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Illustration: Tagesspiegel/Felix Möller

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Team statt Traumpartner: Wie aus Liebe Freundschaft werden kann

Paul und Janne werden die Ersten sein, die heiraten, glauben alle. Stattdessen trennen sie sich – und verstehen sich doch bis heute.

Auf einmal steht sie wieder da, zwischen all den Fremden. Ihre Blicke treffen sich, es ist, als würden sie gemeinsam tief unter Wasser tauchen. Jedes Geräusch dumpf verzerrt, der Pulsschlag dröhnt im eigenen Gehör. Gedanken rasen durch seinen Kopf, doch fassen kann er keinen. Sie sieht die Unsicherheit in seinen Augen. Wie lange stehen sie da? Zwei Menschen unter Zehntausenden auf einem Festival.

Gerade erst hat er die Bühne verlassen, die Gitarre unterm Arm. Früher, sagt sie, war er nach Auftritten wie weggetreten. Aber heute ist er da, hier mit ihr. Sie umarmen sich.

Paul und Janne lassen sich von den konkurrierenden Melodien über das Festival treiben.
Paul und Janne lassen sich von den konkurrierenden Melodien über das Festival treiben.

© Melinda Nagy - Fotolia

Später sagt Janne, diese Nacht sei eine Kurzversion ihrer Beziehung gewesen. Fünf Monate waren Paul und Janne, die in Wirklichkeit anders heißen, da eigentlich schon kein Paar mehr.

Du probierst mir zu erklären / dass keine Sau mich mag / Paul selbst dein rechtes Auge / wendet sich von dir ab.

Janne

Ein gutes Team. Das waren sie immer. Janne und Paul duellierten sich im Rap-Battle, da waren sie noch nicht mal zusammen. „Du probierst mir zu erklären / dass keine Sau mich mag / Paul selbst dein rechtes Auge / wendet sich von dir ab“, rotzte Janne Paul entgegen – und meinte seinen leichten Silberblick. Spätestens da war klar: Die Gefühle sind echt.

Was Paul und Janne hatten, war offensichtlich. Das würden die Ersten sein, die heiraten im Freundeskreis. Stattdessen trennten sie sich.

Eigentlich hatten sich Paul und Janne ja schon lange gut gefunden. Nur: Paul datete damals Jannes Mitbewohnerin Mona, die mit dem Wasserbett. Bis zu dieser einen Nacht, eineinhalb Jahre vor dem Festival war das. Paul war mit Mona feiern und übertrieb es. Weil Mona weitertanzen wollte, holte Janne ihn ab. Doch Paul kam nicht runter. Also las Janne ihm vor, „Weihnachten mit Thomas Müller“, ein Märchen von Karen Duve. Als sie den Buchrücken schließt, sagt er: Ich mag Dich.

Paul und Janne, das fing so unschuldig an, wie es endete. Da gab’s keine Lügen, keinen Schmutz, kein Gezerre um die gemeinsamen Freunde – nur ein letztes Aufbäumen. Ein Festival nur für Paul und Janne. Es war Ende Mai. Pauls Band spielte um 16 Uhr, das Publikum ging mit wie selten. Dann nach dem Auftritt das unerwartete Wiedersehen mit Janne neben dem Merchstand – sollte Janne nicht gerade auf Reisen sein?

Eigentlich war Paul da schon aus dem Gröbsten raus. Doch in dem Moment war alles mit einem Mal wieder da. Fünf Monate Trennung wie weggewischt. Pauls Bandkollegen freuten sich. High-Five, endlich ist Janne wieder am Start!

Es habe sich falsch angefühlt, sagt Paul später

Paul und Janne lassen sich von den konkurrierenden Melodien über das Festival treiben. „Es hat sich falsch angefühlt“, sagt Paul später, „vielleicht weil ich nicht derjenige war, der es beendet hatte.“ Sie küssten sich und tanzten, sie lachten in dieser Nacht. Alles cool, alles gut, das Störgeräusch im Hinterkopf wie ausgeblendet.

