zum Hauptinhalt
Alle Demonstranten in Iran und außerhalb wollen Veränderung. Danach gehen die Meinungen auseinander.

© AFP/Kiran Ridley

Was eine Exil-Iranerin über den Schah-Sohn denkt: „Viele wollen nicht einen Diktator durch einen anderen ersetzen“

Alle reden jetzt von Reza Pahlavi als Alternative zum Regime. Doch unsere Gastautorin zweifelt an seinen demokratischen Absichten. Und ist besorgt über verzerrte Berichterstattung.

Ein Kommentar von Maryam Mardani

Stand:

Seit mehr als zwei Wochen dauert der Kampf der Menschen im Iran gegen die Herrschaft der Islamischen Republik an. Inzwischen gibt es jedoch keinerlei Möglichkeit mehr, über Internet oder Telefon Kontakt zu unseren Familien und Angehörigen herzustellen.

Nur wenige Menschen mit Zugang zu Starlink-Internet können gelegentlich noch Bilder übermitteln – Bilder, die sehr beunruhigend sind: Sie zeigen, wie gnadenlos und brutal das Regime gegen die Bevölkerung vorgeht.

Die Menschen im Iran brauchen die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, und wir, die Iraner:innen in Europa, müssen ihre Stimme sein.

Dilemma der heterogenen Diaspora

Doch das ist nicht so einfach, denn die iranische Diaspora steckt in einem Dilemma. Ein immer größerer Teil der Exil-Iraner:innen setzt Hoffnung auf Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 durch die Revolution gestürzten Schahs.

Das spiegelt sich auch in der intensiven Berichterstattung in den deutschen und internationalen Medien über den in den USA lebenden Pahlavi wider. Es entsteht der Eindruck, als sei er die einzige Hoffnung auf Rettung und der alleinige Vertreter des iranischen Volkes.

Dabei – das muss an dieser Stelle betont werden – ist die iranische Opposition, im In- und Ausland, vielstimmig und vielfältig. Das geht allerdings bedauerlicherweise im Moment unter.

Iranian activist Shiva Boroumand wears a pin of the movement "Woman, Life, Freedom" during an interview with Reuters, in Rome, Italy, January 13, 2026. REUTERS/Remo Casilli
Eine Demonstrantin trägt einen Anstecker der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ – er ist allerdings kleiner als manche Flagge.

© REUTERS/REMO CASILLI

Große Teile der Opposition finden in den Medien kaum Gehör. Dazu zählen unter anderem die sehr aktive iranische LGBTQ+-Community im Exil, Feministinnen und Feministen, Linke, Liberale sowie Menschen ohne feste politische Zugehörigkeit, die sich jedoch klar zur Demokratie bekennen.

Sie wollen mit dem Sohn des Schahs deswegen nichts zu tun haben.

Monarchiefreundliche Exilmedien

Einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Reza Pahlavi medial besonders präsent ist, liegt darin, dass viele persischsprachige Exil-Medien wie Iran International und Man-o-To klar Position für ihn bezogen haben. Da ist es nicht verwunderlich, dass sie und ihre Geldgeber die Rückkehr des Schah-Sohns als Ziel verfolgen.

News Bilder des Tages Israeli-American Council National Summit Reza Pahlavi, the exiled son of Irans Shah, speaks at the gathering of Israeli American Council in Washington, D.C., on September 20, 2024. Washington District of Columbia United States Copyright: xAlixKhalighx
Reza Pahlavi tritt medienwirksam auf und bekommt viel Unterstützung von Lobbygruppen.

© IMAGO/Middle East Images/IMAGO/Ali Khaligh

So habe ich bei Demonstrationen iranischer Exilgemeinschaften wiederholt beobachtet, dass Reporter von Iran International fast ausschließlich Pahlavi-Anhänger zu Wort kommen lassen – und auf Bildern bevorzugt die sogenannte Löwen-und-Sonne-Flagge zeigen. Sie steht für Iran als Monarchie.

Einige hundert Menschen demonstrierten am Samstag auf dem Kurfürstendamm ihre Solidarität mit den Protesten im Iran und für den Sturz des Mullah-Regimes.
Manche Medien zeigen verstärkt die Monarchisten auf Demonstrationen, die von verschiedenen Oppositionsgruppen getragen werden.

© Dominik Lenze/Dominik Lenze

Allerdings beobachten wir auch bei der Deutschen Welle Farsi inzwischen eine Schlagseite in Richtung Pahlavi.

Welche Fahne tragen?

