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„Fühlt sich an wie eine militarisierte Zone“: Drei Menschen erzählen, wie sich ihr Alltag in Minneapolis verändert hat
Seit den tödlichen Schüssen auf Renee Good eskaliert der Einsatz der Einwanderungsbehörde ICE in Minnesota. Die Angst vor ICE-Razzien und Festnahmen bei den Bewohnern ist groß.
Stand:
Ein junger Mann in Warnweste wird vor einem Supermarkt von bewaffneten Bundesbeamten abgeführt. „Ich bin US-Staatsbürger!“, ruft er in dem Video immer wieder, während die Agenten ihn in einen SUV drängen.
In einem anderen Video sieht man einen Beamten der Einwanderungspolizei ICE, der einen Demonstranten zu Boden schubst. Auf einem weiteren versprüht ein Bundesbeamter Pfefferspray. Solche Szenen häufen sich derzeit in der Region um die Metropole Minneapolis.
Seit dem tödlichen Schuss eines ICE-Beamten auf die 37-jährige Renee Good vor einer Woche geht die US-Regierung im Bundesstaat Minnesota noch härter gegen mutmaßlich irreguläre Migranten vor. Das Heimatschutzministerium unter Kristi Noem rechtfertigt das Vorgehen damit, dass Städte nicht mit der Einwanderungspolizei kooperierten und deren Arbeit behinderten.
Für Menschen vor Ort fühlt sich der Alltag seither wie ein Ausnahmezustand an. Drei Menschen aus dem Großraum Minneapolis berichten.
Suleiman Adan, Direktor des Council on American-Islamic Relations Minnesota, per Telefon
„Es fühlt sich an, als würde man in einer militarisierten Zone leben. Überall kreisen Hubschrauber. In der Stadt kann man kaum noch in ein Restaurant, eine Buchhandlung oder eine Tankstelle gehen, ohne ICE-Agenten zu sehen.
Dreitausend Beamte – das klingt abstrakt. In Wahrheit sind es 3000 bewaffnete Einsatzkräfte mit Sturmgewehren, die gezielt nach schwarzen und braunen Menschen suchen.
Die bisherigen Regeln gelten nicht mehr. Wenn du ins Raster passt, wirst du angehalten. Wenn du nicht antwortest, wirst du festgenommen. Früher wurdest du oft noch am selben Tag freigelassen. Heute gibt es dafür keine Garantie mehr.
Die Menschen haben Angst. Wir haben versucht, ihnen Sicherheit zu geben, ihnen erklärt, welche Rechte sie haben, wie sie sich verhalten sollen. Aber dann kommen sie zurück und sagen: Es funktioniert nicht. Sie haben meine Mutter mitgenommen. Meinen Vater. Meinen Freund. Meinen Sohn.
Wir sind widerstandsfähig. Wir glauben weiterhin an Freiheit und Gerechtigkeit für alle – auch wenn die Bundesregierung diese Werte verdreht.
Suleiman Adan
Mein gesamtes Team besteht aus US-Staatsbürgern. Trotzdem tragen wir unsere Ausweise ständig bei uns – weil wir schwarz sind, somalischer Abstammung, muslimisch oder migrantisch. Und selbst dann schützt uns das nicht. Sie halten uns trotzdem fest. Es interessiert sie nicht.
Gestern war ich im Stadtteil St. Cloud mit unserem Geschäftsführer. Dort waren über 100 ICE-Agenten in einem kleinen somalischen Einkaufszentrum nahe dem Rathaus. Sie nahmen einen US-Staatsbürger und einen Anwohner mit dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung fest. Bis heute wissen wir nicht, ob sie freigelassen wurden.

© AFP/Octavio Jones
So werden Menschen mit Greencards oder gültigen Aufenthaltspapieren vor eine unmögliche Entscheidung gestellt: Gehe ich zur Arbeit und riskiere, von ICE festgenommen zu werden? Oder bleibe ich zu Hause, verliere meinen Job und kann meine Familie nicht mehr ernähren?
Ein Stadtrat sagte neulich, ICE-Verantwortliche seien bei einem Abendessen sehr höflich gewesen. Wer sich an die Regeln halte, habe nichts zu befürchten. Aber das ist eine Perspektive aus privilegierter, weißer Sicht. Für Schwarze und People of Color gibt es dieses Privileg nicht. Man kann kooperieren – und trotzdem getötet werden.
