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Wenn Gesprächspartner schlecht verstanden werden, ist es höchste Zeit für einen Hörtest

© mauritius images / Westend61 / Zeljko Dangubic

Tagesspiegel Plus

Stigma Schwerhörigkeit: Wie Hörgeräte fast unsichtbar vor Demenz und Depressionen schützen

Um das 65. Lebensjahr herum sollte man einen Hörtest machen, raten Ärzte. Auch wenn man noch keine Symptome für eine Schwerhörigkeit wahrzunehmen glaubt.

Brille und Hörrohr – in früheren Zeiten waren betagte Menschen an diesen Hilfsmitteln für die nachlassende Sinneskraft schon von weitem leicht erkennbar. Und auch wenn Kontaktlinsen und im Ohr versteckte Hörgeräte die Hilfsmittel unsichtbar werden lassen, so gehört es doch noch immer zum Leben dazu, dass Augen und Ohren im Laufe der Jahre schwächer werden.

Knapp ein Drittel der über 70-Jährigen in Deutschland klagt über eine Hörstörung. Und nicht nur hierzulande. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit 450 Millionen Schwerhörige. Dahinter stecke das „presbyphysische Gesetz“, sagt Oliver Kaschke, Chefarzt der Abteilung für HNO am Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf. Dieses „Gesetz des Alterns“ besagt, dass in höherem Lebensalter das Riechen und Sehen, die Muskelkraft oder die Hörfähigkeit schwinden.

Aber warum hören wir überhaupt schlechter? Die Hauptursache liegt im Innenohr oder genauer in der Hörschnecke. Hier bringen die Schallwellen, die über den Gehörgang, das Trommelfell und die Gehörknöchelchen hergeleitet werden, die sogenannten Haarzellen in Schwingung. Die verwandeln die Haarzellen wie kleine Motoren in elektrische Signale, die über den Hörnerv und das Stammhirn auf die Hirnrinde gelangen, wo der Höreindruck entsteht. Doch die Haarzellen verlieren mit der Zeit ihre Empfindlichkeit. Und sie werden zudem weniger.

Die Hauptursache für eine Schwerhörigkeit liegt meist im Innenohr, sagt HNO-Chefarzt Oliver Kaschke.
Die Hauptursache für eine Schwerhörigkeit liegt meist im Innenohr, sagt HNO-Chefarzt Oliver Kaschke.

© Ingo Bach

Meist verlieren die Menschen als erstes die Fähigkeit, hohe Töne wahrzunehmen. Auch dabei spielt die Hörschnecke eine entscheidende Rolle. „Der Gang in der Schnecke hat eine breite Öffnung und wird zur Spitze immer enger“, sagt Kaschke. „Am breiten Eingang sitzen die Sinneszellen, die die hohen Töne wahrnehmen, weiter hinten kommen die für die niedrigen Tonfrequenzen verantwortlichen Haarzellen.“

Das Gehör vergisst nicht. Jede Lärmbelastung summiert sich, bis es zu spät ist

Die Hörschnecke ist mit Flüssigkeit gefüllt. Die Schallschwingungen, die vom Mittelohr kommen, werden hier als winzige Wellen weitergeleitet und treffen als erstes auf die Haarzellen am Schneckeneingang, die sich deshalb früher abnutzen. „Das ist wie beim Schilfgürtel eines Gewässers“, sagt Kaschke. „Da, wo die Wellen eines vorbeifahrenden Bootes schnell und heftig aufs Ufer treffen, sterben die Schilfhalme als erstes ab, in den geschützten Uferbereichen, wo die Wellen später nur noch abgeschwächt ankommen, bleiben die Halme stehen.“

Auch der Hörnerv und zentrale Gehirnstrukturen, die die Höreindrücke verarbeiten, verlieren an Leistungsfähigkeit. „Auf dem Weg zum Gehirn durchlaufen die elektrischen Signale, die die Haarzellen aus den Schallwellen erzeugen, viele Schaltstellen“, sagt Kaschke. Und auch deren Funktion wird im Alter schwächer.

Wie früh die Alterung des Gehörs beginnt, das hat jeder Mensch auch selbst in der Hand. Denn die Belastung mit Lärm im Laufe des Lebens beschleunigt den Untergang von Haarzellen. Das Gehör vergisst nicht. Wenn immer wieder mehr als 85 Dezibel auf die Haarzellen einwirken – so viel Lärm macht etwa ein Rasenmäher –, summieren sich deren schädliche Folgen. Und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen direkt, weil der hohe Schalldruck die empfindlichen Sinneszellen schädigt, zum anderen indirekt, weil Lärm Stress verursacht und die Stresshormone die Sinneszellen beeinträchtigen.

Die Fähigkeit, hohe Frequenzen zu hören, beginnt zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr langsam zu schwinden.

