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Was eine Exil-Iranerin über den Schah-Sohn denkt: „Viele wollen nicht einen Diktator durch einen anderen ersetzen“
Alle reden jetzt von Reza Pahlavi als Alternative zum Regime. Doch unsere Gastautorin zweifelt an seinen demokratischen Absichten. Und ist besorgt über verzerrte Berichterstattung.
Stand:
Seit mehr als zwei Wochen dauert der Kampf der Menschen im Iran gegen die Herrschaft der Islamischen Republik an. Inzwischen gibt es jedoch keinerlei Möglichkeit mehr, über Internet oder Telefon Kontakt zu unseren Familien und Angehörigen herzustellen.
Nur wenige Menschen mit Zugang zu Starlink-Internet können gelegentlich noch Bilder übermitteln – Bilder, die sehr beunruhigend sind: Sie zeigen, wie gnadenlos und brutal das Regime gegen die Bevölkerung vorgeht.
Die Menschen im Iran brauchen die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, und wir, die Iraner:innen in Europa, müssen ihre Stimme sein.
Dilemma der heterogenen Diaspora
Doch das ist nicht so einfach, denn die iranische Diaspora steckt in einem Dilemma. Ein immer größerer Teil der Exil-Iraner:innen setzt Hoffnung auf Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 durch die Revolution gestürzten Schahs.
Das spiegelt sich auch in der intensiven Berichterstattung in den deutschen und internationalen Medien über den in den USA lebenden Pahlavi wider. Es entsteht der Eindruck, als sei er die einzige Hoffnung auf Rettung und der alleinige Vertreter des iranischen Volkes.
Dabei – das muss an dieser Stelle betont werden – ist die iranische Opposition, im In- und Ausland, vielstimmig und vielfältig. Das geht allerdings bedauerlicherweise im Moment unter.

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Große Teile der Opposition finden in den Medien kaum Gehör. Dazu zählen unter anderem die sehr aktive iranische LGBTQ+-Community im Exil, Feministinnen und Feministen, Linke, Liberale sowie Menschen ohne feste politische Zugehörigkeit, die sich jedoch klar zur Demokratie bekennen.
Sie wollen mit dem Sohn des Schahs deswegen nichts zu tun haben.
Monarchiefreundliche Exilmedien
Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Reza Pahlavi medial besonders präsent ist, liegt darin, dass viele persischsprachige Exil-Medien wie Iran International und Man-o-To klar Position für ihn bezogen haben. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie und ihre Geldgeber die Rückkehr des Schah-Sohns als Ziel verfolgen.

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So habe ich bei Demonstrationen iranischer Exilgemeinschaften wiederholt beobachtet, dass Reporter von Iran International fast ausschließlich Pahlavi-Anhänger zu Wort kommen lassen – und auf Bildern bevorzugt die sogenannte Löwen-und-Sonne-Flagge zeigen. Sie steht für Iran als Monarchie.

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Allerdings beobachten wir auch bei der Deutschen Welle Farsi inzwischen eine Schlagseite in Richtung Pahlavi.
Welche Fahne tragen?
Während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ vor zwei Jahren trugen viele Demonstrierende die grün-weiß-rote Fahne des Irans ohne das rote Symbol des Mullah-Regimes in der Mitte.

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Diese Fahne, die neutral einen Iran ohne das aktuelle Regime symbolisiert, ist immer noch auf vielen der Demonstrationen in Berlin und in anderen deutschen Städten zu sehen, aber sie bekommt zunehmend Konkurrenz durch die Fahne der Schah-Ära.
Parallelen zur Revolution von 1979
Diese massive Übernahme der Opposition durch Pahlavi-freundliche Kräfte und die Medien, die diese Bewegung unterstützen, erinnert viele Iranerinnen und Iraner an das, was aus ihrem Aufstand 1979 geworden ist.
Damals gingen die Iraner:innen massenhaft gegen den damaligen Schah Mohammed Reza Schah auf die Straßen und stürzten ihn schließlich. Statt wie von vielen erhofft eine Demokratie zu errichten, kaperten die Islamisten mit Ajatollah Chomeini an der Spitze den Aufstand. Die eine Diktatur wurde durch eine neue Diktatur ersetzt.
Statt der vielen unterschiedlichen Fahnen der verschiedenen Gruppen, die sich gegen den Schah erhoben, wehte am Ende nur noch die der Mullahs.
Monarchie-Parolen lassen freiheitsliebende Demonstrierende erschaudern.
Maryam Mardani
Daher ist es alarmierend, dass man bei den aktuellen Protesten Stimmen hört, die eine Rückkehr der „Monarchie“ fordern und Reza Pahlavi als „Kronprinzen“ und legitimen Nachfolger seines Vaters darstellen.
Solche Parolen lassen viele freiheitsliebende Demonstrierende erschaudern. Sie stellen die berechtigte Frage: Kämpfen wir und vergießen wir so viel Blut, nur damit ein Diktator geht und ein anderer an seine Stelle tritt?
Pahlavis Pläne sind undemokratisch
Die Sorge ist berechtigt, das zeigt ein Blick in das Programm für die Übergangszeit nach dem Sturz der islamischen Republik, das Reza Shah Pahlavi im Jahr 2025 veröffentlicht hat.
In diesem als „Notfallhandbuch“ bekannt gewordenen Dokument bezeichnet der Schah-Sohn sich selbst als alleinigen „Anführer des nationalen Aufstands mit dem Ziel, die Übergangsphase zu managen“.

