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Israel auszulöschen, gehört zu den erklärten Zielen der Hisbollah.

© REUTERS/Mohamed Azakir

Tagesspiegel Plus

Konfrontation zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah: Wie groß ist die Kriegsgefahr?

Drohungen, Gefechte und Attentate: Der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah wird immer heftiger. Experten erklären, was die Lage so bedrohlich macht und worauf es jetzt ankommt.

Wer im Nahen Osten Schwäche zeigt, hat in der Regel schon verloren. Stärke demonstrieren und abschrecken – das zählt in einer Region, die wie wenige andere von Konflikten und Konfrontation geprägt ist.

Israel, umgeben von Feinden, weiß das genau. Premier Benjamin Netanjahu formulierte es mit Blick auf den Erzfeind Iran vor wenigen Tagen in klaren Worten. „Wir werden wissen, wie wir uns zu verteidigen haben, und wir werden nach dem einfachen Prinzip handeln: Wer immer uns schade oder plant, uns zu schaden, dem werden wir auch schaden.“

Das war seine Reaktion auf Drohungen aus dem Iran, die Islamische Republik werde die gezielte Tötung von sieben ihrer Revolutionsgardisten im syrischen Damaskus mit einem Vergeltungsschlag beantworten.

Intensität der Gefechte hat deutlich zugenommen

Das Prinzip von Angriff und Gegenangriff mündete schon vor Jahren in einem Schattenkrieg zwischen beiden Staaten – zumeist in Form von Attentaten oder Luftangriffen auf dem Iran nahestehende Milizen. Zu denen gehört auch die libanesische Hisbollah, deren Ziel es ist, den jüdischen Staat zu vernichten.

Seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober hat vor allem die Intensität der Gefechte zwischen der Schiitenmiliz und Israel deutlich zugenommen.

Fast kein Tag vergeht, ohne gegenseitigen Beschuss. Jetzt aber hat Israel den Kommandeur einer Eliteeinheit der Hisbollah im Süden des Libanons gezielt getötet. Er soll an der Planung von Terrorattacken gegen israelische Zivilisten beteiligt gewesen sein.

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hat zwar an Beliebtheit eingebüßt, aber viele bewundern ihn noch.

© AFP/AHMAD AL-RUBAYE

Für die Hisbollah um ihren Anführer Hassan Nasrallah kommt dies einer demütigenden, kaum hinnehmbaren Provokation gleich. Das Risiko eines Krieges ist damit gewachsen. Zumal sich Israel nach eigenem Bekunden genau darauf vorbereitet.

Es sei eine „neue Phase in der Vorbereitung des Nordkommandos auf den Krieg abgeschlossen worden, teilte das Militär mit. Die Armee sei in der Lage, alle benötigten Soldaten innerhalb weniger Stunden einzuberufen und auszurüsten.

Allerdings ist ein großer Konflikt mit der Hisbollah für Israel heikel. Der militärische Flügel der „Partei Gottes“ – hochgerüstet vom Iran – zählt zu den schlagkräftigsten Armeen des Nahen Ostens.

150.000
präzisionsgesteuerte Raketen sind Bestandteil des Waffenarsenals der Hisbollah

Bis zu 150.000 präzisionsgesteuerte Raketen sind Bestandteil des Waffenarsenals. Kämen sie zum Einsatz, wäre jeder Ort in Israel ein mögliches Ziel. Für den jüdischen Staat würde das einen schwierigen Zwei-Fronten-Krieg bedeuten. Denn im Gazastreifen ist die Hamas noch längst nicht besiegt.

Die Eskalationsgefahr an der libanesisch-israelischen Grenze sei sehr hoch, sagt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Die Hisbollah und ihr iranischer Patron wollen die große Auseinandersetzung zwar nicht. Aber es kann jederzeit passieren, dass die Lage außer Kontrolle gerät.“

Bei einem israelischen Luftangriff auf das iranische Konsulatsgebäude in Damaskus kamen auch zwei hochrangige Revolutionsgardisten ums Leben.