Oliver Kaschke, HNO-Chefarzt am Sankt Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf

Und schließlich können auch allgemeinere Erkrankungen wie hoher Blutdruck oder Diabetes das Gehör beeinflussen, denn sie führen zu Durchblutungsstörungen, die den Sinneszellen zu schaffen machen.

Ist das Gehör geschädigt, verabschiedet sich als erstes die Fähigkeit, hohe Frequenzen wahrzunehmen. „Das beginnt zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr“, sagt der HNO-Arzt. Aber zunächst unmerklich, man würde erste Einschränkungen nur bei einem Hörtest feststellen.

Wenn man Blätter oder das Meer nicht mehr rauschen hört, ist die Schwerhörigkeit wahrnehmbar

Doch der Prozess schreitet fort. Zu den ersten wahrnehmbaren Anzeichen zählen, dass man die Naturkulisse wie Blätter- und Meeresrauschen oder zwitschernde Vogel nicht mehr registriert, aber auch Alltagsgeräusche im Haushalt wie einen tickenden Wecker oder eine surrende Tiefkühltruhe.

Später überhört man vielleicht bereits das Klingeln an der Tür oder des Telefons. Und nahezu zeitgleich schwindet auch das Vermögen, gesprochene Worte aus Hintergrundgeräuschen herauszufiltern. Es wird schwerer, Unterhaltungen zu folgen, weil die Worte des Gesprächspartners mit den Hintergrundgeräuschen verschwimmen, etwa in einem Restaurant oder im Großraumbüro. Die Betroffenen haben dann das Gefühl, ihr Gegenüber nuschelt, und müssen immer wieder nachfragen, was eigentlich gesagt wurde.

Und schließlich wird man von Mitbewohnern oder Nachbarn angesprochen, dass der Fernseher oder das Radio viel zu laut sei. Spätestens bei solchen Symptomen sollte man zum HNO-Arzt und das Gehör prüfen lassen.

Bei einer Brille denkt doch auch niemand an Gebrechlichkeit.

Oliver Kaschke, HNO-Arzt

HNO-Arzt Kaschke empfiehlt eine erste Grunduntersuchung des Gehörs um das 65. Lebensjahr, auch wenn man selbst noch keine Schwerhörigkeitssymptome wahrzunehmen glaubt. Die Mediziner können dann vor allem mithilfe eines Hörtests beginnende Störungen früh diagnostizieren. Dabei lässt sich dann auch klären, ob es sich tatsächlich um eine Altersschwerhörigkeit handelt oder andere organische Ursachen hinter den Problemen stecken.

So würden beispielsweise krankhafte Veränderungen im Innenohr neben den Hörstörungen oft gleichzeitig auch zu einem Tinnitus, zu Schwindelanfällen und Gleichgewichtsstörungen führen, da sich im Innenohr ebenfalls das Gleichgewichtsorgan befindet. Bei einer normalen Altersschwerhörigkeit zeigen sich solche Symptome nicht. Hörstörungen haben aber nicht nur Auswirkungen auf das Gehirn, sondern auf die gesamte Persönlichkeit.

Hörstörungen haben Auswirkungen auf die gesamte Persönlichkeit

Wenn Menschen Unterhaltungen nicht mehr folgen können, dann endet das in sozialer Isolation. Hören ist ja mehr, als nur ein akustischer Sinneskanal. „Dahinter steht ein ganzes Netzwerk von Sinneszellen und Neuronen, die im gesunden Zustand in der Lage sind, leisere Töne aus einer lauten Umgebung herauszufiltern“, sagt Kaschke. Der Mensch ist auf Kommunikation angewiesen – und Hörstörungen machen diese zunichte. Das beeinträchtige die Betroffenen massiv, am sozialen Leben teil- zunehmen. Die Folgen sind Depressionen und sogar eine Demenz, wenn die Hörstörungen nicht behandelt werden.

Experten bezeichnen eine nicht versorgte Altersschwerhörigkeit sogar als einen Hauptrisikofaktor für Altersdemenz und Altersdepression. Weil sich schwerhörige Menschen viel stärker auf Gespräche konzentrieren müssen, sind sie schneller überanstrengt. Längerfristig führt das zu Veränderungen in den Hirnstrukturen. Denn das Gehirn hat nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung, und zieht diese an anderer Stelle ab, wenn die Verarbeitung des Gehörten mehr Kapazitäten beansprucht: „Das geht dann oft zu Lasten des Kurz- und auch Langzeitgedächtnises“ und führe zu einem schleichenden Verlust der kognitiven Fähigkeiten.

