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Die Kunst der Lüge

© Getty Images

Tagesspiegel Plus

Wie sie funktioniert, warum wir sie brauchen: Die Wahrheit über die Lüge

Mit Anfang 20 lügt man am besten: Forscher versuchen die Lüge immer weiter zu ergründen, kommen ihr im MRT auf die Spur. Denn nie wurde mehr gelogen als heute.

Mir geht es gut, danke der Nachfrage. Ich stecke im Stau, bin gleich da. Wir melden uns bei Ihnen, so schnell es geht. Guten Morgen. Alles gemeinhin akzeptierte Wendungen, die streng genommen oft Lügen sind.

Vor Vorstellungsgesprächen wird uns geraten, die Wahrheit auszuschmücken, „weil das eh jeder macht“. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, in den sozialen Netzwerken eine optimierte Version ihrer Selbst zu vermarkten, die lacht und liebt und aktiv ist, während sie in Wirklichkeit zu Hause auf dem Sofa sitzt.

Deswegen ist sich Robert S. Feldman sicher. „Heute wird mehr gelogen als jemals zuvor“, sagt der Psychologe.

Lügen sind so divers wie die Menschheit.

Robert S. Feldman, Psychologe

Der 73-Jährige gehört zu den angesehensten Lügen-Experten weltweit. Seit vier Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem, was wir als wahr und unwahr bezeichnen. Und damit, wie das alles in unsere Gesellschaft passt. Als junger Assistenzprofessor hat der US-Amerikaner Tonbandaufnahmen des Watergate-Skandals auf Anzeichen für Lügen untersucht – und keine gefunden. Vor einigen Jahren geriet er mit einer Studie in den Fokus der Öffentlichkeit, die feststellte, dass Menschen in den ersten zehn Minuten im Schnitt dreimal lügen, wenn sie jemanden zum ersten Mal kennenlernen.

Robert S. Feldmann

© University of Massachusetts Amherst

Rein zahlenmäßig wäre seine Annahme, dass heute mehr gelogen wird, logisch. Schließlich leben schlicht mehr Menschen auf unserem Planeten. Aber auch darüber hinaus sind Lügen heute wesentlich tiefer in unsere Gesellschaft integriert als zuvor.

„Lügen sind so divers wie die Menschheit“, sagt Feldman per Videotelefonat. Er sitzt in seinem Haus in North Carolina vorm Computer, ein sanftmütiger Mann mit breitem Lächeln, Typ Intellektueller von der Ostküste.

Man könne nicht von der Lüge sprechen, sagt Feldman, das werde der Komplexität der Sache nicht gerecht. Es gebe harmlose Lügen, schlimme Lügen. Solche, die recht einfach sind und höllisch komplizierte. Und natürlich auch solche, die anderen Menschen helfen. Sowieso, sagt Feldman, lügen so ziemlich alle Menschen die ganze Zeit.

Donald Trump verbreitete durchschnittlich 21 Lügen am Tag

Dennoch scheint sich in den vergangenen Jahren etwas verändert zu haben. Die Politik, die Presse, die Wissenschaft müssen sich unablässig gegen den diffusen Vorwurf der gezielten Lüge wehren. Gleichzeitig gewinnen krude und faktisch nicht annähernd zu beweisende Geschichten zunehmend an Einfluss. Genau 29.508 Lügen oder Unwahrheiten hat Donald Trump laut der „Washington Post“ zwischen dem Tag seiner Amtseinführung als 45. US-Präsident am 20. Januar 2017 und dem 5. November 2020, also zwei Tage nach seiner verlorenen Wiederwahl, öffentlich verbreitet. Das macht durchschnittlich etwas mehr als 21 Lügen pro Tag.

Wahrheit, so scheint es, ist spätestens seit Trump keine unverrückbare Entität mehr. Sondern verhandelbar. Und damit auch die Lüge. Aber was ist das überhaupt?

Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.

Walter Ulbricht

Es wird gelogen, seit es Menschen gibt. Ob der venezianische Kaufmann Marco Polo, der nach heutigem Wissen auf seiner berühmten China-Reise nie in China ankam, oder Walter Ulbricht, der 1961 eben doch die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen. Diego Maradona, der bei der Fußball-WM 1986 nicht mit der Hand Gottes ein Tor erzielte, sondern klar mit der eigenen. Ex-Kanzler Helmut Kohl, der entgegen seiner Beteuerungen Parteispenden erhalten hatte. Die Schlange, die Adam und Eva und damit uns allen den Garten Eden kostete. Die Liste ist lang.

Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich gehört die Lüge zu den evolutionären Vorteilen des Menschen. Von den allermeisten Tieren unterscheidet ihn nämlich, dass er die geistige Kapazität hat, zu erkennen, dass in den Köpfen der anderen eben nicht genau dasselbe vorgeht wie im eigenen. Und er damit verstehen kann, dass so etwas wie Täuschung überhaupt möglich ist.

Allerdings hat die menschliche Zivilisation der Täuschung ein Regelwerk entgegengestellt, das wir Moral nennen. Ob im Buch der Psalmen im Alten Testament, den Zehn Geboten oder zu Zeiten der Aufklärung bei Immanuel Kant, die gängige Maxime war stets: Du sollst nicht lügen!

John-Dylan Haynes will diesen moralischen Vorhang zur Seite schieben. Der Psychologe und Neurowissenschaftler arbeitet daran, etwas zu schaffen, das bisher noch nicht möglich war: Die Lüge in ihrer Entstehung sichtbar zu machen.

John-Dylan Haynes, Hirnforscher, will die Lüge sichtbar machen.

© Gregor Fischer/re:publica/Wikimedia

An der Berliner Charité forscht der 50-Jährige per Magnetresonanztomographie – MRT – und komplizierten algorithmischen Verfahren an der Kardinalfrage der Hirnforschung: Wie ist es möglich, dass eine Ansammlung von Materie, wie es unser Gehirn ist, so etwas wie Bewusstsein produzieren kann? Mit Gedanken, Geheimnissen, Selbstwahrnehmung, Interpretationen – und Lügen.

Das stecke alles noch in den Kinderschuhen, betont Haynes. Aber dank Forscher:innen wie ihm weiß man heute mehr darüber, wo genau im Gehirn welche Prozesse stattfinden. Und auch darüber, wie man diese interpretieren kann. Bei so komplexen Angelegenheiten wie dem Lügen sei man aktuell aber noch sehr schnell bei der Philosophie, sagt er in einem Telefongespräch im Januar. Die Wissenschaft stoße an ihre Grenzen.

Was im Gehirn passiert, lässt sich allerdings schon recht präzise abbilden. „Beim Lügen beobachten wir eine verstärkte Aktivität des Präfrontalen Cortex“, sagt Haynes. Vor allem im vorderen Bereich, der viel mit der Verhaltenssteuerung zu tun hat. Bei der Wahrheit hingegen sei eine höhere Aktivität in hinteren Regionen des Frontallappens zu sehen.

Im Labor funktioniert das mit einer Trefferquote von 90 bis 95 Prozent

John-Dylan Haynes, Hirnforscher

„Das ist logisch“, sagt Haynes. Schließlich sei das Lügen eine ziemlich schwierige Aufgabe für unser Gehirn. „Wir müssen zunächst einmal wissen, was die Wahrheit ist, diese dann unterdrücken und eine Fabel erzählen. Diese muss etwas mit der Wahrheit zu tun haben und irgendwie plausibel sein.“

Diese kognitive Höchstleistung führt laut Haynes Untersuchungen zu einem munteren Wechselspiel im Gehirn. Mal ist der vordere Teil aktiver, dann wieder der Teil weiter hinten. „Genau das nutzen wir, um Lügen sichtbar zu machen.“.

Dazu bringen er und seine Mitarbeiter:innen einem Computer bei, wie genau Lügen und Wahrheit im MRT aussehen. Dieser lernt dann mit der Zeit, Muster in der Gehirnaktivität zu erkennen, die auf Lügen hindeuten.

Am besten lügt man mit Anfang 20

„Im Labor funktioniert das mit einer Trefferquote von 90 bis 95 Prozent“, sagt Haynes. Sein Verfahren ist somit wesentlich zuverlässiger als ein klassischer Lügendetektor, der vermeintliche physiologische Begleiterscheinungen von Lügen als Indikator für Falschaussagen misst.

Das Problem: Lügen sind fürchterlich komplex. Dazu gehört auch, dass keine zwei Menschen wirklich gleich denken – und damit auch nicht gleich lügen. Das hat rein physiologische Gründe. Die Fähigkeit zu Lügen folgt bei den meisten Menschen einer Verlaufskurve. Kinder können schlechter lügen als Erwachsene, junge Erwachsene besser als ältere. Am besten lügt man um die 20.

