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Könnte die Ukraine 2026 den Krieg verlieren?: „Wir Europäer machen uns selbst lächerlich“
Der Kreml beharrt auf seinen Kriegszielen, die Ukraine hält mit Mühe dagegen. Noch ist nicht alles verloren, sagt Militärexperte Markus Reisner. Doch es brauche eine ehrliche Antwort von den Europäern.
Stand:
Herr Reisner, fast ein Jahr Ukraine-Friedensverhandlungen unter US-Präsident Donald Trump haben kein Ergebnis gebracht, ein Hauptstreitpunkt ist und bleibt der Donbass. Warum scheitert ein Friedensschluss ausgerechnet an dieser Region immer wieder?
Es scheitert nicht nur am Donbass, aber in der Tat zählt die territoriale Frage zu den Hauptproblemen dieses Krieges, die bis heute ungelöst sind. In anderen Worten: Wir haben es im Donbass mit sich völlig konträr gegenüberstehenden Interessen der beiden Konfliktparteien zu tun.
Nämlich?
Russland fordert einen Rückzug der ukrainischen Armee auch aus Teilen der Region, die diese momentan noch hält. Kremlchef Wladimir Putin hat die Gebiete Donezk und Luhansk – ebenso wie Cherson und Saporischschja – in seiner Verfassung bereits als russisches Staatsgebiet verankern lassen.
Damit hat er sich quasi selbst der Möglichkeit beraubt, zu sagen: „Wir stoppen jetzt hier.“ Hinzu kommt, dass der Donbass extrem rohstoffreich ist und der Kreml es auf diese Bodenschätze abgesehen hat.
Kyjiw wiederum fordert ein Einfrieren der Kämpfe an der aktuellen Frontlinie.
Richtig. Die Ukraine argumentiert zum einen, dass sie Gebiete gar nicht offiziell abtreten kann, weil ihre Verfassung das nicht zulässt – und damit hat sie aus meiner Sicht auch vollkommen Recht. Zum anderen ist sie in der Rolle des Verteidigers, und es wäre unlauter, wenn der Aggressor für seine Handlungen am Ende noch belohnt würde, indem er zusätzliche Gebiete geschenkt bekäme.
Darüber hinaus hat die ukrainische Armee im Donbass seit 2014 starke Verteidigungslinien errichtet, die sie aktuell noch weiter ausbaut. Würde sie sich nun zurückziehen, stünden die nachrückenden Russen auf einen Schlag hinter den Linien vor offenem Land und könnten theoretisch innerhalb kürzester Zeit bis zum Dnjepr vormarschieren.
Die Russen scheinen derzeit überhaupt nicht an einem Kompromiss interessiert zu sein. Sie sehen sich auf der Siegerstraße und sind überzeugt davon, dass der Westen zu schwach und uneinig ist, um die Ukraine ausreichend zu unterstützen.
Markus Reisner, Militärexperte
Kurz vor einem US-Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Sonntag prahlte Putin mit neuen Geländegewinnen im Donbass und behauptete, seine Armee werde die Region notfalls auch auf militärischem Weg komplett erobern. Was ist da dran?
Man muss bei solchen Aussagen im Hinterkopf haben, dass es im Krieg immer auch darum geht, den so genannten Informationsraum zu kontrollieren, also den Blick des Betrachters in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Eroberung der Städte Myrnohrad oder Siwersk, die Moskau vor dem Treffen von Trump und Selenskyj verkündete, sind noch lange kein Durchbruch.
Und dennoch: Die Ukraine tut sich zunehmend schwer damit, die russischen Angriffe an der Front niederzukämpfen. Mir wird immer wieder vorgeworfen, zu pessimistisch zu sein, aber es fällt mir schwer, die Dinge aktuell mit übertriebener Euphorie zu betrachten.
Wo sehen Sie derzeit die größten Probleme der ukrainischen Armee?
Auf der strategischen Ebene ist es vor allem ein Mangel an Luftverteidigungssystemen, um die massiven russischen Luftschläge abzuwehren. Auf der operativen Ebene ist das Problem, dass die Russen seit dem vergangenen Jahr die Initiative haben, das ist messbar. Sie rücken zwar langsam vor, aber sie rücken vor.
Auf der taktischen Ebene schließlich gehen den Ukrainern nach und nach die Soldaten aus, das wird sich auf lange Sicht auch durch den Einsatz von Drohnen kaum kompensieren lassen. Auch im Rüstungswettlauf sind die Russen im Vorteil, weil sie sich die Unterstützung von Partnern wie China kaufen können.

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Wie lange bräuchte Putin vor diesem Hintergrund, um den gesamten Donbass zu erobern?
Das lässt sich nicht seriös beantworten. Die Militärgeschichte ist voll von Beispielen, wo Fronten, die zum Teil über Monate oder gar Jahre Bestand hatten, durch unvorhersehbare Dynamiken in Bewegung gerieten. Denken Sie nur an die Zwölfte Isonzoschlacht im Ersten Weltkrieg, als die Österreicher und Deutschen plötzlich das Blatt wendeten, nachdem die Italiener sie mehr als zwei Jahre lang vor sich hergetrieben hatten.
Für die Ukraine kann diese Unvorhersehbarkeit eine Chance sein – aber auch eine Gefahr: Man mag zuweilen den Eindruck gewinnen, dass die Russen so langsam vormarschieren, dass es gefühlt 100 Jahre dauern würde, bis sie erneut in Kyjiw stünden. Doch man muss sich Krieg wie eine mathematische Gleichung vorstellen und die Menge an einsatzbereiten Soldaten, verfügbaren Waffensystemen und so weiter als Variablen: Ändert sich eine Variable, kann in der Gesamtgleichung schnell ein negatives Ergebnis herauskommen.
