• 20 Jahre West-Eastern Divan Orchestra: „Wir üben jeden Tag, einander zuzuhören“

20 Jahre West-Eastern Divan Orchestra : „Wir üben jeden Tag, einander zuzuhören“

Daniel Barenboim gründete das West-Eastern Divan Orchestra. Zwei junge Streicher erzählen, wie das ihr Leben veränderte.

Jakob Wittmann
Für die Fankurve. Barenboim und sein Orchester sind Stammgäste in der Waldbühne.
Für die Fankurve. Barenboim und sein Orchester sind Stammgäste in der Waldbühne.Fotos: Jesse Lee Weiner, West Eastern Diwan Orchestra

Am Ende der Vormittagsprobe wird Daniel Barenboim noch einmal sehr deutlich: „Musik ist nicht einfach ein Beruf, es ist euer Leben“, ruft er seinem Orchester zu. Die Musikerinnen und Musiker sitzen in Freizeitkleidung vor ihren Notenpulten, viele tragen kurze Hosen. Die Instrumente ruhen in ihren Armen. Das Orchester weiß, wie wichtig dem Dirigenten diese Botschaft ist. Niemand soll für selbstverständlich halten, was hier passiert. Gerade dann, wenn es besonders gut läuft, so wie am heutigen Tag.

Es sind die Vorbereitungen für die Sommertournee des West-Eastern Divan Orchestra. Am 17. August werden sie in der Waldbühne gastieren. Es ist ein Jubiläum: Vor zwanzig Jahren wurde dieses Experiment gestartet, das israelische und arabische Musiker zusammenbringt.

Mittagspause. Es gibt Falafel, Hummus, Salat. Violinistin Perry Tal und Bratschist Nadim Housni nehmen sich Zeit, um von Erfahrungen und Eindrücken zu berichten, die sie ohne das Divan-Orchester niemals gemacht hätten.

Für die Fankurve. Barenboim und sein Orchester sind Stammgäste in der Waldbühne.
Perry Tal spielt Geige.Foto: Kai Heimberg

Perry Tal, geboren 1986 in Tel Aviv, Israel, Mitglied des Divan-Orchesters seit 2010:

Ich kann Maestro Barenboim nur zustimmen. In anderen Berufen kann man auch gut und professionell sein, aber man hat ein privates Leben, das davon sehr getrennt ist. Für uns ist alles, was wir in die Musik bringen, immer auch etwas aus unserem Leben. Wie will man sonst Wut ausdrücken? Wie will man Liebe ausdrücken?

Ich bin vor zehn Jahren zum Orchester gekommen. Zu dieser Zeit war ich natürlich schon Musikerin, zu einem gewissen Grad. Aber zu dieser Zeit waren meine Gedanken und wie ich Musik betrachte noch sehr formbar. Barenboim reißt die Musik auseinander und setzt sie neu zusammen, mit Verstand und mit dem Herzen.

Dasselbe macht er mit uns als Orchester. Er formt eine Einheit, die gemeinsam denkt und fühlt. Er ist ein Genie, und wir haben großes Glück, mit ihm zusammenzuarbeiten, gemeinsam zu touren und Zeit miteinander zu verbringen. Wir sind zu einer Familie geworden, die dieselbe Sprache spricht. Eine Sprache, die auch auf das Publikum ausstrahlt. Bei unseren Konzerten beobachte ich eine Stille, eine Aufmerksamkeit, die ich aus keinem anderen meiner Projekte kenne. Es hat fast etwas Heiliges.

Araber und Israelis sind eigentlich eine Familie

Das Orchester existiert nicht, um Frieden zu bringen. Es existiert, um zu zeigen, dass Dialog und Einigkeit möglich sind. Wir sind der lebende Beweis dafür, dass Araber und Israelis eigentlich eine Familie sind. Am Anfang haben wir sehr unterschiedlich gefühlt.

Aber wir haben viel mehr Gemeinsamkeiten entdeckt als Unterschiede. Wir haben schnell realisiert, wie viele geteilte Erfahrungen es gibt. Wortwörtlich über Grenzen hinweg. Oft sind es auch ähnliche Kindheitserlebnisse. Das macht weich und auch verletzlich.