Zu dieser Zeit verfügt der Mensch über die größte Hirnmasse, ebenso befindet er sich in jenen Alter für gewöhnlich am Zenit seiner fluiden Intelligenz. So nennt man die Fähigkeit, spontan und kreativ auf unerwartete Ereignisse zu reagieren. Das hilft erwiesenermaßen auch beim Lügen. Und ist zudem eine Eigenschaft, die in unserer aktuellen Gesellschaft wesentlich gefragter ist als noch vor 100 Jahren.

Haynes kann diese Abstufungen in seinen Untersuchungen nicht abbilden, das gibt der Stand der Technik noch nicht her: „Im Labor arbeiten wir mit einfachen Ja-Nein-Fragen, die Proband:innen drücken auf einen Knopf, wenn sie einer Aussage zustimmen und auf einen anderen, wenn nicht“, sagt er. Der Grund ist simpel: Im MRT kann man nicht sprechen, die Bewegung würde die Ergebnisse ruinieren.

„Wir können dem Gehirn also nicht in Echtzeit bei der Konstruktion einer großen Lügengeschichte zuschauen“, sagt Haynes. „Wir haben eine Vorstellung davon, was dabei passiert, aber feststellen können wir es nicht.“

Sozialkompetente Menschen sind schlicht besonders gute Alltagslügner.

Robert S. Feldmann, Psychologe

Aber nicht nur das, was beim Lügen in unseren Köpfen passiert, ist kompliziert. Sondern auch, was passiert, wenn wir belogen werden. Denn unser Verhältnis zu Lügen ist paradox. Einerseits sind Lügen bei den meisten Menschen geächtet. Andererseits spricht vieles dafür, dass Menschen sich unter bestimmten Umständen durchaus gerne belügen lassen.

„Wir neigen dazu, sozialkompetente Menschen zu mögen, sie als gute Personen einzuordnen, weil wir uns gerne mit ihnen umgeben“, sagt Psychologe Feldman. „Doch wir haben herausgefunden, dass es sich bei diesen Personen schlicht um besonders gute Alltagslügner handelt.“ Weil diese Menschen es schafften, in sozialen Interaktionen häufiger den richtigen Ton zu treffen als andere.

„Was nichts anderes bedeutet, als dass sie eher das sagen, was ihr Gegenüber gerne hören will“, sagt Feldman. Das bringe man im Grunde schon Kindern bei, wenn man ihnen Höflichkeitsformeln eintrichtert. Schönen guten Morgen, das ist aber schön, das freut mich – möglicherweise alles Lügen. Die bei Kindern um das dritte Lebensjahr zudem höchst willkommen sind. Schließlich zeigen die Kleinen damit laut Expert:innenmeinung ihre soziale Intelligenz.

Wie erkennt man die Wahrheit?

Aber wird deshalb heute mehr gelogen, wie Feldman vermutet? In Fachkreisen erntet man auf diese Frage hin Schulterzucken, kaum jemand möchte mit einer Festlegung zitiert werden.

Wie auch? Schließlich ist Wissen immer von unserem aktuellen Informationsstand abhängig. Aber was bleibt dann noch, um Lügen als falsch zu erkennen? Und die Wahrheit als wahr?

Bei Renate Volbert nichts als ihre Erfahrung. Sie hat keine Hirnscanner und Detektoren zur Verfügung. Nur viele Jahre, in denen sie sich jeden Tag damit beschäftigt hat, was man glauben kann und was nicht.

Renate Volbert erstellt Glaubwürdigkeitsgutachten für Gerichtsprozesse.

© privat

Die Psychologin arbeitet als Professorin für Rechtspsychologie an der Psychologischen Hochschule Berlin und erstellt in Gerichtsverfahren Glaubhaftigkeitsgutachten. Volbert wird gerufen, wenn der Fall besonders schwer ist. Bei Sexualdelikten beispielsweise, in denen Kinder aussagen, weil sie selbst betroffen sind.

Die 63-Jährige muss dann herausfinden, was der Wahrheit entspricht und was – aufgrund von Überlastung, Vermischung von Erlebnissen oder mit Absicht – falsch erinnert ist.

Das ist genauso schwer, wie es klingt. Denn einerseits sind Menschen im Allgemeinen miserabel darin, Lügen als solche zu erkennen. Breit angelegte Studien haben herausgefunden, dass Proband:innen in Versuchen nur zu rund 54 Prozent erlogene Geschichten von wahren unterscheiden können.

