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Die Ukrainer brauchen dringend neue Artilleriemunition an der Front.

© Reuters/Serhii Nuzhnenko

Tagesspiegel Plus

Wo bleibt die Artilleriemunition?: „Im Herbst waren die Ukrainer erschöpft, jetzt sind sie wütend“

Tschechiens Präsident Petr Pavel hatte im Februar 800.000 Schuss angekündigt. Sie wurden bis heute nicht geliefert, weil zu viele Europäer kein Geld geben wollten.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sorgte im Februar eine Nachricht für Aufsehen: Tschechiens Präsident Petr Pavel kündigte an, 800.000 Schuss Artilleriemunition für die Ukraine zu organisieren. Doch bis heute ist das nicht gelungen.

Der Mangel an Artilleriemunition ist einer der Hauptgründe, warum die Russen seit Monaten erneut auf dem Vormarsch sind und die Ukrainer befreite Gebiete wieder aufgeben mussten. An entscheidenden Frontabschnitten haben die Angreifer siebenmal mehr Artilleriegeschosse zur Verfügung als die Verteidiger.

Zwei Monate sind seit der Ankündigung in München vergangen. Wo bleibt die Munition? Und wie wichtig ist sie jetzt noch, nachdem der US-Kongress Militär- und Finanzhilfe im Wert von 61 Milliarden Dollar auf den Weg bringt?

„Die Europäer versprechen viel, aber halten wenig“

„Es hat daran gehakt, dass nur Tschechien, die Niederlande, Dänemark und Norwegen wirklich Geld auf den Tisch gelegt haben“, sagt Gustav Gressel. Er ist Militärexperte des European Council on Foreign Relations (ECFR). „Andere Staaten haben zwar großspurig Hilfe angekündigt, aber dann nichts gemacht.“

Gressel ist gerade von einer achttägigen Reise durch die Ukraine zurückgekehrt, die ihn nach Kiew, Dnipro, Lviv und mehrere Frontabschnitte geführt hat. Er beobachtet einen markanten Stimmungswandel. „Im Herbst waren die Ukrainer erschöpft, jetzt sind sie wütend“, sagt er.

Sie sind „wütend über die USA, weil es so lange dauert, bis Demokraten und Republikaner sich auf die Hilfe einigen. Wütend über die Europäer, weil sie viel versprechen, aber wenig halten. Die Soldaten haben über Monate erlebt, dass viele Chancen für militärische Erfolge wegen Munitionsmangel ungenutzt verstrichen sind. Das macht sie extrem bitter.“

Ben Hodges, früher Oberbefehlshaber der US Army in Europa, sieht drei Probleme: „Erstens mangelnden politischen Willen mehrerer europäischer Regierungen, die Versorgung der Ukraine mit Artilleriemunition zu einer Priorität zu machen. Und den enormen wirtschaftlichen Vorteil zu nutzen, den Europas Volkswirtschaften haben, wenn sie sich zusammentun.“

Die Regierungen Europas sind nicht bereit, der Ukraine die Priorität zu geben.

Ben Hodges, früher Oberbefehlshaber der US Army in Europa

Zweitens „geht der Großteil der in Europa hergestellten Munition jetzt an Kunden außerhalb Europas, zum Beispiel Uganda oder die Vereinigten Arabischen Emirate“, beobachtet Hodges. „Die Regierungen sind nicht bereit, der Ukraine die Priorität zu geben.“

Drittens sieht Hodges „zu wenig Bereitschaft einiger Regierungen, zu sagen, was sie vorrätig haben. Und eine mangelnde Bereitschaft der Rüstungsindustrie, zu sagen, was sie liefern könnten“.

Mehr Artilleriemunition sei für die Ukraine „unverzichtbar“, sagt der Militärexperte. „Das US-Hilfspaket wird nicht ausreichen, um Russland zu besiegen. Und auch nicht, um Russland von weiteren Angriffen in Europa abzuschrecken, falls die Ukraine scheitert. Abschreckung ist kein Ziel, sondern die Vorstellung potenzieller Gegner, dass sie verlieren werden, wenn sie angreifen.“

Nach Gressels Analyse wird das Hilfspaket der USA die Lage nicht fundamental verbessern. „Vor Ende des ersten Halbjahrs werden die USA 300.000 Artilleriegeschosse liefern. Die sind schon produziert und können verschifft werden. Bis Jahresende werden nochmal 300.000 Schuss folgen.“ Das ist immer noch weniger, als Tschechiens Präsident im Februar aus der EU versprochen hatte.

800.000
Schuss hatte Tschechiens Präsident der Ukraine versprochen.

„Die Lieferung der EU und der USA zusammen erlauben der Ukraine das defensive Minimum“, erklärt der Militärexperte die Dimensionen. „Sie hat dann noch immer keine Feuerüberlegenheit, aber sie kann sich verteidigen.“

Dabei hatte Europa seit über einem Jahr versprochen, dass es der Ukraine jährlich eine Million Schuss Artilleriemunition liefern werde. Als sich der Aufbau der Produktion verzögerte, hatte Pavel im Februar seine Initiative gestartet, weltweit binnen weniger Wochen 800.000 Schuss anzukaufen.

Hindernisse bei Pavels Munitionsplan

„Pavels Plan kombinierte verschiedene Maßnahmen“, erläutert Gressel. „Zum Beispiel wollte er Rüstungsfirmen die Konventionalstrafe abnehmen, damit sie aus Lieferverträgen mit anderen Kunden herauskommen und die Munition an die Ukraine liefern. Das machte den Preis pro Schuss sehr, sehr teuer“, sagt der Militärexperte. „Zudem muss man warten, bis man genug Geldgeber hat, um ein gesamtes Produktionslos abzukaufen. Es gibt auch rechtliche Unsicherheit, falls der ursprüngliche Käufer klagt.“

Auf dem Weg hätte Europa die Ukraine jedoch im März und April mit Munition versorgen können, fasst Gressel zusammen. Aber „zu wenige Staaten wollten die Kosten schultern.“

Europa hätte die Ukraine im März und April mit Munition versorgen können. Aber zu wenige Staaten wollten die Kosten schultern.

Gustav Gressel, Militärexperte des European Council on Foreign Relations (ECFR).

Eine günstigere Option: Munition aus Drittstaaten aufkaufen. „Doch Unternehmen machten Versprechungen, die sie nicht einhalten konnten. Lieferungen verzögerten sich. So liegt Europa weit hinter den Zusagen, die im Januar gemacht wurden“, sagt Gressel.

„Mehrere Staaten, die sich beteiligen wollten, sprangen wieder ab, auch Deutschland. Sie haben eine Chance verpasst, diese Lieferausfälle zu kompensieren.“

Die Wut und Frustration der Ukrainer kann Gressel verstehen. „Mit den Hilfsankündigungen kämpfen viele europäische Staaten mehr für ihre Selbstdarstellung und Twitter-Meldungen als für die Ukraine. Gute Ideen von anderen werden dann als Konkurrenz betrachtet, etwa der Munitionsplan des tschechischen Präsidenten.“

Er sagt: „In dem Moment, in dem ein Staat eigene Lieferpakete verkünden kann, springt er Zusagen zu anderen Initiativen ab. Das führt dazu, dass verschiedene Staaten bei Rüstungsanbietern unabgesprochen und in Konkurrenz zueinander auftreten.“

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