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Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
© Polaris/laif

Hikikomori in Japan: Wenn Jugendliche sich vor der Welt verstecken

Er hatte studiert, hatte Freunde, eine Zukunft. Dann fiel Takeshi Shimada durchs Raster – und schloss sich in seinem Zimmer ein. Vom schweren Weg zurück ins Leben.

Vor eineinhalb Jahren kam der Tag, an dem es Takeshi Shimadas Mutter einfach nicht mehr ertrug. „Zwei Männer rissen meine Zimmertür auf, griffen mich unter den Armen und trugen mich nach draußen“, erzählt der heute 32-Jährige. Am Fuß der Treppe sah seine Mutter zu, wie der älteste Sohn an ihr vorbei aus dem Zimmer gezerrt wurde, das er zuvor kaum noch verlassen hatte. Seitdem wohnt er in diesem kleinen, kahlen Raum am Rande Tokios.

Seine Krise begann, ohne dass er es merkte. Tage verstrichen und schließlich Monate, bis es Takeshi Shimada langsam dämmerte, das er ein Problem hatte. Seit ungefähr neun Jahren trifft Shimada ungern auf Menschen, meidet Unterhaltungen, scheut Körperkontakt. In Japan gibt es ein eigenes Wort für dieses Phänomen: „Ich war ein Hikikomori geworden“, sagt er. Ins Deutsche übersetzt heißt der Begriff so viel wie „sich wegschließen“.

Zum Glück gibt es den Begriff, sagt Shimada, lächelt bitter und klopft die Asche von seiner Zigarette. So kann er seinem Problem wenigstens einen Namen geben.

Sein Allgemeinwissen ist beeindruckend

Takeshi Shimada ist ein intelligenter junger Mann mit Auslandserfahrung und einer Ausbildung, die Arbeitgeber begeistern müsste. Sein Allgemeinwissen ist beeindruckend. Shimada weiß die Namen der letzten Zentralbanker Japans auswendig, kennt die Programme der politischen Parteien genau, ebenso wie etliche wichtige Daten der Geschichte.

Optisch entspricht er auch nicht dem Klischee des weltfremden Bücherwurms: Er hat eine athletische Figur, trägt seine Baseballkappe tief im Gesicht, Pulli und Hose sind im lässigen Schlabberlook. Doch dieser Raum, den er heute sein Zuhause nennt, in dem er zusammengekauert dasitzt und unablässig Rauchringe in die Luft bläst, verrät, dass etwas schiefgelaufen ist. Bis auf eine Matratze und ein kniehohes weißes Regal, in dem Manga, Zeitungen und Bücher stehen, ist sein Zimmer leer. Hinter einer Schiebetür bewahrt er seine Kleider auf und bunkert er seine Zigaretten. „In Japan bin ich ein Versager“, sagt Takeshi Shimada.

Hier, in einem der reichsten und wirtschaftsstärksten Länder der Welt, ist das Wort Hikikomori schon vor rund zehn Jahren zu einem festen Begriff geworden. Er bezeichnet soziophobes Verhalten von Menschen, die den Kontakt zur Außenwelt abbrechen. Die Gründe sind vielfältig, reichen von Versagensängsten bis hin zu Traumata. Hikikomori verschließen sich in ihren Kinderzimmern, verdienen kein Geld und leben auf Kosten ihrer Eltern. Die meisten Hikikomori sind im jungen Erwachsenenalter und männlich. Die Zahl der Hikikomori hat über Jahre zugenommen, heute wird vermutet, dass zwischen einigen Hunderttausend und einer Million junge Erwachsene davon betroffen sind.

Betreutes Wohnen. Das Leben in einer Einrichtung für Betroffene

Dass Takeshi Shimada sich zu einem Treffen bereit erklärt, ist für ihn ein großer Schritt. Es hat viel Überzeugungsarbeit gebraucht um ihn zu bewegen, seine Lebenssituation zu erklären. Dass er nicht alleine ist, kein Kuriosum, hat ihn ermutigt.

Schließlich lädt er in sein spartanisches Zimmer ein, das er seit eineinhalb Jahren bewohnt. Es liegt im ersten Stock eines Wohnheims. Über der Eingangstür hängt deutlich sichtbar ein Schild, auf dem steht: „Neustart“. Betreiber der Einrichtung ist ein Verein mit dem gleichen Namen: „New Start“. Hier soll er wieder auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Eine Therapie gibt es nicht, dafür aber andere Verpflichtungen – zum Beispiel zur Mitarbeit im Café und Restaurant, das der Verein betreibt.

Etwa 30 Hikikomori leben im Wohnheim mit Shimada zusammen, Häuser wie dieses gibt es überall im Land. Die Bewohner müssen regelmäßig zusammen kochen, einen Fernseher gibt es nur im Gemeinschaftsraum, Internet ist verboten, nach Hause darf man nur nach Absprache. Nur so funktioniert es, sagen die Betreiber. Mitbewohner waren es auch, die Shimada damals auf Veranlassung seiner Eltern abholten. Mittlerweile werden Therapien oder Wohnzentren wie jenes, in dem Takeshi Shimada lebt, von der Regierung oder von Stiftungen bezuschusst.