Wir kämpfen nicht nur für Gerechtigkeit im Fall Renee Good, sondern auch für den Schutz unserer Community und für ein Ende dieser massiven ICE-Präsenz. Wir sind widerstandsfähig. Wir glauben weiterhin an Freiheit und Gerechtigkeit für alle – auch wenn die Bundesregierung diese Werte verdreht.“
Cara (Name geändert), Anti-ICE-Aktivistin, auf Signal
„Es herrscht überwältigende Angst – besonders bei vielen Menschen aus Einwandererfamilien. Und es wird jeden Tag schlimmer. Veranstaltungen werden abgesagt. Die Leute verlassen ihre Wohnungen kaum noch.
Wenn sie doch hinausgehen, nehmen sie ihre Geburtsurkunden und Pässe mit – egal, welche Hautfarbe sie haben. In einer Chatgruppe, in der Sichtungen und mögliche Entführungen gemeldet werden, gibt es täglich Hunderte neue Nachrichten. Dort teilen wir Beobachtungen von ICE-Agenten in der Stadt und der Umgebung.
Seit der Ermordung von Renee Good bin ich fast jeden Tag unterwegs: Dafür checke ich mehrere Chatgruppen, um zu sehen, wo ich gerade helfen kann – ob bei Essenslieferungen oder beim Abholen von Kindern. Es fühlt sich gleichzeitig surreal und auch vertraut an, wieder in so einer Situation zu sein.

© IMAGO/Anadolu Agency/IMAGO/Mostafa Bassim
Ich war 2020 stark bei den Protesten nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizisten involviert. Wir, die wir damals nah dran waren, fühlen uns verpflichtet, die Fähigkeiten zu nutzen, die wir damals gelernt haben.
Wer damals nicht beteiligt war, ist völlig überfordert davon, wie schnell sich alles zugespitzt hat. Viele wissen nicht, wie sie sich schützen sollen. Auch deswegen versuche ich, für Freund*innen ein Halt zu sein, die nicht wissen, wohin mit sich.
Neulich wurde dort einer unserer Stammgäste zu Boden geworfen, gewürgt und stundenlang festgehalten.
Eine Anti-ICE-Aktivistin
Ich wohne ein paar Blocks von einem Café entfernt, einem Treffpunkt der queeren Community. Neulich wurde dort einer unserer Stammgäste durch ICE-Agenten zu Boden geworfen, gewürgt und stundenlang festgehalten.
Am nächsten Tag wurde das Konzert einer Band von trans Musikern aufgelöst – Besucher*innen wurden mit Pfefferspray besprüht und zu Boden gerissen. Für viele hier war das eine klare Machtdemonstration: Dieser Ort wird nicht nur belagert, er wird gezielt angegriffen.“
Ryan Ecklund, Immobilienmakler, auf Instagram
„Eigentlich nutze ich meine sozialen Medien, um Menschen mit Immobilienfragen Orientierung zu geben. Was ich zuerst sagen möchte: Gestern bin ich in der Stadt, in der ich lebe – Woodbury, Minnesota – von ICE-Agenten festgehalten worden. Zuvor hatte ich sie in meinem Auto verfolgt und gefilmt, weil sie in der Gegend unterwegs waren. Das hat ihnen nicht gefallen.
Ich habe lediglich gefilmt, wie die ICE-Leute durch die Stadt gefahren sind.
Ryan Ecklund, der vom ICE zehn Stunden lang festgesetzt wurde
Fünf ICE-Beamte kamen auf mein Fahrzeug zu, blockierten mich mit ihren Autos, zogen mich gewaltsam aus dem Wagen und warfen mich zu Boden. Dabei habe ich mir Schürfwunden im Gesicht zugezogen.
Anschließend hielten sie mich etwa zehn Stunden lang im Whipple Detention Center fest – zusammen mit mehreren anderen Menschen. In der Zelle, in der ich war, waren alle US-Staatsbürger.
Ich habe nur meine gesetzlichen Rechte wahrgenommen. Ich habe keine Ermittlungen behindert, bin nicht gefährlich gefahren, habe nicht einmal jemanden angehupt. Ich habe lediglich gefilmt, wie die ICE-Leute durch die Stadt gefahren sind.
Das hier ist keine politische Stellungnahme. Mir geht es darum, zu sagen, dass mir meine Gemeinde und die Menschen hier sehr am Herzen liegen. Ich glaube, dass das, was aktuell in unseren Communitys passiert, viele Menschen verunsichert, ihnen ein Gefühl von Unsicherheit gibt.
Ich wurde etwa zehn Stunden lang festgehalten. Am Ende wurde ich ohne Anklage freigelassen, weil ich nichts Illegales, Falsches oder Unangemessenes getan habe.“
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