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Protestierende fordern im Februar 2024 in München mehr Waffen für die Ukraine.

© IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Tagesspiegel Plus

Wenn genug nie genug ist: Welche Länder der Ukraine wie viel geben – und weshalb es im Krieg nicht ausreicht

Deutschland wird oft als zweitgrößter Unterstützer der Ukraine genannt. Gemessen an der Wirtschaftskraft liegen jedoch kleinere Länder vorn. Und die EU hat noch viel zu tun.

Seit dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine vor zwei Jahren sind sich fast alle Beobachter darüber einig, dass der Kriegsverlauf entscheidend von der Unterstützung westlicher Partner abhängt. Über das wie und wie viel wird jedoch hitzig debattiert. Aber welche Länder geben was – und reicht das überhaupt?

Die Bundesregierung selbst beziffert ihre Unterstützung für die Ukraine in den vergangenen zwei Jahren auf rund 32 Milliarden Euro. Das beinhaltet humanitäre Unterstützung, direkte Zahlungen und Waffenlieferungen.

Laut aktuellen Zahlen des „Ukraine Support Trackers“ des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel), der ebenfalls humanitäre, militärische und finanzielle Hilfe von 41 Ländern kalkuliert, unterstützt Deutschland die Ukraine sogar mit noch mehr: Bis zum 15. Januar 2024 soll Deutschland bilaterale Hilfe im Umfang von 22 Milliarden Euro sowie weitere knapp 19 Milliarden im Rahmen von EU-Hilfen zugesichert haben – insgesamt also mehr als 40 Milliarden Euro.

Estland ist gemessen am BIP größter Geber

In absoluten Zahlen führen die USA die Liste der Geberländer mit knapp 68 Milliarden Euro an, gefolgt von Deutschland mit 22 Milliarden Euro in bilateralen Hilfszusagen. Die EU-Institutionen haben bisher nach den Zahlen des IfW Kiel insgesamt rund 85 Milliarden Euro Hilfen an die Ukraine zugesagt.

Das Narrativ von Deutschland als zweitgrößtem Geberland für die Ukraine hält jedoch nicht, wenn man die Hilfen in den Kontext des Bruttoinlandsproduktes (BIP), also der Wirtschaftskraft, setzt. Dann liegt Deutschland nur noch auf Platz neun der Unterstützer, hinter Estland, Dänemark, Norwegen, Litauen, Lettland, Polen, Finnland und den Niederlanden und gleichauf mit der Slowakei.

Die deutschen bilateralen Hilfen belaufen sich laut dem IfW Kiel auf 0,6 Prozent des BIP – ein deutlicher Unterschied zum Spitzenreiter Estland, wo die bilateralen Hilfszusagen 3,6 Prozent der nationalen Wirtschaftskraft ausmachen.

Auch Rafael Loss, der beim European Council of Foreign Relations zur deutschen und europäischen Sicherheitspolitik forscht, sagt, dass Länder in Nord- und Osteuropa gemessen an ihrem BIP bereit seien, eine noch größere Last als Deutschland zu tragen. Westeuropäische Partner würden dagegen vielfach weniger leisten. 

Deutschland gibt am meisten für Geflüchtete

Spitzenreiter ist Deutschland in absoluten Zahlen, wenn es um die Hilfen für geflüchtete Ukrainer:innen geht. So gab die Bundesrepublik bisher 21,4 Milliarden Euro für Geflüchtete aus der Ukraine aus, dicht gefolgt von Polen, das 20,7 Milliarden beisteuerte.

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Gemessen am BIP gibt Deutschland aber auch hier wieder deutlich weniger als manche europäische Nachbarn. So liegt der Anteil der Hilfen für Geflüchtete in Deutschland bei 0,6 Prozent des BIP, in Polen jedoch fünfmal höher bei 3,3 Prozent. Bulgarien und die Tschechische Republik unterstützen ukrainische Geflüchtete mit je 2,1 Prozent ihrer Wirtschaftskraft.

Russland bleibt der Ukraine militärisch überlegen

Aber reichen die bisherigen Milliarden für die Ukraine aus? Außenpolitik-Experte Loss verneint das: „Der Umfang und vor allem auch die Geschwindigkeit bisheriger Lieferungen haben nicht ausgereicht, um Wladimir Putin so unter Druck zu setzten, dass er von seinen Maximalforderungen der Unterwerfung der Ukraine abgerückt wäre.“

So müssen die ukrainischen Streitkräfte aktuell ihren Verbrauch an Artilleriemunition stark rationieren und könnten pro Tag nur etwa 2.000 Granaten verschießen – bei einer Frontlänge von 1.000 Kilometern, erklärt Loss. Um offensive Operationen durchzuführen und weitere besetzte Gebiete zu befreien, bräuchte die Ukraine jedoch laut dem Experten etwa 5.000-7.000 Schuss pro Tag.

Russland könne den ukrainischen Streitkräften ein Vielfaches an Feuerkraft entgegensetzen, da die Produktion bereits kurz nach Beginn der Invasion hochgefahren wurde, sagt Loss.

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Besonders prekär ist die Situation angesichts der Blockade der Ukraine-Hilfen im US-Kongress. Laut dem IfW Kiel müsste die EU ihre derzeitige militärische Hilfe für Kiew verdoppeln und das Tempo der Lieferungen deutlich erhöhen, sollten die USA keine weiteren Hilfen leisten.

Die EU muss umdenken – und aufrüsten

Rafael Loss plädiert dafür, dass Europa einen anderen Blick auf den Krieg einnimmt. Dabei solle es nicht nur darum gehen, was die Ukraine benötige, um Lücken zu stopfen, sondern was sie dazu befähige, wieder in die Offensive zu gelangen. „Ein paar Dutzend Leopard-2-Kampfpanzer und F-16-Kampfflugzeuge reichen dafür einfach nicht aus. Die Ukraine braucht modernes Gerät und davon viel“, sagt Loss.

Außerdem müsse Europa umplanen und der Rüstungsindustrie Aufträge erteilen. Schon im Frühjahr 2022 hätte man zu dem Schluss kommen müssen, schnellstmöglich die Produktionskapazitäten zu erweitern, betont der Experte.

So sei es nicht verständlich, dass das Verteidigungsministerium bislang nur 18 Leopard-2-Kampfpanzer nachbestellt habe, um die Abgaben an die Ukraine eins zu eins zu ersetzen. Es sei schon lange bekannt, dass die Bundeswehrbestände schon vor dem russischen Angriffskrieg zu klein waren, um Zusagen an die NATO zu erfüllen, sagt Loss.

Für den Experten ist klar: „Wir haben eine Situation in der Ukraine und der europäischen Sicherheitsordnung insgesamt, in der man fast nicht zu viel tun kann.“

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