Hikikomori gibt es überall

In Japans Gesellschaft, wo vieles von der Norm Abweichende gleich einen Namen bekommt, kennt jeder den Begriff Hikikomori. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit 350 Millionen Menschen an verschiedenen Arten der Depression erkrankt. Und Psychologen, die das Krankheitsbild mit Patienten in anderen Länder vergleichen, stellen fest, dass es ähnliche Verhaltensmuster auch anderswo gibt – nur nicht so häufig wie in Japan. Dafür haben die Forscher kulturelle, biopsychologische und ökonomische Erklärungen. Leistungsdruck wird am häufigsten angeführt. Der japanische Arbeitsmarkt sei so starr, dass junge Menschen häufig nur einmal im Leben, nämlich direkt nach dem Uniabschluss, die Chance hätten, einen angesehenen Job zu bekommen. Wer das nicht schafft, hat es verpasst. Und wer es auf dem Arbeitsmarkt nicht schafft, hat auch schlechtere Chancen zu heiraten, weniger Freunde, geringeren Status.

Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
© Polaris/laif

Takeshi Shimada passt als älterer Bruder seiner Geschwister – die im Gegensatz zu ihm alle einen Job haben – gut ins Bild, das Statistiker von den Hikikomori zeichnen. Nur war seine Ausbildung eigentlich zu gut, als dass er scheitern konnte. Weil er ein hervorragender Schüler war, bezahlten ihm seine Eltern ein Mathematikstudium am University College London. Danach machte er an der berühmten London School of Economics einen Master. Takeshi Shimada war beliebt, hatte eineinhalb Jahre lang eine Freundin, ging fast jeden Abend aus. Er liebte die geselligen Londoner Pubs.

Verblüffend schnell fiel er durchs Raster

„Aber als ich nach Japan zurückkam, habe ich mich nicht sofort auf Jobs beworben, mir fehlte irgendwie die Motivation“, sagt Shimada. Dann fiel er verblüffend schnell durchs Raster. Nach dem Verstreichen der ersten Bewerbungsfrist bei den Großbanken und den Promotionsprogrammen der Unis machte er sich noch wenig Gedanken. Aber als all seine Freunde schon Arbeit hatten, während er die Tage noch im Elternhaus am Mittag begann, hörte Takeshi Shimada langsam auf, an sein Handy zu gehen. Er wollte sich nicht rechtfertigen, durch die Fortschritte der Freunde nicht ständig den eigenen Stillstand vorgehalten bekommen. Bevor er sich unter ihnen unwohl fühlte, verzichtete er lieber ganz auf Freunde. Gerade in Japan, wo Konformität eine Tugend ist, wird das Anderssein schnell mit Missachtung quittiert. „Irgendwann habe ich auch meinen Handyvertrag gekündigt“, sagt er.

Er schloss sich weg, folgte Tag für Tag demselben Muster: „Ich stand nachmittags auf, machte erst mal den Fernseher als Hintergrundlärm an, setzte mich ohne Frühstück vor den Computer und las Nachrichten. Blogs wurden mein neues Hobby.“ Viele Hikikomori flüchten sich in die virtuelle Welt, halten nur noch mittelbar Kontakt zum Geschehen jenseits der eigenen vier Wände.

Alter Ideale, neue Realitäten: Das sorgt für Probleme

Doch wie kann ein junger Mann wie Takeshi Shimada all den Tatendrang verlieren, der einst einen Großteil seines Fortkommens ausmachte? Shimada selbst hat darauf nur abstrakte Antworten. Er kommt darin nicht vor, dafür aber all die großen Themen, die er in seinem Kinderzimmer täglich übers Internet verfolgt hat. Er kann sie prägnant zusammenfassen: „Japans Wirtschaft ist seit mehr als 20 Jahren nicht mehr gewachsen. Unter den Leuten in meinem Alter glaubt keiner, dass die Welt morgen besser ist als heute. Und die Regierung hat es nicht geschafft, das zu ändern.“

Doch ist es wirklich so einfach? Auch die ausführlicheren Erklärungen des Arbeitsmarktökonomen Yuji Genda klingen ähnlich. Genda arbeitet an der Universität Tokio, der Eliteschmiede des Landes, und untersucht seit Jahren die Situation junger Menschen. Die Regale in seinem Büro sind gefüllt mit Büchern über Theorien der Arbeitslosigkeit, internationale Vergleiche des Kündigungsrechts, soziologische Interpretationen von Einkommensungleichheit. „In Japan gab es immer diesen Traum“, sagt Genda, ein gedrungener Mann, der in seinem Sessel hinter dem Schreibtisch mit dem großen Bildschirm noch kleiner wirkt. „Als junger Mensch machst du deine Schule fertig, paukst kräftig für die Aufnahmeprüfungen an der Uni, gehst vier Jahre später in einen der großen Betriebe: Mitsubishi, Sony, Hitachi und so weiter. Da bleibst du dann bis zur Rente, hast deine Karriere gemacht, Vermögen angespart und eine Familie gegründet.“

Über Jahrzehnte folgten Japans Betriebe diesem immergleichen Muster. Die Arbeitskräfte bildeten sie jung aus, boten ihnen hohe Arbeitsplatzsicherheit, verlangten im Gegenzug Hingabe für den Job. Wer nichts falsch machte, konnte ein stetig steigendes Einkommen erwarten. „Das Modell der lebenslangen Beschäftigung ist bis heute das Ideal“, sagt Genda.

