Zeitumstellung 2019 : Dauerhafte Sommerzeit oder dauerhafte Winterzeit?

Am Wochenende ist wieder Zeitumstellung. Die Uhren werden eine Stunde zurückgestellt. Allerdings freuen sich nicht alle über die Extra-Stunde Schlaf.

Inga Hofmann
Jean-Claude Juncker
Jean-Claude JunckerFoto: Virginia Mayo/AP/dpa

Es ist wieder soweit: In der Nacht von Samstag zu Sonntag steht die Zeitumstellung 2019 an. Anders als im Frühling, wenn die Uhren eine Stunde vorgestellt werden, ruft die Extra-Stunde Schlaf bei den meisten Menschen Begeisterung hervor. Doch was für viele verlockend klingen mag, ist für den menschlichen Körper nicht leicht zu verkraften.

So warnt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat auch in diesem Jahr vor Schlafproblemen, Gereiztheit und mangelndem Konzentrationsvermögen. Besonders ältere Menschen, Kinder und Menschen mit Schlafstörungen seien betroffen. Dadurch, dass die Tage immer kürzer werden, würde der Melatoninspiegel steigen und das könnte sich auf den Biorhythmus auswirken. Autofahrer sollten deshalb umgehend eine Pause einlegen, wenn sie merken, dass ihre Augenlider zufallen. Denn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verursacht Übermüdung jährlich mehr als 2000 Verkehrsunfälle.

80 Prozent der Befragten sind für Abschaffung der Zeitumstellung

Aus diesem Grund sollten die Uhren am Samstag eigentlich das letzte Mal zurückgestellt werden. Das zumindest hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor einem halben Jahr angekündigt, nachdem eine europaweite Studie ergeben hatte, dass von 4,6 Millionen Befragten rund 80 Prozent die Abschaffung der Zeitumstellung befürworteten.

Doch von einer Einigung sind die Mitgliedstaaten derzeit weit entfernt: „Die politischen Diskussionen im Ministerrat sind nicht fortgeschritten, weil die Mitgliedsstaaten sich bisher nicht klar positioniert haben und weil die neue Kommission ihre Arbeit noch nicht aufgenommen hat“, erklärt Maria Rautavirta vom finnischen Verkehrsministerium.

Seit Juli hält Finnland den Vorsitz des Ministerrats der EU inne, der gemeinsam mit dem Parlament an der Entscheidungsfindung arbeitet. Im Dezember endet die finnische Präsidentschaft, doch dass bis dahin eine gesamteuropäische Lösung gefunden wird, hält Rautavirta für unwahrscheinlich.

Zeitumstellung 2019: Dauerhafte Sommerzeit oder Winterzeit

Besonders die Diskussion darüber, ob die Sommerzeit oder die Winterzeit beibehalten werden soll, erschwert die Entscheidungsfindung. Denn wenn die Sommerzeit permanent gelten würde, könnte das gesundheitliche Konsequenzen haben – insbesondere für die Bürgerinnen und Bürger skandinavischer Länder.

Timo Partonen vom „Finnischen Instituts für Gesundheit und Wohlfahrt“ in Helsinki weist darauf hin, dass der Großteil der Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, besonders in den hellen Sommernächten Schwierigkeiten haben einzuschlafen. Das könnte sich mit der Abschaffung der Sommerzeit jedoch ändern „Ich bin dafür, dass die Sommerzeit abgeschafft wird, denn dann ist es in den Sommermonaten abends nicht so lange hell und es ist leichter einzuschlafen. Das ist wichtig für die innere Uhr und den Schlafrhythmus.“

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Jens Spahn ist für Abschaffung der Zeitumstellung

In Deutschland dagegen votierten die meisten der Befragten für die Beibehaltung der Sommerzeit. Dem schloss sich unter anderem Gesundheitsminister Jens Spahn an: „Das ganze Jahr Sommerzeit? 4 von 5 Menschen in Europa sind dafür. Ich auch.“, schrieb er bereits vor über einem Jahr auf Twitter.

Besonders Schulkinder würden unter permanenter Sommerzeit leiden

Dabei könnte die permanente Sommerzeit auch für junge Menschen in Deutschland gesundheitliche Konsequenzen haben: „Dauerhafte Sommerzeit und lange helle Nächte klingen für viele Erwachsene zwar erstmal gut, aber auch Kinder und Jugendliche müssen bei der Entscheidungsfindung in den Blick genommen werden“, stellt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, klar. Als Schulleiter einer bayrischen Schule sieht er die Lösung einer permanenten Sommerzeit als problematisch für Schüler und Schülerinnen.

Falls die Sommerzeit permanent gilt, müssten Schulkinder in den Wintermonaten rund acht Wochen länger im Dunkeln zur Schule gehen, meint Meidinger. Das würde die Unfallgefahr auf den Schulwegen erhöhen, denn vor allem Kinder werden von Autofahrern in der Dunkelheit häufig nicht gesehen. Darüber hinaus würden junge Menschen unter dem fehlenden Tageslicht leiden und sich beispielsweise im Unterricht schlechter konzentrieren können und schneller müde werden.

„Die Zeitumstellung ist ein Trigger für Schlafstörungen“

Dieser Meinung ist auch Dr. Ingo Fietze, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité. Besonders sensible Schläfer und „Abendtypen“- Menschen, die spät ins Bett gehen und früh aufstehen-  seien betroffen: „Die Zeitumstellung ist ein Trigger für Schlafstörungen“. Das würde nicht nur zu Konzentrationsschwierigkeiten am Arbeitsplatz führen, sondern könnte auf Dauer sogar Herz-Kreislauf Probleme verursachen.

