Vegetarisch leben : Wie ich vom Fleisch fiel

Meine Tochter will ab sofort nur noch vegetarisch essen. Das erinnert mich an mich mit 20 - und macht klar, was heute alles anders ist. Eine Kolumne.

Sie gut aus, schmeckt - und schont Tierleben. Vegetarisches Essen ist in - jetzt auch im Haushalt unserer Autorin.
Sie gut aus, schmeckt - und schont Tierleben. Vegetarisches Essen ist in - jetzt auch im Haushalt unserer Autorin.Foto: PantherMedia

Mit Mitte 20 war ich mal kurz Vegetarierin. Ich hatte mich damals in einen Mann verliebt, der kein Fleisch und keine tierischen Produkte aß. In meiner deutschen Welt fanden das meine Freunde ziemlich cool. Nur meine Familie in meiner türkischen Welt hatte nichts als Spott für mich übrig. Ich kann also sehr gut nachempfinden, wie sich die Grünen fühlten, als sie versucht haben, einen Veggie Day in Deutschland zu etablieren.

Mein Vater, der mit ziemlicher Sicherheit auch an diesem verregneten Wochenende seinen Grill im Garten anschmeißen wird, lacht bis heute darüber, wie ich verkündete, dass ich kein Fleisch mehr essen werde. „Dann iss halt Hühnchen“, sagte er, und ich schwöre, er meinte es ernst. So ging mein Vegetarier-Leben leider schon nach einigen Wochen unsanft zu Ende. „Ich bin Vegetarierin“, klingt für meinen Vater etwa so absurd, als würde ich sagen „ich bin Deutsche“.

Erziehungsratgebererprobt sagte ich: "Ich mach mit"

Daran erinnerte ich mich vor einigen Tagen wieder, als meine Tochter zu mir in die Küche kam und sagte: „Mami, ich möchte ab sofort nur noch vegetarisch essen.“ Raten Sie mal, was ich gesagt habe? Nein, natürlich nicht, dass sie Hühnchen essen solle, obwohl ich zugeben muss, dass es mir auf der Zunge lag. Ich habe auch nicht versucht, sie davon abzubringen. Ich sagte erziehungsratgebererprobt: „Okay, ich mache mit.“

Nun sind also zwei Drittel der Familie Vegetarier. Dem dritten Familienmitglied, so unser Plan, würden wir so lange Kichererbsenpüree und Süßkartoffelauflauf servieren, bis es sich uns freiwillig anschließt. Und falls das nicht überzeugend genug ist, habe ich schon eine Studie der Universität Oxford ausgedruckt, in der steht, dass Vegetarier und Veganer ein niedrigeres Risiko auf einen Herzinfarkt haben als Fleischesser.

Etwa sieben Millionen Deutsche verzichten mittlerweile auf Fleisch. Knapp ein Viertel der Deutschen geht in Restaurants, in denen weder Fisch noch Fleisch auf der Karte stehen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Instituts für Management und Wirtschaftsforschung. Ich finde, wir können stolz darauf sein, wie sehr sich unsere Einstellung geändert hat. Niemand wird mehr verspottet, weil man sich gegen Fleisch entscheidet. Außer vielleicht von einigen Politikern, denen die Pferdestärke ihres Nudelfertiggerichts zu Kopf gestiegen ist.

Verwüsten Veganer Metzgereien?

Sie lachen, aber vor einiger Zeit gab es in meinem Heimat-Bundesland NRW tatsächlich eine Anfrage der AfD unter dem Titel „Militante Veganer verwüsten Metzgereien – Metzger fordern Polizeischutz.“ Innenminister Herbert Reul beruhigte die Kollegen, der Landesregierung seien keine gewaltsamen Angriffe durch militante Vegetarier auf Metzgereien bekannt.

Empirische Untersuchungen und wissenschaftliche Grundlagen gibt es zwar nicht, aber ich kann nun persönlich und aus eigener Erfahrung bestätigen, dass ich, seit ich kein Fleisch mehr esse, friedfertiger, gelassener und sanfter bin. Im Umkehrschluss hieße das, dass Fleisch aggressiv und streitsüchtig macht. Das erklärt nun auch, warum ich mich nur mit Menschen anlege, die Berge von Fleisch in sich hineinschaufeln.

Seit ich im Internet ein Rezept für vegetarische Lahmacun, türkische Pizza, gefunden habe, steht meinem Leben als Langzeit-Vegetarierin nichts mehr im Weg. Ich bin allerdings froh, dass meine Tochter nicht im Sommer auf die Idee gekommen ist, Fleisch von ihrer Speisekarte zu streichen, als die halbe Stadt unter einer Grillwolke lag. Aber dann hätte ich ja immer noch Hühnchen essen können.