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Gehen lernen, die Tasse zum Mund führen, aufstehen: Wieder beweglicher zu werden, ist harte Arbeit und braucht Zeit.
© Promo/ZNS - Hannelore Kohl Stiftung

Schädelhirnverletzungen: Weg der kleinen Schritte

Nach einem Schädelhirntrauma beginnt die lange Rehabilitation. Oft nur im Schneckentempo – und mit Rückschlägen. Aber es lohnt sich.

Am Anfang steht meist ein dramatisches Ereignis: ein schwerer Unfall im Straßenverkehr oder beim Sport, bei dem Schädel und Gehirn verletzt werden. Oder auch ein geplatztes Blutgefäß im Kopf, ein schwerer Schlaganfall. Es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Zu den lebensrettenden Maßnahmen kann es gehören, einen Verunfallten in ein künstliches Koma zu versetzen, um das Gehirn und den gesamten Organismus zu entlasten. Unter Umständen sind auch ein oder mehrere chirurgische Eingriffe nötig, um Verletzungen zu versorgen. Die Nachrichten der letzten Monate über Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher haben es uns vor Augen geführt.

Der Betroffene liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses, das alle Möglichkeiten der modernen „Apparatemedizin“ bietet. Er kann unter Blutungen, Hirnödemen und Krämpfen leiden. Partner, Kinder, Eltern und Freunde bangen um sein Leben. 30 bis 40 Prozent der Menschen, die ein schweres Schädelhirntrauma erleiden, überleben es nicht.

Die Angehörigen quält aber zugleich eine weitere Angst: Wie wird es weitergehen, falls der Betroffene überlebt? Wird er aus dem künstlichen Koma erwachen, wird er wieder selbstständig atmen, aufstehen und kommunizieren können? Dem Gesundheitsbericht des Bundes zufolge leben derzeit 800 000 Menschen in Deutschland mit einer schweren oder sogar schwersten Behinderung durch eine Schädigung des Gehirns nach einem Unfall oder infolge einer neurologischen Krankheit, meist eines Schlaganfalls.

Das Gehirn sollte schnell wieder behutsam trainiert werden

Den langen Weg, den Betroffene nach einem solchen Ereignis vor sich haben, haben die Fachleute Mitte der 1990er Jahre in fünf Phasen gegliedert. Nicht alle Patienten durchlaufen all diese Abschnitte, nicht alle durchlaufen sie nur in eine Richtung. Denn es gibt immer auch herbe, deprimierende Rückschläge. Nach der ersten akutmedizinischen Behandlung, die Wochen, aber auch Monate dauern kann, beginnt die früheste Phase der Rehabilitation, die sogenannte Phase B. Heute sind sich Experten einig, dass die besten Chancen auf eine gute Erholung des Gehirns bestehen, wenn ganz früh mit einem behutsamen Training von Bewegung und Denken begonnen wird – so früh, dass zum Beispiel gleichzeitig noch alle Möglichkeiten der Beatmung vorhanden sein müssen, eventuell auch Geräte zur Blutwäsche (Dialyse).

Die Kliniken, in denen sie stattfindet, sind gleichzeitig Zentren für Hochleistungsmedizin. „Die schwerkranken Patienten, die diese Form der Neuroreha brauchen, bleiben im Schnitt zwei bis drei Monate hier, einige aber auch bis zu neun Monate“, sagt Christian Dohle, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Neurologie an der Median-Klinik in Berlin-Kladow. Das sind etwa Menschen, die nach der extremen Belastung durch das auslösende Ereignis und durch die lange Intensivtherapie eine allgemeine Nerven- und Muskelschwäche entwickelt haben, die gefährliche und von Medizinern immer noch nicht ganz verstandene „Critical Illness Neuropathie und Myopathie“.

Es sind kleine Schritte, die oft nur im Schneckentempo zu etwas mehr Beweglichkeit und Selbstständigkeit führen: den Arm mit der Tasse zum Mund führen, im Liegen die Beine bewegen, sich auf der Bettkante aufsetzen, mit Hilfe stehen, sich in den Rollstuhl setzen, wieder langsam aufstehen, auf die Toilette gehen. Zugleich brauchen Geist und Seele Unterstützung, denn Gedächtnis, Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration, aber auch das Sozialverhalten sind häufig in Mitleidenschaft gezogen.

Die Spiegeltherapie wirkt wie ein Zaubertrick – aber sie funktioniert

In der anschließenden dritten Phase der Rehabilitation können die Betroffenen schon selbstständiger mitarbeiten, brauchen aber noch viel ärztliche und pflegerische Betreuung. Erst danach beginnt Phase D, der Abschnitt, den man als klassische Reha kennt, zum Beispiel auch bei Berufstätigen.

Dass diese sich „lohnt“, weil das Gehirn ein enormes Potenzial zur Erholung und Erneuerung hat, wird immer deutlicher. „Das wissenschaftliche Fundament für die Behandlungsmethoden der Neuroreha hat in den letzten Jahren enorm an Stabilität gewonnen“, sagt Dohle. Ein Beispiel ist die Spiegeltherapie, die Schlaganfallpatienten mit halbseitigen Bewegungsstörungen dabei helfen kann, die gestörte Körperhälfte wieder einzubeziehen, und die inzwischen in Studien ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen konnte. Dabei wirkt sie auf den ersten Blick eher wie ein Zaubertrick: Im Rahmen des Bewegungsprogramms wird der kranke Arm hinter einer Wand versteckt. Auf deren körpernaher Seite zeigt ein Spiegel den gesunden Arm so, dass die Illusion entsteht, es sei der durch die Erkrankung betroffene. Das aktiviert die Areale des Gehirns, die für ihn zuständig sind.

Ein wichtiger Schritt ist die Rückkehr in den Beruf

„Dank moderner Bildgebung können wir sehr schön sehen, wie sich das Gehirn überlisten lässt“, sagt Dohle, dem einige Studien zum Thema zu verdanken sind. Geduldiges, sachgerechtes Training mit Unterstützung des Spezialspiegels bietet die Chance, dass aus der Illusion Wirklichkeit wird: Dass man also wieder beide Arme, beide Hände benutzen kann. Der Mediziner freut sich, dass Menschen nach einem Schädelhirntrauma oder einem Schlaganfall in seiner Klinik alle Phasen der Neuroreha durchlaufen können – von der oft noch beatmungspflichtigen Anfangszeit bis zur Vorbereitung auf die Rückkehr in den Beruf. „Wir haben ja schon zu Beginn eine Idee davon, in welche Richtung es im Einzelfall gehen kann. Da ist es sehr befriedigend, die Patienten zu begleiten und mitzuverfolgen, was sich im Verlauf von Wochen und Monaten bessert.“

In den letzten Jahren ist auch die Zeit nach diesem Aufenthalt in einer medizinischen Einrichtung für Neuroreha in den Blick geraten: Phase E, in der es darum geht, den Erfolg all dessen, was bisher zusammen mit dem Patienten erreicht wurde, langfristig und nachhaltig zu sichern. Die Empfehlungen einer Expertenkommission für diese Langzeit-Reha liegen gerade druckfrisch vor, veröffentlicht von der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation (BAR) Frankfurt.

Es geht um das Ziel, das in der UN-Behindertenrechtskommission mit dem hehren Begriff „Inklusion“ bezeichnet wird: um volle Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Also um etwas, das die Betroffenen „vorher“ für eine Selbstverständlichkeit gehalten haben. Wie die meisten von uns es die meiste Zeit tun.

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