"Auch die Pfefferkuchen haben Symbolgehalt"

Seite 2 von 3
Wie die Nazis Heiligabend umdeuteten : Weihnachten unterm Hakenkreuz
Andrea Biernath
Der Führer als neuer Heiland: Adolf Hitler bei einer Weihnachtsfeier in der Reichskanzlei 1937.
Der Führer als neuer Heiland: Adolf Hitler bei einer Weihnachtsfeier in der Reichskanzlei 1937.Foto: ullstein bild

Im Zentrum der deutschen Weihnacht, so stellt das Manuskript des Heimatwerks Sachsen klar, soll der heidnisch-germanische Weihnachtsbaum als „Heiligtum der Familie“ stehen. Geschäften und Wirtshäusern sei das Aufstellen nicht gestattet, ein „schöner Brauch“ bestehe allerdings darin, einen „Weihnachtsbaum für alle“ zu errichten – also im ganzen Reich in jedem Ort zentral und öffentlich einen Baum mit Lichtern zu schmücken, von dem sich die Familien ihr Licht mit nach Hause nehmen konnten. „Es muss jedoch vermieden werden, dass in einem Orte mehrere Bäume zur Aufstellung kommen“, heißt es streng.

Die Bezeichnung „Christbaum“ ist laut dem Fachreferat des Heimatwerks dagegen irreführend und zu unterbinden. Zur Inszenierung des Weihnachtsbaumes gehöre auch seine ausschließliche Verwendung und sein Aufbau am Weihnachtsabend – eigentlich dem traditionellen Zeitpunkt für den Aufbau der Krippe. Auf vorweihnachtlichen Feiern solle das Symbol von lebensspendender, immergrüner Fruchtbarkeit dagegen nicht verwandt werden. Lichterkränze seien möglich.

Systemtreuer Baumschmuck mit Hakenkreuz

Dass es sich bei der „Weihnachtsbaum für alle“-Kampagne nicht bloß um papierene Kopfgeburten eines Referenten des Heimatwerks handelt, sondern um tatsächlich gelebte Praxis, belegen andere Quellen, zum Beispiel die zusammenfassenden Berichte der Fragebögen des nationalsozialistischen Lehrerbundes. Pro Stadt hat dafür ein Lehrer über alle Weihnachtsbräuche vor Ort minutiös Buch geführt. Die Ergebnisse sind dann für jede Region zusammengefasst worden. In diesem Rahmen wird im Kreis Aue von der umfassenden Aufstellung dieser öffentlichen Bäume auf Marktplätzen, vor Kirchen und Rathäusern berichtet. Die vorrangig verwendete Baumart sei die Fichte, ist dort mit penibler Lehrergenauigkeit festgehalten. Daneben gebe es aber auch Tannen als böhmische Exportware. Kiefern seien eher selten. Sogar die Baumaufstellung in den Privatwohnungen wurde überprüft. Es wird betont, dass die traditionellen Pyramiden und Weihnachtsberge den Baum nicht verdrängten, sondern zusätzlich aufgestellt würden. Nur bei Platzmangel fehle in den Familien ein Baum.

Natürlich unterliegt auch sein Schmuck einem strengen Reglement, jede christliche Andeutung solle vermieden werden, erklärt das Heimatwerk. Äpfel und Nüsse seien „Künder des neuen Lebens“ und gehörten deshalb unbedingt an den Baum. „Auch die Pfefferkuchen haben Symbolgehalt: Pferd, Schwein, Hase und Hahn, die alten Runensinnbilder Sechsstern und Radkreuz ... Auf die Spitze des Baumes stecken wir das heilige Zeichen unserer Vorfahren: das Hakenkreuz oder Sonnenrad.“ Um Gestaltungsbeispiele für systemtreuen Baumschmuck zu finden, empfehlen der oder die Autoren einen Blick in BDM-Zeitschriften.

Die nicht germanische, abwertend als „orientalisch“ bezeichnete Krippe hingegen solle möglichst dem Weihnachtsbaum weichen. Wo sie bestehen bleibe, müsse sie aber zumindest eingedeutscht werden. Hinter dem Begriff „orientalisch“ verbarg sich der eigentliche Stein des Anstoßes, Jesu Verankerung im Judentum. Die morgenländische Umgebung wird daher zur deutschen Landschaft in „herber Schönheit“ umgedeutet.

Fritz Thost, ein bekannter Schnitzwart der Nazis aus Schneeberg, hat bereits 1937 anlässlich der „Feierohmdschau“ befriedigt festgestellt, dass die orientalischen Krippenmodelle, die es vor Hitlers Machtübernahme fast ausschließlich gegeben hatte, mehr und mehr der deutschen Krippe gewichen seien. Die Krippe war zur Bergschmiede oder Köhlerhütte geworden. Bergmänner und Kräuterweibchen ersetzten die Heiligen Drei Könige. Im Rahmen der „Feierohmdschau“ sind auch die biblischen Figuren der berühmten Kraußpyramide, einer überlebensgroßen Pyramide im Herzen von Schwarzenberg, herausgebrochen und durch deutsche Krippenfiguren ersetzt worden.