Das liegt daran, dass es entgegen der landläufigen Meinung keine verlässlichen äußerlichen Symptome einer Lüge gibt. Aufregung und Vermeidung von Augenkontakt? „Da gibt es keinen Zusammenhang und im Zweifel machen sich das Lügner:innen zunutze, wenn sie es darauf anlegen“, sagt Volbert.

Volberts Ansatzpunkt ist, wie schwierig es ist, überzeugend zu lügen. Die meisten Menschen können nämlich in aller Regel nicht so viel gleichzeitig erfinden, wie es für eine wirklich wasserfeste Lügengeschichte erforderlich wäre.

Wenn man weiß, wie Erinnern funktioniert, kann man gut erkennen, ob eine Aussage auf tatsächlichem Erleben beruht.

Renate Volbert, Professorin für Rechtspsychologie

Deshalb greifen Lügner:innen häufig auf so genanntes Schemawissen zurück, Allgemeinplätze, die so etwas wie den Durchschnitt einer Tat darstellt, wie man sie sich vorstellt. Kinder, die sich beispielsweise ein Sexualdelikt ausdenken, sagt Volbert, bringen das oft mit Gewalt in Verbindung, berichten von Waffen oder Schlägen.

„So wird bei den allermeisten dieser Taten aber nicht vorgegangen“, sagt Volbert. „Im Gegenteil, da sind die Täter:innen oft zunächst besonders nett, testen Grenzen aus, bauen Vertrauen auf.“ Wenn ein kleines Kind ein solch oberflächlich freundliches Verhalten plastisch beschreibt, kann das ein Hinweis darauf sein, dass es sich um eine tatsächliche Erfahrung handelt.

Wir beobachten bei wahren Geschichten eine sehr episodische Erinnerung, die oft ziemlich wahllos ist.

Renate Volbert, Professorin für Rechtspsychologie

Bei Erwachsenen sehe das anders aus: „Die Leute wollen ihre Geschichten stützen, indem sie sich mit Details besonders große Mühe geben“, sagt Volbert. So erinnerten sich die meisten Menschen aber einfach nicht. „Wir beobachten bei wahren Geschichten eine sehr episodische Erinnerung, die oft ziemlich wahllos ist.“

Gerüche, die Temperatur, räumliche Informationen, sensorische Details und das Wundern darüber, an was man sich plötzlich doch nicht erinnern kann – wirklich erlebte Erzählungen seien häufig nicht stereotyp, sagt Volbert. „Man kann den Leuten sozusagen beim Erinnern zusehen“, sagt Volbert. „Wenn man weiß, wie das funktioniert, kann man gut erkennen, ob eine Aussage auf tatsächlichem Erleben beruht.“

Aber auch diese Technik stoße an ihre Grenzen, gibt Volbert zu. Weil die Lügen eben so unterschiedlich sind wie die Menschen, die sie erzählen. Und sich Aussagen nur schwer verifizieren lassen, wenn der Sachverhalt knapp oder Zeug:innen wenig motiviert sind.

Zu Frage, wie genau sich Menschen beim Lügen voneinander unterscheiden, gebe es bislang allerdings er wenig Forschung. Sicher ist aber, dass manche Menschen schlicht besser lügen können als andere.

„Es ist nicht ganz klar, was diese Gruppe auszeichnet“, sagt Volbert. Womöglich seien aber Personen im Vorteil, die sich besonders gut in Situationen und andere Menschen hineinversetzen und sich davon überzeugen können, etwas erlebt zu haben. Das gehe oft mit Störungen einher, etwa Psychopathie oder Machiavellismus, dem pathologisch ausgeprägten Streben nach dem eigenen Vorteil.

„Manche Menschen halten sich selbst für gute Lügner“, sagt Volbert. Und sind damit gegenüber dem Rest im Vorteil: „Weil sie beim Lügen weder Scham, Reue oder Angst vor Aufdeckung verspüren.“

Für einen dieser Menschen hält Robert Feldman übrigens Ex-Präsident Trump. „Ich glaube, dieser Mann hat keinerlei Ahnung mehr davon, was wahr ist und was nicht“, sagt der Psychologe.

Wirklich erklären kann er sich das Phänomen Donald Trump aber weiterhin nicht, sagt er: „Dass mehr als 70 Millionen Menschen einem dreisten Lügner gefolgt sind, nein, das verstehe ich nicht.“ Er schweigt kurz, als würde er nochmal nach einem Ansatz suchen. „Wobei wir Menschen ja eins besonders gut können“, sagt er. „Uns selbst belügen.“

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