Wie sich die Schweden gesund zwingen : Restriktives Rauchverbot in Kraft getreten

Keine Zigaretten vor der Bar, oder an der Bushaltestelle. Das Tabakgesetz stößt auf Zustimmung. Die Bevölkerung ist es gewohnt, dass der Staat sich einmischt.

Karin Bock-Häggmark
Vor Bars oder an Bushaltestellen darf man in Schweden in mehr rauchen.
Vor Bars oder an Bushaltestellen darf man in Schweden in mehr rauchen.Foto: Christin Klose/picture Alliance


„Ich finde das Rauchverbot super“, sagt Per Sörengård aus Västmanland. Er ist zu Besuch in Stockholm und sitzt mit seinem Bier vor einem der vielen Cafés in der Altstadt. „Das bringt die Raucher vielleicht dazu aufzuhören“, ergänzt seine Frau Anki. So wie die Sörengårds denken die meisten Schweden. Laut Umfragen befürworten rund 80 Prozent der Bevölkerung Rauchverbote auf öffentlichen Plätzen.

Das neue Tabakgesetz kommt diesem Wunsch entgegen. Seit einer Woche ist das Rauchen in den Außenbereichen von Restaurants und Cafés verboten. Auch vor Kneipen und Einkaufszentren, auf Bahnsteigen, an Bushaltestellen sowie auf Spiel- und Sportplätzen hat es sich ausgeraucht. E-Zigaretten und Wasserpfeifen fallen ebenfalls unter das Gesetz. Ein allgemeines Rauchverbot in Gaststätten gilt bereits seit 2005 im ganzen Land.

„Wir wollen, dass Schweden bis zum Jahr 2025 rauchfrei wird“, betont die sozialdemokratische Sozialministerin Lena Hallengren. Schon jetzt hat Schweden den geringsten Anteil an Rauchern in der EU. Neun Prozent der Bevölkerung, so das schwedische Gesundheitsamt, rauchten täglich. Tendenz sinkend. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Quote bei rund 26 Prozent.

Und dann kommt die Polizei - oder?

Dass der Staat im Notfall die Bürger und Bürgerinnen mit gesetzlichem Zwang zum eigenen Besten zwingt, ist in Schweden nichts Neues und weitestgehend akzeptiert. Nach wie vor kann man zum Beispiel Getränke mit mehr als 3,5 Prozent Alkohol nur beim staatlichen Alkoholmonopol Systembolaget kaufen. Auch müssen Busse des öffentlichen Nahverkehrs in vielen Regionen mit Alkoholmetern ausgestattet werden. Da bläst der Fahrer vor dem Start ins Röhrchen. Ist die Promillegrenze von 0,2 Prozent überschritten, lässt sich der Bus nicht starten.

Deutsche Touristen scherzen häufig, dass der Fahrer jemand anderen blasen lässt. Das kommt in Schweden nicht gut an. Åke Ström, pensionierter Busfahrer und einst passionierter Raucher, findet das staatliche Eingreifen richtig. „Verbote braucht es, wenn die Leute nicht Rücksicht auf einander nehmen. Rauchen ist eine Dummheit, ich habe nach 40 Jahren aufgehört. Das Rauchverbot ist gut, denn beim Rauchen zwingst du ja andere zum Mitrauchen.“

Vom Kindergarten an werden Schweden auf das Zusammenleben in der Gemeinschaft konditioniert. Die Gruppe ist mindestens genauso wichtig wie das Individuum. Vor diesem Hintergrund spielt zum Beispiel auch das Thema Impfverweigerung hierzulande kaum eine Rolle. Doch ganz ohne Kritik kommt das erweiterte Rauchverbot auch in Schweden nicht aus. So bezeichnete der Journalist Mattias Svensson in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ das neue Gesetz als „autoritären Populismus“.

Völlig unklar ist nämlich, wie es in der Praxis umgesetzt werden soll. Denn paradoxerweise ist das Rauchen selbst kein Straftatbestand. Erst wenn sich ein renitenter Raucher trotz Aufforderung der Gaststättenbetreiber weigert, das Lokal zu verlassen, macht er sich strafbar – wegen Störung der öffentlichen Ordnung. Dann soll die Polizei zur Hilfe gerufen werden.

Ob die dann allerdings ausrückt, ist mehr als fraglich. Schon jetzt ist die schwedische Polizei chronisch überbelastet. „Wir werden nicht herumfahren und Raucher dingfest machen“, erklärt etwa der Polizeisprecher der Stadt Jönköping, Thomas Agnevik, in der lokalen Zeitung.

Ein wichtiges Tabakprodukt ist vom Verbot ausgenommen

In der ersten Woche nach Inkrafttreten des Gesetzes gab es, zumindest in Stockholm, noch keinen Handlungsbedarf. „Die Polizei hat bislang noch nicht eingreifen müssen“, sagt Ola Österling, Kommissar der dortigen Polizeibehörde, auf Anfrage. „Auch haben sich keine Gaststättenbesitzer an uns gewandt.“

Das neue Tabakgesetz spart allerdings eine schwedische Besonderheit aus: Lutschtabak oder „Snus“. 18 Prozent der Männer und vier Prozent der Frauen in Schweden benutzen täglich Lutschtabak. Zu erkennen sind sie an der dicken Oberlippe, unter der eine Portion Tabak steckt.

Der Verkauf von Lutschtabak ist in allen EU-Ländern illegal. In Schweden steht er in jedem Kiosk oder Supermarkt im Regal. Die rot-grüne Regierung wollte auch die Selbstbedienung und Reklame in den Läden verbieten. Dies scheiterte jedoch am Widerstand der Opposition.

Daher gilt es genau hinzuhören, wenn Sozialministerin Hallengren ihre Vision präsentiert. Rauchfrei soll Schweden bis 2025 werden, nicht tabakfrei. Die Finnen sind da weiter. Dort will die Regierung bis 2030 jeglichen Konsum von Tabak- und Nikotinprodukten verbieten, auch das Snusen. Ihren Lutschtabak kaufen die Finnen übrigens in Schweden.

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