Ein so genanntes „Hinter-dem-Ohr“-Hörsystem
Ein so genanntes „Hinter-dem-Ohr“-Hörsystem

© Alexander Heinl/dpa-tmn

Viele halten ein Hörgerät für ein Stigma

Eine frühe Diagnose kann die sozialen Auswirkungen der Schwerhörigkeit lindern oder ganz verhindern. Trotzdem bemerken Kaschke und seine Kollegen bei vielen Betroffenen eine hartnäckige Verweigerung, einen Hörtest machen zu lassen. „Ich bekomme dann oft die Antwort: So alt bin ich doch nicht.“ Denn immer noch hielten viele ein Hörgerät für das Zeichen einer Gebrechlichkeit oder Behinderung. Kaschke kann diese Sicht nicht nachvollziehen. „Bei einer Brille denkt das doch auch niemand.“ Und im Gegensatz dazu seien moderne Hörgeräte inzwischen auch noch nahezu unsichtbar

„Wie viele Menschen laufen heutzutage stolz mit teuren Ohrhörern herum, weil sie das cool finden–und das Hörgerät lehnen sie als Stigma ab? Das ist doch absurd.“ Es könnten und sollten also viel mehr Menschen Hörgeräte tragen. Dabei gebe es aber keine Standardwerte, ab wann das genau nötig sei, so Oliver Kaschke. „Oft haben wir hier Patienten, deren Messergebnisse zeigen, dass das Gehör nicht mehr so arbeitet wie bei jüngeren, und die trotzdem noch immer hervorragend zurechtkommen und andere, die mit den gleichen Ergebnissen eine Hörhilfe benötigen.“

Die Argumente gegen ein Hörgerät werden auch deshalb schwächer, weil diese immer kleiner und leistungsfähiger werden und neue Funktionen mitbringen, die den Komfort erhöhen. Das Wirkungsprinzip ist dabei immer das gleiche: Die Schallwellen werden vom Gerät aufgenommen und verstärkt in Richtung Trommelfell wieder abgegeben. Dabei gibt es zwei große Klassen an Hörgeräten, die nach ihrer Platzierung Hinter-dem-Ohr (HdO)- oder In-dem-Ohr (IdO)-Geräte genannt werden.

Mittlerweile gibt es Hörgeräte, die man implantieren kann und die noch direkter als ein Hörgerät den Schall verstärken. „Dabei wird im Mittelohr direkt am Gehörknöchelchen ein Vibrationselement platziert, das schwingt und so den Schall direkt in die Gehörkette einspeist“, sagt Oliver Kaschke. Ein Mikrofon, das hinter dem Ohr sitzt, nimmt den Schall auf und leitet ihn an das Vibrationselement weiter.

Diese Implantate sind vor allem für Menschen gedacht, die einen relativ hohen Hörverlust haben, den ein normales Hörgerät nicht mehr ausgleichen kann. Die Geräte seien seit etwa 15 Jahren auf dem Markt und bewährt, sagt Kaschke, aber auch sehr teuer: 10.000 Euro pro Stück – ohne die Operationskosten.

Und schließlich stehen bei noch weiter fortgeschrittenen Hörstörungen, die quasi einen vollständigen Gehörverlust bedeuten, die sogenannten Cochlea-Implantate (CI) zur Verfügung.

Das Implantat übernimmt die Funktion der Haarzellen, stimuliert den Hörnerv mit elektrischen Impulsen und kann so die Hörminderung ausgleichen. Die Geräte bestehen aus einem Sprachprozessor mit Sendespule, eine Art Mikrofon, und einem Implantat mit einer Empfangsspule. Der Sprachprozessor wird wie ein Hörgerät außen hinter dem Ohr getragen, nimmt die Töne auf und leitet sie weiter an den unter der Kopfhaut auf dem Schädelknochen implantierten Empfänger. „Das an dem Implantat befindliche Kabel wird über den Schädelknochen direkt bis in die Hörschnecke, die Cochlea, geführt“, sagt Kaschke.

Der Sprachprozessor sendet die Signale in Form von elektrischen Impulsen an das Implantat, von dort leiten die Elektroden des Kabels die Signale direkt an den Hörnerv weiter. Viele Jahre lang wurde das Cochlea-Implantat vor allem für taub geborene Kinder verwendet. Doch seit etwa 15 Jahren setzt es sich zunehmend auch zur Behandlung einer schweren Hörstörung im Alter durch. Das CI ist noch teurer, als das implantierbare Hörgerät.

„18.000 bis 25.000 Euro muss man für das gesamte Set kalkulieren“, sagt Kaschke. Aber das sei auch für die Solidargemeinschaft eine Entlastung, denn die Alternative zum CI sei Taubheit. Das CI verbessere die Fähigkeit zur sozialen Interaktion, hebe das Selbstbewusstsein, verringere Ängstlichkeit und die Anfälligkeit für Depressionen. Und die Behandlung eines Patienten, der wegen seiner Hörstörung in eine Demenz abrutscht, sei sehr viel teurer als das Implantat.

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