Zugleich verzeichnet die ukrainische Armee immer wieder militärische Erfolge. Zuletzt etwa in Kupjansk, wo ihr ein erfolgreicher Gegenangriff gelang.
Das stimmt, aber da sind wir wieder beim Thema Informationsraum: Zweifellos war das in Kupjansk ein taktischer Erfolg, den Kyjiw natürlich auch genutzt hat, um während der laufenden Verhandlungen zu zeigen: „Gebt uns nicht auf, wir können sehr wohl noch das Heft in die Hand nehmen und initiativ werden!“ Größere operative Folgen dürfte diese Operation allerdings nicht haben.
Ähnlich verhält es sich mit Pokrowsk, wo die Ukrainer es als Erfolg darstellen, dass die gegnerische Armee bis heute nicht in der Lage sei, die Stadt komplett in Besitz zu nehmen – auch wenn sie das faktisch schon hat.
In Wirklichkeit aber lauert die große Bedrohung, die sich gerade massiv zuspitzt, etwas weiter südlich von Pokrowsk. Dort ist es den Russen innerhalb der vergangenen Monate gelungen, auf fast 35 Kilometern Breite nahezu 75 Kilometer vorzumarschieren, es besteht nun die Gefahr einer großen Angriffsoperation Richtung Saporischschja.

© dpa/AP/Russian Presidential Service/Uncredited
Schmerzhafte Zugeständnisse scheinen für Kyjiw in dieser Situation kaum noch vermeidbar zu sein, oder?
Die Ukraine ist ja längst zu Zugeständnissen bereit, auch zu territorialen. Selenskyj sagt immer wieder, dass sein Land sich auf eine Waffenruhe an der aktuellen Frontlinie einlassen würde. Er will nur keine zusätzlichen Gebiete abtreten und fordert verlässliche Sicherheitsgarantien, die verhindern, dass sein Land in ein paar Jahren oder gar Monaten erneut überfallen wird.
Die Sache ist nur: Die Russen scheinen derzeit überhaupt nicht an einem Kompromiss interessiert zu sein. Sie sehen sich auf der Siegerstraße und sind überzeugt davon, dass der Westen zu schwach und uneinig ist, um die Ukraine ausreichend zu unterstützen. Dass sie also einfach noch ein wenig weiter durchhalten müssen, um am Ende alles zu bekommen, was sie möchten.
Der Kreml spielt auf Zeit und findet immer wieder neue Vorwände, warum ein vorgeschlagener Kompromiss angeblich gerade nicht umsetzbar ist. Der letzte Vorwand ist die unbelegte Behauptung, die Ukrainer hätten Putins Residenz am Waldaisee mit Dutzenden Drohnen attackiert. Das ist eine derart typische Art und Weise russischer Verhandlungstaktik, dass ich mich zuweilen wundere, dass Moskau damit immer wieder durchkommt.
Die Ukrainer allein haben nicht die Möglichkeit, auf der taktischen, operativen oder gar strategischen Ebene einen derartigen Druck auszuüben, dass die Russen gezwungen werden, sich ernsthaft mit ihnen an den Verhandlungstisch zu setzen.
Markus Reisner, Militärexperte
Was müsste Europa tun, um dem Kreml zumindest ein Einfrieren der Front und die Akzeptanz verlässlicher Sicherheitsgarantien abzuringen?
Die Ukraine müsste in die Lage versetzt werden, in der sie weiter durchhalten kann – in der Hoffnung, dass die russische Armee sich ebenfalls immer weiter abreibt und ihr irgendwann die Energie ausgeht. Konkret heißt das zum Beispiel: Es bräuchte mehr Unterstützung bei der Abwehr russischer Fliegerangriffe. Außerdem finanzielle Unterstützung, damit die Ukraine als Staat überhaupt weiter funktionieren kann.
Aber wir haben ja gerade erst gesehen, wie schwer sich die EU vor Weihnachten damit getan hat, die 90 Milliarden Euro aufzutreiben, nachdem sie sich nicht zur Nutzung von eingefrorenem russischem Vermögen durchringen konnte.
Die Frage ist nur: Warum sollen die Russen vor uns Angst haben, wenn wir sagen, dass wir uns aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen nicht an ihr Geld rantrauen? Wir Europäer machen uns ja selbst lächerlich. Das ist ein großes Problem – aber nicht das einzige.
Welches sehen Sie noch?
Dass die USA unter Trump kein verlässlicher Partner mehr sind – und dass der amerikanische Präsident das Interesse an dem Konflikt verliert. Sein größter Fehler war, das auch offen zuzugeben. Es ist bei Verhandlungen wie beim Pokerspiel: Man darf den Gegner nicht in die eigenen Karten blicken lassen. Denn die russische Seite denkt sich jetzt natürlich: „Aha, die Amerikaner wollen nicht mehr, dann erhöhen wir den Einsatz.“
Könnte die Ukraine den Krieg im schlimmsten Fall schon 2026 verlieren?
Das wird von Europa abhängen. Wenn die US-amerikanische Unterstützung noch weiter nachlassen sollte, wenn die Trump-Administration die Ukraine etwa nicht mehr weiter mit Geheimdienstdaten unterstützen sollte, dann müssen die Europäer das kompensieren.
Die Ukrainer allein haben nicht die Möglichkeit, auf der taktischen, operativen oder gar strategischen Ebene einen derartigen Druck auszuüben, dass die Russen gezwungen werden, sich ernsthaft mit ihnen an den Verhandlungstisch zu setzen. Wozu also sind die Europäer in den kommenden Monaten bereit? Das ist die alles entscheidende Frage. Hier braucht es eine ehrliche Antwort – auch wenn sie unangenehm ausfallen könnte.
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