© AFP/LOUAI BESHARA

Vor allem seit dem tödlichen Angriff Israels auf hochrangige Revolutionsgardisten in Damaskus forderten Hardliner von Irans Führung Vergeltung. Womöglich mithilfe der Hisbollah.

Die Hisbollah und ihr iranischer Patron wollen die große Auseinandersetzung nicht. Aber es kann jederzeit passieren, dass die Lage außer Kontrolle gerät.

Guido Steinberg, Nahostexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik

Nach Steinbergs Einschätzung kommt hinzu, dass israelische Politiker wie Verteidigungsminister Yoav Gallant offen darüber nachdenken, die Hisbollah präventiv anzugreifen. „Dies würde massive Luftangriffe auf den libanesischen Süden und Osten mit großen Zerstörungen zur Folge haben. Aber auch Israel müsste mit hohen Verlusten rechnen.“

Auch Experte Julien Barnes-Dacey nennt die Spannungen ein ernsthaftes Risiko für die gesamte Region. „Was im Libanon geschieht, steht in direktem Zusammenhang mit den Entwicklungen im Gazastreifen und in Syrien, wo die anhaltende israelische Eskalation eine schärfere, vom Iran unterstützte Reaktion hervorrufen könnte – auch über die Hisbollah“, sagt der Direktor des Programms für den Nahen Osten und Nordafrika beim European Council on Foreign Relations.

Was im Libanon geschieht, steht in direktem Zusammenhang mit den Entwicklungen im Gazastreifen und in Syrien, wo die israelische Eskalation eine schärfere, vom Iran unterstützte Reaktion hervorrufen könnte.

Julien Barnes-Dacey, Nahostexperte beim European Council on Foreign Relations

Ebenso wie Steinberg verweist Barnes-Dacey auf die israelische Seite. Deren Sicherheitsbeamte hätten deutlich gemacht, dass sie einen umfassenderen Konflikt mit der Hisbollah für notwendig hielten, um die Bedrohung an der Grenze zu beseitigen. „Ein ernsthafterer Versuch, in diese Richtung zu gehen, würde einen weitreichenden Krieg provozieren, auch wenn sowohl die Hisbollah als auch der Iran deutlich gemacht haben, dass sie dieses Ergebnis vermeiden wollen.“

Kann eine Konfrontation noch vermieden werden? Nach Ansicht von Stephan Stetter ist diese Gefahr nur durch robuste internationale Diplomatie zu bannen.

Wichtig bleibt militärische Abschreckung durch die USA. Politisch braucht es eine Rückkehr zur UN-Resolution 1701, die einen breiten Sicherheitskorridor vorsieht, der die Rückkehr der Menschen auf beiden Seiten erlaubt.

Stephan Stetter, Konfliktforscher an der Universität der Bundeswehr München

„Wichtig bleibt militärische Abschreckung durch die USA. Politisch braucht es eine Rückkehr zur UN-Resolution 1701, die einen breiten Sicherheitskorridor vorsieht, der die Rückkehr der Menschen auf beiden Seiten erlaubt“, betont der Professor für Internationale Politik und Konfliktforschung an der Universität der Bundeswehr München.

Dafür sei es notwendig, dass sich die Hisbollah hinter den Litani-Fluss zurückziehe – was mit einer Festlegung der israelisch-libanesischen Grenze einhergehen müsse. „Dies erfordert Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten, was wiederum robuste US-Vermittlung voraussetzt“, sagt Stetter.

Eine zentrale Voraussetzung dafür ist nach Stetters Ansicht, dass es Entwicklungen im Gaza-Krieg gibt. Dazu zählt der Politikwissenschaftler einen dauerhaften Waffenstillstand, eine Rückkehr der von der Hamas festgehaltenen Geiseln. „Und eine Lösung des Konflikts unter Einbeziehung der palästinensischen Autonomiebehörde.“

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