Auch der Magen-Darm-Trakt könnte unter langanhaltenden Schlafstörungen leiden, sagt Fietze. Deshalb sollte stattdessen der natürliche Licht-Dunkel-Wechsel besser berücksichtigt und der menschliche Organismus nicht weiter durcheinandergebracht werden: „Durch die Einführung des künstlichen Lichts haben wir bereits an dem natürlichen Rhythmus gedreht. Die Zeitumstellung verstärkt das nur noch weiter.“

Wer beim Autofahren müde wird, sollte folgendes tun:

  • Sofort eine Pause von 10 bis 20 Minuten einlegen
  • In der Pause einen Powernap machen oder
  • Die Pause mit Bewegung kombinieren

Doch bis die EU aufhört, zweimal im Jahr an der Uhr zu drehen, könnte es noch dauern. Der Kommissionsvorschlag, dass jedes Land selber entscheiden darf, welche Zeit es beibehalten möchte, wurde mittlerweile verworfen. Damit soll verhindert werden, dass in der EU weitere Zeitzonen entstehen. Dem finnischen Verkehrsministerium zufolge könnte die EU frühestens im Dezember eine Lösung finden, denn da treffen sich die Vertreter der Mitgliedsstaaten, um das Thema zu diskutieren.

Bis es soweit ist und die Zeitumstellung abgeschafft wird, gibt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat auf seiner Website hilfreiche Tipps: Am besten sollten regelmäßige Zeiten wie Essen und Schlafengehen bereits eine Woche vor Zeitumstellung nach hinten bzw. nach vorne verschoben werden. So kann sich der Biorhythmus an die Zeit gewöhnen und Müdigkeit vermieden werden.

Dauerhaft Sommer- oder Winterzeit? Wirtschaft ist gespalten

Die deutsche Wirtschaft ist laut einer Umfrage gespalten bei der Frage, welche Zeit bei einem Ende der Zeitumstellung dauerhaft gelten soll. Demnach sprechen sich jeweils rund 38 Prozent der befragten Unternehmen für die Sommer- und Winterzeit aus. Keine Präferenz haben 24 Prozent der Firmen.

Das geht aus einer Befragung unter mehr als 1400 Firmen des Ifo Instituts im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hervor. Die Winterzeit sei die Normalzeit und sichere mehr Helligkeit in den Morgenstunden, hieß es. Bei der Sommerzeit sei es am Abend länger hell.

Im vergangenen Jahr hatte die EU-Kommission Pläne zur Abschaffung der halbjährlichen Zeitumstellung vorgestellt. Eigentlich war geplant, dass schon 2019 die EU-Staaten zum letzten Mal an der Uhr drehen müssen. Die Staaten sollten dann selbst wählen können, ob sie dauerhaft Sommer- oder Winterzeit wollen. Der Zeitplan war aber ins Stocken geraten.

Die Bundesregierung hat sich noch nicht darauf festgelegt, ob sie bei einem Ende der Zeitumstellung für eine dauerhafte Winter- oder Sommerzeit ist, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitgeteilt hatte. Entscheidend sei es, „Zeitinseln und Friktionen im Binnenmarkt“ zu vermeiden. Daher werde ein abgestimmtes Vorgehen mit den europäischen Nachbarstaaten angestrebt.

Der Umfrage zufolge zeigen sich Unterschiede beim Blick auf die jeweiligen Wirtschaftsbranchen. Während sich die Energiewirtschaft tendenziell für die ganzjährige Winterzeit stark mache, bevorzugten Finanz- und Versicherungsdienstleister die ganzjährige Sommerzeit. Dafür seien mehrheitlich auch der Handel und das Gastgewerbe.

Zeitumstellung irritiert Milchkühe

Die Umstellung auf die Winterzeit kann nach Einschätzung des Bauernverbands auch Tieren zu schaffen machen. In der Nacht zum Sonntag werden die Uhren eine Stunde zurückgestellt. „Vor allem Milchkühe spüren es“, sagte der Sprecher des Brandenburger Bauernverbandes, Tino Erstling, der Deutschen Presse-Agentur. Die Tiere reagierten sensibel auf Änderungen in gewohnten Abläufen.

Die Verschiebung um eine Stunde könne sie durcheinanderbringen. „Das bringt auch Stress“, sagte Erstling. Die Tiere könnten zwar wie gewohnt und wann sie wollten aus ihren Trögen fressen, aber beim Melken gebe es doch eine Zeitverzögerung.

In einigen Betrieben werden die Milchkühe auf die Zeitumstellung schon ein paar Tage zuvor eingestellt“, sagte Erstling. Im Herbst werde über Tage immer etwas später gemolken, im Frühjahr etwas früher. „Dann ist man bald wieder im Rhythmus“, betonte er.

Andere Landwirte stellen hingegen von einem Tag auf den anderen um. „Dann gibt es bei den Tieren zwar auch Unruhe, aber das gibt sich bald wieder“, sagte der Sprecher. Im Stall stelle sich relativ bald Normalität ein. In Geflügelställen werde viel über die Beleuchtung geregelt. „Zeitumstellung ist dann nicht zu spüren“, sagte Erstling.

Schweine dagegen lässt die Zeitumstellung nach Angaben des Bauernverbands vergleichsweise kalt. Die Sauen säugen die Ferkel dann, wenn der Nachwuchs Hunger verspürt - unabhängig von Sommer- oder Winterzeit. Auch den Mastschweinen mache es nichts aus, mal eine Stunde auf das Futter zu warten. Das bringe sie nicht aus der Ruhe. (mit dpa)

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