Für Janne war Paul der erste richtige Freund. Janne ist Anfang 20, Paul Ende 20. Sie lebte in einer kleineren Stadt im Ruhrgebiet, er in Berlin. Paul war damals ein ziemlicher Aufreißer, sagt Janne. Dieser wilde Typ mit Band. Sie fand das einerseits zum Kotzen, andererseits auch beeindruckend. Paul imponierte, dass Janne sich nie darum scherte, was andere von ihr dachten. Da saß sie in ihrem Ganzkörper-Frottee-Anzug in der WG-Küche, trank Bier aus der Flasche und hätte für Paul nicht anziehender sein können.

Paul und Janne konnten einander so lange übertrumpfen, bis sie anfingen zu schweben. Hochgezogen im Sog ihrer eigenen Energie, bis es nur noch sie beide gab.

Nachts nach dem Festival fielen Paul und Janne glücklich vom Rausch des Abends auf das Sofa bei dem Kumpel in der Stadt. Eng umschlungen schliefen sie ein, miteinander schliefen sie nicht. Am nächsten Morgen war beiden klar, was sie am Tag zuvor schon gefühlt hatten: Das war die letzte Nacht zu zweit.

Dass Paul keinen Plan hatte, löste in ihr Stress aus

Paul war damals einer, der in den Tag hineinlebte, sagt Janne, der mal hier, mal dort jobbte. Und Janne, sagt Paul, die suchte nach Sicherheit. Wenn er wieder einmal vergaß, den Zug zu buchen, und sich dann das Ticket nicht mehr leisten konnte, weil der Preis gestiegen war, nervte sie das. Janne fühlte sich für alles Mögliche verantwortlich damals. Dass Paul keinen Plan hatte, löste in ihr Stress aus.

Wenn er wieder einmal vergaß, den Zug zu buchen, nervte sie das. 
Wenn er wieder einmal vergaß, den Zug zu buchen, nervte sie das. 

© imago/blickwinkel

Einmal im Urlaub in Slowenien fragt Janne Paul, wie er sich denn ihre gemeinsame Zukunft vorstelle. „Du bist doch nur Musiker.“ Paul hat diese Szene nicht vergessen. In diesem Moment hat sie nicht an ihn geglaubt, meint Paul. Und er hätte gerne gesagt: „Janne, verlass dich auf mich, ich werd’ auf jeden Fall was aus mir machen. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.“

Janne zog ihr Studium durch, arbeitete nebenbei viel. Wenn sie vor einer Entscheidung stand, wählte sie die sichere Option. Die Freunde nannten sie manchmal liebevoll Oma Janne. Dabei war sie so jung.

Die Freunde nannten sie manchmal liebevoll Oma Janne. Dabei war sie so jung

Gleichzeitig spürte sie diesen Drang nach Unabhängigkeit, sie wollte reisen, egal wie lange und auf jeden Fall alleine. Und dann lagen sie nachts im Bett zusammen und sie fragte sich: Finde ich es eigentlich schön, umarmt zu werden?

„Es gibt einen Grund, warum wir uns getrennt haben“, sagt Janne heute. „Weil wir so unterschiedliche emotionale Typen sind. Weil wir uns gegenseitig aufreiben, in alle Richtungen.“– Paul glaubt: „Ich kann nur mit jemandem zusammen sein, der weiß, wer er ist. Janne wusste das nicht.“

Wenn Paul und Janne heute mal in der Gegend des oder der anderen sind, bleiben sie für eine Nacht. Wenn sie jetzt voneinander erzählen, lächeln sie.

Dann verwenden sie die gleichen Worte – Respekt, Humor. Erzählen von den Partys, den Drinks. Dann halten sie sich manchmal die Hände vors Gesicht, lachen dahinter - darüber, wie es damals war. Und beugen sich nach vorne, halten inne. Und sagen: „Ach, so hast du das damals empfunden. Ich verstehe dich.“

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