Während der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ vor zwei Jahren trugen viele Demonstrierende die grün-weiß-rote Fahne des Irans ohne das rote Symbol des Mullah-Regimes in der Mitte.

An anti-Iranian regime protester cuts the national flag of the Islamic Republic of Iran  during a gathering outside the US Consulate in Milan, on January 13, 2026. (Photo by Piero CRUCIATTI / AFP)
In Mailand schneiden Demonstranten das Symbol der Islamischen Republik aus der Landesflagge.

© AFP/PIERO CRUCIATTI

Diese Fahne, die neutral einen Iran ohne das aktuelle Regime symbolisiert, ist immer noch auf vielen der Demonstrationen in Berlin und in anderen deutschen Städten zu sehen, aber sie bekommt zunehmend Konkurrenz durch die Fahne der Schah-Ära.

Parallelen zur Revolution von 1979

Diese massive Übernahme der Opposition durch Pahlavi-freundliche Kräfte und die Medien, die diese Bewegung unterstützen, erinnert viele Iranerinnen und Iraner an das, was aus ihrem Aufstand 1979 geworden ist.

Damals gingen die Iraner:innen massenhaft gegen den damaligen Schah Mohammed Reza Schah auf die Straßen und stürzten ihn schließlich. Statt wie von vielen erhofft eine Demokratie zu errichten, kaperten die Islamisten mit Ajatollah Chomeini an der Spitze den Aufstand. Die eine Diktatur wurde durch eine neue Diktatur ersetzt.

Statt der vielen unterschiedlichen Fahnen der verschiedenen Gruppen, die sich gegen den Schah erhoben, wehte am Ende nur noch die der Mullahs.

Monarchie-Parolen lassen freiheitsliebende Demonstrierende erschaudern.

Maryam Mardani

Daher ist es alarmierend, dass man bei den aktuellen Protesten Stimmen hört, die eine Rückkehr der „Monarchie“ fordern und Reza Pahlavi als „Kronprinzen“ und legitimen Nachfolger seines Vaters darstellen.

Solche Parolen lassen viele freiheitsliebende Demonstrierende erschaudern. Sie stellen die berechtigte Frage: Kämpfen wir und vergießen wir so viel Blut, nur damit ein Diktator geht und ein anderer an seine Stelle tritt?

Pahlavis Pläne sind undemokratisch

Die Sorge ist berechtigt, das zeigt ein Blick in das Programm für die Übergangszeit nach dem Sturz der islamischen Republik, das Reza Shah Pahlavi im Jahr 2025 veröffentlicht hat.

In diesem als „Notfallhandbuch“ bekannt gewordenen Dokument bezeichnet der Schah-Sohn sich selbst als alleinigen „Anführer des nationalen Aufstands mit dem Ziel, die Übergangsphase zu managen“.

IRAN PROTESTS SYDNEY, Protesters with flags and banners are seen at a rally in solidarity with the protests currently sweeping Iran, Sydney, Wednesday, January 14, 2026.  NO ARCHIVING SYDNEY NEW SOUTH WALES AUSTRALIA PUBLICATIONxNOTxINxAUSxNZLxPNGxFIJxVANxSOLxTGA Copyright: xMICKxTSIKASx 20260114147314431000
Selbst der gestürzte Schah, der seine Landsleute brutal unterdrückte, wird von geschichtsvergessenen Demonstranten gefeiert.

© IMAGO/AAP/IMAGO/MICK TSIKAS

Er kündigt an, Institutionen zu schaffen, die den „Anführer des Aufstands“ beraten und seine Entscheidungen umsetzen sollen. Für viele Iranerinnen und Iraner ist es nicht schwer, in diesen Aussagen autoritäre Denkmuster zu erkennen.

Ziviler Ungehorsam ist seit 40 Jahren Alltag im Iran.

Maryam Mardani

Zudem darf nicht vergessen werden: Die Menschen im Iran sind nicht auf Befehl Reza Pahlavis auf die Straße gegangen. Proteste gegen das Regime gibt es seit Jahren in unterschiedlichsten Formen.

Septemer 28, 2022 - Karaj, Alborz, Iran - This photo shows that Iranian women are on the front line of the protests and are fighting against the agents of repression. Mahsa Amini, a 22-year-old Iranian woman, was arrested in Tehran on 13 September by the morality police, a unit responsible for enforcing Iran s strict dress code for women. She fell into a coma while in police custody and was declared dead on 16 September, with the authorities saying she died of heart failure while her family advised that she had no prior health conditions. Her death has triggered protests in various areas in Iran and around the world. According to Iran s state news agency IRNA, Iranian President Ebrahim Raisi expressed his sympathy to the family of Amini on - ZUMAi98_ 20220928_ssa_i98_743 Copyright: xSocialxMediax
2022 gingen die Iraner nach dem Tod Mahsa Aminis für mehr Freiheit auf die Straße.