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Er kündigt an, Institutionen zu schaffen, die den „Anführer des Aufstands“ beraten und seine Entscheidungen umsetzen sollen. Für viele Iranerinnen und Iraner ist es nicht schwer, in diesen Aussagen autoritäre Denkmuster zu erkennen.
Ziviler Ungehorsam ist seit 40 Jahren Alltag im Iran.
Maryam Mardani
Zudem darf nicht vergessen werden: Die Menschen im Iran sind nicht auf Befehl Reza Pahlavis auf die Straße gegangen. Proteste gegen das Regime gibt es seit Jahren in unterschiedlichsten Formen.

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Immer wieder haben verzweifelte Menschen demonstriert und – wie bei der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ oder der Grünen Bewegung – ihre Stimmen über die Landesgrenzen hinaus hörbar gemacht.
Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg war ziviler Ungehorsam ein fester Bestandteil des Alltags vieler Iranerinnen und Iraner.
Videos werden gefälscht
Auch klar ist: Die Unterstützung für Reza Pahlavi ist unter Exil-Iraner:innen deutlich stärker als unter den Demonstrierenden im Iran. Es kursieren in den Sozialen Medien zwar Videos, in denen Demonstrant:innen Pro-Schah-Sprechchöre skandieren; sie sind jedoch zum Teil leicht als Fälschungen zu entlarven.
So gelangte vor der Internetsperre etwa ein Video nach außen, auf dem die Menschen regimefeindliche Sprüche rufen. Später tauchte dasselbe Video wieder auf, diesmal unterlegt mit angeblichen Parolen zugunsten der Pahlavi-Dynastie.
Was ist das Fazit?
Die Islamische Republik ist noch nicht gestürzt; sie gleicht aber einem Ertrinkenden, der sich verzweifelt an allem festklammert, um nicht unterzugehen. In dieser existentiellen Bedrohung liegt vermutlich der Grund für die extreme Gewalt.

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Jetzt, mitten in der bislang größten Erhebung der iranischen Bevölkerung gegen das Regime, liegt eine große Chance. Jetzt gilt es für die Opposition, zusammenzuhalten.
Dabei bedeutet Einheit nicht, dass sich alle unter einer einzigen Flagge versammeln. Sie bedeutet vielmehr, dass Menschen mit unterschiedlichen Ideen, politischen Überzeugungen und Symbolen Schulter an Schulter kämpfen.
Die Straßen sind zu Schlachtfeldern geworden. Sorgt dafür, dass man uns hört und uns geholfen wird.
Aus einem Video aus Iran auf der Plattform Tavaana
Nur so können sie diesen gemeinsamen Feind überwinden. Es gilt zu verhindern, dass der Freiheitskampf von bestimmten Kräften, die von Lobbygruppen aus dem Ausland unterstützt werden, übernommen wird.
Jetzt ist die Zeit zum Handeln – und das sollten wir von den Menschen im Inneren des Landes lernen.
Gerade habe ich auf der Nachrichtenplattform Tavaana ein Video gesehen. Es sind Bilder von dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte zu sehen. Aus dem Off ist eine Stimme zu hören und das, was sie sagt, geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf.
„Die Straßen sind zu Schlachtfeldern geworden. So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. Ihr, die ihr außerhalb des Iran lebt, seid unsere Stimme. Sorgt dafür, dass man uns hört und uns geholfen wird.“
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