Eine Idee in der Oboe hören

Die Tatsache, dass wir uns unabhängig vom politischen Klima weiter treffen, beweist, dass es Menschen gibt, die genau das wollen und möglich machen. Ich glaube, dass jede Form von Kunst das schaffen kann. Das Besondere an der Musik ist aber, dass die wichtigste Fähigkeit eines jeden Musikers das Zuhören ist.

Gerade das fehlt meiner Meinung nach am meisten im Mittleren Osten. Wir üben jeden Tag, uns gegenseitig zuzuhören. Etwa eine Idee in der Oboe zu hören und mit der Geige nachzuspielen.

Je schneller und rasanter die Welt wird, umso mehr wird klassische Musik etwas werden, das die Zuhörer herausfordert, weil es verlangt, eine längere Zeit zuzuhören. Im Divan fühle ich die Kraft der klassischen Musik mehr als je zuvor. Das macht mir Hoffnung. Eine Menge Hoffnung.

Nadim Housni (links) spielt Geige.
Nadim Housni (links) spielt Geige.Fotos: Jesse Lee Weiner, West Eastern Diwan Orchestra

Nadim Housni, geboren 1983 in Damaskus, Syrien, Mitglied des Divan-Orchesters seit 2003:

Die Verbindung mit dem Publikum spüren wir die ganze Zeit. Vorher, während des Konzerts und danach. Auch dann, wenn die Leute zu uns kommen und uns ihre Dankbarkeit oder ihre Freude aussprechen. Das gibt mir jedes Mal die Kraft, noch besser zu werden.

Barenboim muss seine Botschaft nicht wiederholen. Die Art und Weise, wie er mit uns arbeitet, wie er uns zeigt, dass es nicht reicht, wenn man nicht zu einhundert Prozent dahintersteht, ist Botschaft genug. Es gibt keinen Mittelweg, gerade in diesem Orchester.

Das Projekt und der Maestro haben neunzig Prozent meiner musikalischen Bildung und meines musikalischen Wissens entscheidend geprägt. Meine Wahrnehmung, meine Offenheit, musikalisch, aber auch politisch, habe ich dem zu verdanken. Abgesehen davon, meine Freunde zu sehen, gibt es nichts, was mir wichtiger ist, als weiter damit in Verbindung zu bleiben.

Ich hatte andere politische Ansichten

Das Divan ist der Beweis, dass wir miteinander reden können. Dabei müssen wir eigentlich gar nicht reden, sondern einfach spielen! Man kann es hören, wie wir dieselbe Phrase zur selben Zeit auf dieselbe Art spielen. Ich hatte früher auch andere politische Ansichten, genau wie Perry, aber all das ist nicht mehr wichtig. Wenn wir zusammen sitzen und spielen, zeigt das, wie nah wir uns geworden sind.

Ich bin schon viele Jahre nicht mehr in meinem Land gewesen. Aber ich erinnere ich mich gut daran, dass manche dagegen waren, als ich vor 15 Jahren angefangen habe, an diesem Projekt mitzuwirken. Ich habe sogar mal gehört, dass wir von bestimmten Menschen beobachtet würden. Auch wenn es letztlich nie Vorfälle gab, war es nicht einfach, so etwas zu hören und zu wissen, dass nicht alle damit einverstanden waren, was wir hier tun.

Das erste Mal Israelis getroffen

In diesem Orchester habe ich das erste Mal Israelis kennengelernt. Das hatte ich davor nie im Leben für möglich gehalten. Ich erinnere mich daran, wie viel wir geredet haben, als wir neu hier waren: Was denkst du? Warum ist das so? Wir waren alle voller Temperament.

Manchmal wurden wir auch wütend, und es kam vor, dass manche den Raum verlassen haben, weil es so intensiv wurde. Wir sind alle an unsere Grenzen gegangen und mussten lernen, unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen. Aber auch unsere Unterschiede und warum wir so denken, wie wir es tun. Dadurch begann ein unglaublicher Prozess, und heute ist all das Vergangenheit. Es ist so wundervoll, wenn man auf die Jahre zurückschaut und sieht, was aus dem Orchester geworden ist. Man sieht, dass wir eine Einheit, eine Gemeinschaft geworden sind. (Für das Waldbühnen-Konzert am 17. August um 19 Uhr gibt es noch Karten.)

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