© IMAGO/ZUMA Wire/IMAGO/Social Media

Immer wieder haben verzweifelte Menschen demonstriert und – wie bei der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ oder der Grünen Bewegung – ihre Stimmen über die Landesgrenzen hinaus hörbar gemacht.

Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg war ziviler Ungehorsam ein fester Bestandteil des Alltags vieler Iranerinnen und Iraner.

Videos werden gefälscht

Auch klar ist: Die Unterstützung für Reza Pahlavi ist unter Exil-Iraner:innen deutlich stärker als unter den Demonstrierenden im Iran. Es kursieren in den Sozialen Medien zwar Videos, in denen Demonstrant:innen Pro-Schah-Sprechchöre skandieren; sie sind jedoch zum Teil leicht als Fälschungen zu entlarven.

So gelangte vor der Internetsperre etwa ein Video nach außen, auf dem die Menschen regimefeindliche Sprüche rufen. Später tauchte dasselbe Video wieder auf, diesmal unterlegt mit angeblichen Parolen zugunsten der Pahlavi-Dynastie.

Was ist das Fazit?

Die Islamische Republik ist noch nicht gestürzt; sie gleicht aber einem Ertrinkenden, der sich verzweifelt an allem festklammert, um nicht unterzugehen. In dieser existentiellen Bedrohung liegt vermutlich der Grund für die extreme Gewalt.

EDITORS NOTE: Graphic content / TOPSHOT - This video grab taken on January 14, 2026 from UGC images posted on social media on January 13, 2026, shows dozens of bodies lying on the ground at the Tehran Province Forensic Diagnostic and Laboratory Centre in Kahrizak, as grieving relatives search for their loved ones. Other videos showing the same scenes first appeared online on January 10, 2026.
A violent crackdown on a wave of protests in Iran has killed at least 648 people, a rights group said on January 12, 2026, as Iranian authorities sought to regain control of the streets with mass nationwide rallies. (Photo by UGC / AFP) / Israel OUT / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT AFP -  SOURCE: ANONYMOUS - NO MARKETING - NO ADVERTISING CAMPAIGNS  - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS - NO RESALE - NO ARCHIVE - NO ACCESS ISRAEL MEDIA/PERSIAN LANGUAGE TV STATIONS OUTSIDE IRAN/ STRICTLY NO ACCESS BBC PERSIAN/ VOA PERSIAN/ MANOTO-1 TV/ IRAN INTERNATIONAL/RADIO FARDA - AFP IS NOT RESPONSIBLE FOR ANY DIGITAL ALTERATIONS TO THE PICTURE'S EDITORIAL CONTENT /
Möglicherweise bereits Tausende Demonstranten wurden seit Ende Dezember getötet.

© AFP/-

Jetzt, mitten in der bislang größten Erhebung der iranischen Bevölkerung gegen das Regime, liegt eine große Chance. Jetzt gilt es für die Opposition, zusammenzuhalten.

Dabei bedeutet Einheit nicht, dass sich alle unter einer einzigen Flagge versammeln. Sie bedeutet vielmehr, dass Menschen mit unterschiedlichen Ideen, politischen Überzeugungen und Symbolen Schulter an Schulter kämpfen.

Die Straßen sind zu Schlachtfeldern geworden. Sorgt dafür, dass man uns hört und uns geholfen wird.

Aus einem Video aus Iran auf der Plattform Tavaana

Nur so können sie diesen gemeinsamen Feind überwinden. Es gilt zu verhindern, dass der Freiheitskampf von bestimmten Kräften, die von Lobbygruppen aus dem Ausland unterstützt werden, übernommen wird.

Jetzt ist die Zeit zum Handeln – und das sollten wir von den Menschen im Inneren des Landes lernen.

Gerade habe ich auf der Nachrichtenplattform Tavaana ein Video gesehen. Es sind Bilder von dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte zu sehen. Aus dem Off ist eine Stimme zu hören und das, was sie sagt, geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf.

„Die Straßen sind zu Schlachtfeldern geworden. So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. Ihr, die ihr außerhalb des Iran lebt, seid unsere Stimme. Sorgt dafür, dass man uns hört und uns geholfen wird.“

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
false
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })