, seitdem sie Dayton kennt, „nur noch zugedröhnt“ gewesen.

Zinn steht mit den Polizisten noch in der Tür, als dem Tatortmann der Geruch starker Putzmittel in die Nase steigt. Im Schlafzimmer finden die Beamten hinter einem Müllsack ein Beil, eine Handsäge, ein Sägeblatt und ein Messer. Die Wohnung wirkt schmutzig, unordentlich, allein das Badezimmer erstrahlt in Glanz. Die Ermittler bitten Zinn, ihnen als Zeugin ins Revier zu folgen.

Die Wohnung war chaotisch. Nur das Bad war auffällig blank geputzt. Der Geruch starker Reinigungsmittel steigt den Ermittlern in die Nase.
Die Wohnung war chaotisch. Nur das Bad war auffällig blank geputzt. Der Geruch starker Reinigungsmittel steigt den Ermittlern in die Nase.
© Gestaltung: Tagesspiegel/Schuber Foto: Tagesspiegel/Thilo Rückeis

19. Juli, 0.50 Uhr. Dayton sitzt da bereits wieder in der Keithstraße. Hertzberg erklärt ihm, er sei nun festgenommen, fesselt den jetzt Beschuldigten mit der linken Hand an den Vernehmungsstuhl.

Zwei Räume weiter nimmt nun Tabea Zinn als Zeugin Platz. Jede Frage, jede Antwort, die in den Zimmern protokolliert wird, lesen die Chefs an ihren Computern mit. Das Team draußen versucht nun, die Widersprüche drinnen aufzudecken, Lügen zu entlarven. Stellt sich eine Behauptung als falsch heraus, geben die Chefs die nächste Frage per Mail über die Schreibkraft an die Vernehmer weiter. Oder holen die Kommissare, um sich zu beraten, kurz aus der Vernehmung heraus.

19. Juli, 3.37 Uhr. Auf Widersprüche müssen sie in dieser Nacht nicht lange warten. Als sie lesen, dass Tabea im Verhör sagt, dass sie im Badezimmer ihr eigenes Blut aufgewischt habe, weil Brian sie aus Eifersucht heftig ins Gesicht geschlagen habe, geben sie das an Hertzberg weiter. Er spielt die beiden nun gegeneinander aus. Dass die 21-Jährige ihren Freund nur schützen will, durchschaut Brian nicht, er glaubt, sie verrät ihn gerade, und gerät außer sich, als Hertzberg sagt:

Tabea hat erzählt, dass sie von Ihnen geschlagen wurde. Dass Sie sie mehrfach ins Gesicht geschlagen haben. Sie sagt, dass Sie rausbekommen hätten, dass sie sich mit einem Freund von Ihnen getroffen hätte. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine Lüge.

Haben Sie sie geschlagen?
Nein.

Wie kommt sie dann darauf?
Das weiß ich nicht. Ich bin fertig, bringen Sie mich ins Krankenhaus!

An diese Nacht erinnert sich Hertzberg noch zehn Jahre später genau. Ein Tag im April dieses Jahres. Er schlendert am Kreuzberger Landwehrkanal entlang, eine Wollmütze über die Stirn gezogen. Der 54-Jährige achtet darauf, dass Spaziergänger nicht zufällig etwas von seiner Geschichte aufschnappen. Hertzberg sagt: „Ich hatte in der Nacht den Kampf fast verloren.“ Als er spürte, dass der Akku ausläuft, ihm vor Erschöpfung die Tränen kamen, habe ihn vor der Tür ein Kollege abgepasst: „Ja, Großer, jetzt tut es weh. Aber du musst dich noch mal konzentrieren.“ Eine Umarmung, ein Kaffee, dann kam „die zweite Luft“.

19. Juli, 13.45 Uhr. Dayton wird zur zweiten Beschuldigtenvernehmung aus dem Zellentrakt geholt. Er sagt, dass es ihm schrecklich gehe, er habe kaum geschlafen. Auf einen Verteidiger verzichtet er. Seine Kollegen hätten gestern noch „sehr lange“ mit seiner Freundin gesprochen, sagt Hertzberg. Und auch die Untersuchung der Handys und der Wohnung habe „sehr interessante und zahlreiche Informationen“ hervorgebracht. Er fragt:

Herr Dayton, wollen wir es kurz machen?
Ja.

Wir haben Ihre DNA im Koffer gefunden, den wir aus dem Wasser gezogen haben. Was sagen Sie dazu?
Was kann ich sagen?

Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen erzähle, wie sich das Tatgeschehen abgespielt hat?
Es begann im Suff ein Streit.

Um was ging denn der Streit?
Ich weiß es noch nicht einmal.

Wenn Hertzberg an die folgenden zwei Stunden denkt, sieht er nur Daytons Gesicht vor sich, „wie im Tunnel“. Kein Typ, mit dem er ein Bier trinken würde, aber auch „kein eiskalter Mörder“. Sie habe etwas verbunden, nach dieser Nacht vielleicht für immer. „Wir haben beide Brüche und Risse bekommen.“ 24 Stunden haben sie miteinander gerungen, als Dayton schließlich einknickt.

Er hatte Stadlmeier am 5. Juli im Tattoo-Studio am Nollendorfplatz getroffen. Danach zogen sie zusammen rum, tranken erst in „Hardy’s Bar“, und kauften sich dann zwei Flaschen Wodka mit O-Saft. Sie fuhren mit der S-Bahn nach Schöneweide, weil sie „Zum Henker“ wollten, entschieden aber dann, Daytons Freundin Tabea zu besuchen.

In deren Wohnzimmer ging das Saufgelage weiter. Der Wodka floss pur. Es kam zum Streit. Auf 2,7 Promille schätzt später der Sachverständige den Alkoholgehalt im Blut des Amerikaners zum Tatzeitpunkt zwischen 1 und 2 Uhr nachts.

Nach der Tat schreibt Dayton auf Facebook: „Habe gerade herausgefunden, dass Tabea die Frau für mich ist. Ich kenne niemand Vergleichbaren.“ Er ändert seinen Beziehungsstatus in „Verheiratet“, stellt ein gemeinsames Foto ins Netz. Als ihn eine Freundin fragt, ob wirklich geheiratet wurde, antwortet Dayton, dass ihm Heirat per Gesetz nichts bedeute. Ihre Ehe sei mit Blut besiegelt.

Dayton nimmt alle Schuld auf sich, den Totschlag, die Zerstückelung, die Beseitigung der Leichenteile. Er habe so die Identifizierung des Opfers verhindern wollen.

Tabea Zinn sagt später im Prozess, dass es in dem Streit um einen Mann gegangen sei, den der eine gut und der andere mies fand. „Ich hörte dann eine Schlägerei.“ Sie will die Wohnung aus Angst verlassen haben. Als sie zurückkam, sei überall Blut gewesen. „René lag in der Badewanne und rührte sich nicht mehr, Brian hatte das Beil in der Hand.“ Die Waffe hatte an der Wohnzimmerwand als Dekoration gehangen. „Ich dachte, Brian könnte mit mir dasselbe machen.“ Sie versprach ihm, keine Polizei zu rufen.

Sie müssen uns erklären, warum René so massive Kopfverletzungen hatte!
Ich versuchte seinen Kopf aufzubrechen, aber ich hatte nicht die richtigen Werkezeuge. Es hat nicht funktioniert.

Hatten Sie in Ihrem Leben Erfahrung mit der Fleischverarbeitung?
Ja, die Jagd.

Was haben Sie gejagt?
Ich habe Rehe gejagt, Rotwild. Ich konnte mich aber nicht dazu bringen, ihn zu häuten, ihm die Haut abzuziehen. Das hätte ich aber machen müssen, um seine Tattoos verschwinden zu lassen.

19. Juli, 16.26 Uhr. Die Schreibkraft notiert: Vernehmungsende. Hertzberg erinnert sich an eine bleischwere Stille, sagt, dass der ganze Raum „voll mit Traurigkeit, Müdigkeit und schwerer Straftat“ war. „Ich habe so etwas nie vorher und nie nachher erlebt.“

19. Januar 2012. Uwe Isenberg, Chef der achten Mordkommission, verliert seinen Vernehmer, weil das Dienstrecht damals noch verbietet, dass Hertzberg, der Schutzpolizist mit Realschulabschluss, in der Mordkommission aufsteigt. Isenberg bittet seinen damaligen Dezernatschef, eine Ausnahme zu machen, vergeblich. „Ich bin dem schnöden Mammon gefolgt“, sagt Hertzberg. Er wird zum Chef bei der Sondereinheit MEK Rotlicht befördert, gerät in den Berliner Rockerkrieg und nimmt den berüchtigten Boss Kadir Padir persönlich fest.

26. April 2012. Die 35. Große Strafkammer verurteilt Brian Dayton zu zehneinhalb Jahren Haft und ordnet die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. „Eine brutalere Tat, als einem Menschen mit einem Beil den Schädel zu spalten, kann man sich nicht vorstellen“, sagt der Richter. Bestialisch sei die Tat gewesen, in ihrer einzigartigen Grausamkeit völlig aus dem Rahmen fallend, „wie im Mittelalter“. Das Opfer habe noch gelebt, als Dayton mit dem Beil auf Ober- und Unterkiefer einschlug. Der Österreicher erstickte an seinem Blut.

Tabea Zinn sitzt fünf Monate wegen Strafvereitelung in U-Haft und am ersten Prozesstag mit Brian Dayton auf der Anklagebank. Sie hat nicht nur ihren Job als Tierarzthelferin, sondern offenbar auch jeden Halt im Leben verloren. Die Mutter sagt, dass sie ihre Tochter, die damals für ihre Ausbildung voller Optimismus nach Berlin aufgebrochen sei, kaum wiedererkenne. Die junge Frau befindet sich in Therapie. Ihr Verfahren wird gegen 1000 Euro Geldbuße eingestellt.

Volker Hertzberg führt heute beim Personenschutz ein Kommando.

*Die Namen aller Opfer, Zeugen und Verdächtigen wurden geändert

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