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Maduros letzter Besuch bei Putin (links) in Moskau im Mai 2025.

© Reuters/Alexander Zemlianichenko/Pool

Verdächtiges Schweigen im Kreml: Was bedeutet Maduros Sturz für Putin?

Über zwei Jahrzehnte lang versorgte Russland Venezuela mit Geld und Waffen – im Tausch für Öl und Loyalität. Damit könnte nun Schluss sein. Doch wäre das wirklich so schlimm für den Kreml?

Stand:

Schon wieder hat es einen Verbündeten von Kremlchef Wladimir Putin erwischt. Nach dem Fall des syrischen Diktators Baschar al Assad im Dezember 2024 und nach der Schwächung des iranischen Regimes durch israelische Angriffe im Sommer 2025 ist es nun der Sturz des autoritären venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro.

Der US-Angriff, der laut Einschätzung vieler Experten klar völkerrechtswidrig war, hat in weiten Teilen der Welt Schock und Empörung ausgelöst – auf den ersten Blick auch in Moskau. Immerhin ist das sozialistisch geführte Venezuela ein langjähriger politischer Verbündeter Russlands sowie ein Wirtschaftspartner im Öl- und Militärgeschäft.

Man verurteile den „Akt bewaffneter Aggression“, hieß es dann auch direkt am Wochenende aus dem russischen Außenministerium. Der bekannte Oligarch Oleg Deripaska sorgte sich zudem vor Auswirkungen auf den russischen Ölpreis.

Doch wie hart trifft das politische Beben in Südamerika Moskau wirklich? Und hat es für den Kreml wirklich nur Nachteile – oder nicht doch auch den ein oder anderen Nutzen?

Öl, Waffen – und politische Rückendeckung

Die guten Beziehungen zwischen Moskau und Caracas reichen zurück bis in die Zeit, als Venezuela noch vom 2013 verstorbenen Maduro-Vorgänger Hugo Chávez angeführt wurde. Chávez sah in Russland einen Verbündeten im Kampf gegen die angebliche US-Vormachtstellung in der Welt, einen starken Mitstreiter für eine „multipolare Weltordnung“.

Bereits Anfang der 2000er Jahre wurden erste Rüstungsverträge geschlossen. Seitdem importierte Venezuela Kampfjets und Militärhubschrauber, Luftverteidigungssysteme und Raketen. Wiederholt wurden gemeinsame Militärmanöver mit russischen Truppen organisiert.

Der venezolanische Machtapparat revanchierte sich, indem er erst 2009 die von russischen Truppen besetzten georgischen Gebiete Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anerkannte und später die annektierte ukrainische Halbinsel Krim als russisch. Auch nach Beginn der Vollinvasion in die Ukraine im Februar 2022 blieb Caracas als fester Unterstützer an Moskaus Seite. Im vergangenen Herbst trat ein Vertrag über eine strategische Partnerschaft zwischen den beiden Staaten in Kraft.

Insbesondere für Russland ist der Handel unbedeutend.

Ökonom Klaus-Jürgen Gern über die russisch-venezolanischen Wirtschaftsbeziehungen.

Zugleich pumpten Moskauer Ölkonzerne über die Jahre in Form von Investitionen und Krediten Milliardenbeträge in das durch Misswirtschaft und Korruption zunehmend strauchelnde Land an der Karibikküste.

Das russische Staatsunternehmen Rossarubeschneft besitzt mittlerweile Anteile an drei venezolanischen Joint Ventures, die mehr als 100.000 Barrel Rohöl produzieren, wie Francisco Monaldi, Experte für Energiewirtschaft, kürzlich der „Washington Post“ sagte. Die Einnahmen aus diesen Förderungen belaufen sich laut Monaldi auf circa 57 Millionen Euro pro Monat, also 684 Millionen Euro im Jahr.

President of Russia Vladimir Putin and foreign leaders at military parade marking 80th anniversary of Victory 8920468 09.05.2025 President of Venezuela Nicolas Maduro on Red Square in Moscow before the start of the military parade to mark the 80th anniversary of Victory in the Great Patriotic War. Russia marks the 80th anniversary of Victory in the Great Patriotic War of 1941-1945. Crediting the source in the following order photographer s name/Host photo agency RIA Novosti is mandatory when using the photo Ilya Pitalev / Host photo agency RIA Novosti Moscow Russia PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxESTxLTUxLATxNORxSWExDENxNEDxPOLxUKxONLY Copyright: xIlyaxPitalevx
Noch im Mai 2025 nahm Maduro an Putins großer Militärparade auf dem Roten Platz teil.

© Imago/SNA/Ilya Pitalev

Für Venezuela, das aufgrund von Sanktionen und Wirtschaftsproblemen seine Ölförderung alleine nicht mehr stemmen könnte, ist die russische Unterstützung wichtig. Für den Kreml hingegen, dessen Einnahmen aus Öl- und Gasgeschäften sich allein im vergangenen Jahr auf umgerechnet mehr als 84 Milliarden Euro beliefen, spielen die in Venezuela generierten Umsätze nur eine untergeordnete Rolle.

Gefährden die USA den russischen Ölpreis?

Insgesamt seien die Handelsbeziehungen zwischen Russland und Venezuela in der Vergangenheit nur gering ausgeprägt gewesen, sagt Klaus-Jürgen Gern vom Kiel Institut für Weltwirtschaft dem Tagesspiegel.