Was die Eltern geschafft haben, erwarteten sie auch vom Sohn

Auch die Eltern von Takeshi Shimada führen noch das Leben, das demnach jeder Japaner führen sollte. Der Vater hat einen Vollzeitjob im Büro, die Mutter zog die Kinder auf. In einer Kleinstadt baute die Familie ein Haus, der Sohn Takeshi bekam ein eigenes Zimmer mit Fernseher, Computer und ausreichend Platz. Und was die Eltern geschafft haben, erwarten sie auch von ihrem Sohn.

Heute sei dies aber eine Illusion, sagt Genda. „Es gibt diese Jobs kaum noch. Von den Japanern unter 25 Jahren haben nur wenige eine Festanstellung in Vollzeit, die anderen machen eher schlecht bezahlte Aushilfsarbeiten.“ So hat auch die Zahl der Familiengründungen rapide abgenommen. Die Geburtenrate ist mit 1,4 Kindern pro Frau eine der niedrigsten der Welt, obwohl der Babywunsch vieler Japaner durchaus vorhanden ist. Gendas Untersuchungen zeigen auch, dass 70 Prozent der jungen Japaner finden, sie hätten nicht viele Freunde.

Und das ist nicht erst seit gestern so. Vor 25 Jahren platzte in Japan eine Immobilienblase, die dem jahrzehntelang ununterbrochenen Wirtschaftswachstum ein jähes Ende bereitete. An Tokios Börse stürzte der Leitindex Nikkei 225 ab, Japans Wirtschaft rutschte in die Rezession, erstmals wurden in großem Stil Arbeitskräfte entlassen. Seitdem haben es die immer häufiger wechselnden Premierminister versucht, die Wirtschaft neu zu beleben. Nur ist das bislang nicht nachhaltig gelungen.

Am Freitag ist Party. Anwesenheit ist Pflicht

An einem Freitagabend sitzt Takeshi Shimada mal nicht in seinem Zimmer und raucht, sondern auf einer Couch unten im großen Aufenthaltsraum des Wohnheims – vor der Playstation. Er wirkt wie ausgewechselt, albert laut mit anderen Bewohnern und trinkt Bier aus der Dose. Musik läuft, auf einem großen Tisch steht Essen. Jeden Freitagabend veranstalten die Bewohner eine Party – auch sie ist Pflichtprogramm.

Neben Takeshi rutscht Hikaru Murata nervös auf einem Stuhl hin und her. „Woher kommst du?“, fragt er – den Controller in der Hand – alle Vorbeigehenden, die er noch nicht kennt. Hikaru Murata ist 29 Jahre alt. Vor einem Jahr zog er aus dem Wohnheim aus. Aber bei den Partys lässt er sich regelmäßig blicken. Als gutes Beispiel für alle anderen, dass man es wieder hinaus ins gesellschaftliche Leben schaffen kann.

Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
Draußen ist feindlich. Hikikomori wird das Phänomen in Japan genannt. Hunderttausende sind betroffen.
© Polaris/laif

„Ich arbeite jetzt in einem kleinen Supermarkt an der Kasse“, sagt Murata, ein schlanker Typ mit gegeltem Haar und einer kleinen Silberkette um den Hals. „Früher wollte ich mal Büroangestellter werden. Ich wollte einen dieser Jobs, bei denen du einen Anzug trägst.“ Aber im letzten Schuljahr wurde Hikaru Murata vom Stress, für all die Prüfungen lernen zu müssen, übermannt. Er verbarrikadierte sich im Kinderzimmer, wollte nicht mehr raus, brach die Schule ab, gab Kontakte auf. Zwei Jahre wohnte er dann im Wohnheim, sprach erst nach einiger Zeit auch mit anderen Bewohnern über seine Probleme. „Mein heutiger Job ist nicht der, den ich immer haben wollte. Aber immerhin“, sagt Murata. „Ich kann heute wieder träumen.“

Takeshi Shimada hat keine Träume. „Früher wollte ich Professor werden oder Analyst.“ Heute ist er sich nicht mehr sicher. Genauso wenig weiß er, wann er es schaffen kann, aus dem Wohnheim auszuziehen, und ob er mit seinen 32 Jahren nicht vielleicht schon zu alt für den Jobeinstieg ist, obwohl er höhere Qualifikationen hat als viele.

Dann ist die Party vorbei. Takeshi Shimada ist müde. Oben in seinem Zimmer raucht er noch eine Zigarette. Dann will er nicht mehr reden – und bleibt alleine in seinem Zimmer.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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