„Die Exporte nach Venezuela beliefen sich 2024 auf lediglich 0,3 Prozent der russischen Exporte, der Anteil der Importe war verschwindend gering“, sagt der Experte für Weltkonjunktur und Rohstoffmärkte. „Insbesondere für Russland ist der Handel damit unbedeutend.“ Deutlich wichtigere Handelspartner des Kremls in der Region seien Brasilien, Mexiko, Chile und Argentinien.

Eine Sonderentwicklung habe es lediglich im vergangenen Jahr beim Handel mit dem Rohbenzin Naphtha gegeben, das zur Verarbeitung des schweren venezolanischen Öls benötigt wird. „Dieses wurde traditionell vor allem von den USA geliefert, fiel aber ab dem Frühjahr unter die verschärften US-Sanktionen“, erklärt Gern. „Russland sprang in die Bresche und lieferte große Mengen, von März bis Oktober 2025 waren es rund sieben Millionen Barrel.“

Aber: „Auch dieser Handel ist wertmäßig mit weniger als einer Milliarde US-Dollar für Russland unbedeutend“, sagt Gern. Selbst für den Fall, dass die USA die Naphtha-Lieferungen wieder aufnehmen sollten, werde das die russische Regierung nicht allzu sehr treffen – geschweige denn deren Finanzierung des Ukrainekriegs gefährden.

FILE PHOTO: El Palito refinery of the Venezuelan state oil company PDVSA is pictured, in Puerto Cabello, Venezuela February 10, 2024. REUTERS/Leonardo Fernandez Viloria/File Photo
Eine Raffinerie in der Hafenstadt Puerto Cabello. Seine Ölförderung und -verarbeitung kann Venezuela längst nicht mehr alleine stemmen.

© Reuters/Leonardo Fernandez Viloria

Was aber wäre, wenn die USA sich tatsächlich, wie von Trump angekündigt, einen großen Teil der venezolanischen Ölreserven unter den Nagel reißen und die Fördermengen in die Höhe treiben sollten? In den Vereinigten Staaten und andernorts feiern einige Beobachter den US-Präsidenten schon jetzt für sein vermeintlich brillantes Vorgehen – in der Hoffnung, dass dadurch der weltweite Ölpreis fallen könnte, zum Schaden Russlands.

Klaus-Jürgen Gern hingegen ist skeptisch. Zwar wäre ein absackender Ölpreis in der Tat das einzige Risiko für Putins Wirtschaft, sagt der Experte. Er gibt aber zu bedenken: „Dies zeichnet sich derzeit nicht ab, und die Organisation Erdöl exportierender Länder Opec könnte dem durch Fördermengenreduzierung entgegenwirken.“

Moskau wartet ab

Nicht nur das dürfte erklären, warum die Kritik am US-Vorgehen aus Moskau letztlich eher verhalten ausfiel. Auf die Mitteilung des russischen Außenministeriums vom Samstag folgte aus dem Kreml keine offizielle Erklärung mehr. Lediglich der dauerpöbelnde Ex-Präsident Dmitri Medwedew dachte in einem am Sonntag veröffentlichten Interview laut über eine mögliche Entführung von Bundeskanzler Friedrich Merz nach und bezeichnete die Vorstellung süffisant als „hervorragende Wendung in dieser Karnevalsserie“.

Venezuela's Minister of Interior Diosdado Cabello delivers a speech during a women's rally in support of ousted Venezuela's President Nicolas Maduro and his wife Cilia Flores in Caracas on January 6, 2026. US forces killed 55 Venezuelan and Cuban military personnel during their stunning raid to capture Nicolas Maduro, tolls published by Caracas and Havana showed Tuesday. (Photo by Federico PARRA / AFP)
Venezuelas Innenminister Diosdado Cabello bei einer Kundgebung in Caracas. Bislang ist das alte Regime weiter an der Macht – nur ohne Maduro an der Spitze.

© AFP/Federico Parra

Die ansonsten offenkundige Zurückhaltung könnte damit zusammenhängen, dass der US-Angriff auf Venezuela Russland nicht gänzlich ungelegen kommt. Immerhin ermöglicht er dem seit Jahren Krieg führenden Machtapparat in Moskau, die eigenen Kriegsverbrechen in der Ukraine unter Verweis auf den Völkerrechtsbruch durch die USA zu relativieren.

Hinzu kommt: Russland kann sich einen allzu deutlichen Protest momentan wohl schlicht nicht leisten. Militärisch ist Putins Armee größtenteils in der Ukraine gebunden. Mit der ihm oft wohlgesinnten Trump-Administration verscherzen will es sich der Kreml angesichts der laufenden Friedensverhandlungen sicherlich auch nicht.

Erst mal abwarten, was in Caracas weiter passiert, scheint die aktuelle Devise in Moskau zu sein – erst recht, da mit der bisherigen Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Macht derzeit weiter in den Händen einer Maduro-Vertrauten liegt.

Und selbst, falls es doch noch einen Regimewechsel geben sollte: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Moskau schwächelnde Verbündete auch gerne mal fallen lässt.

So gewährte Putin Syriens Diktator Assad nach dessen Sturz zwar Asyl in einem feinen Moskauer Hochhausviertel – allerdings nur, um zeitgleich enge Kontakte zu den neuen syrischen Machthabern aufzubauen und so den Fortbestand der russischen Militärbasen in dem Land am Mittelmeer zu sichern.

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