„1000 Arten, Regen zu beschreiben“ im Kino : Familie ist Überforderung

Was tun, wenn der Sohn plötzlich nicht mehr aus dem Zimmer kommt? Isa Prahls prämiertes Langfilmdebüt „1000 Arten, Regen zu beschreiben“.

Bibiana Beglau als Mutter.
Bibiana Beglau als Mutter.Foto: Filmkinotext

Eine Zimmertür, der Hund hat beim vielen Hochspringen die Farbe abgekratzt, ein Türspalt, durch den etwas Licht dringt und Schatten vorbeihuschen. Das ist das Bild, dessen Geschichte dieser Film erzählt, eine unmögliche, dramatische, absurde, zutiefst wahre Familienkonstellation. Hinter der Tür lebt Mike, er ist gerade volljährig geworden, er hat sich eingesperrt, redet nicht mehr und kommt nicht raus, seit Wochen. Vor der Tür stehen, hocken, warten, schlafen, weinen oder brüllen die Mutter (Bibiana Beglau), der Vater (Bjarne Mädel) und Miri, die Schwester (großartig irrlichternd: Emma Bading). Sie will endlich Miriam genannt werden und ihre Zahnspange loswerden, sie steckt mitten in den Wirren der Pubertät.

Der einzige Kontakt: Mike schiebt Zettel durch den Türspalt, kurze Regen-News, Ort, Datum, Regenart. Miri sammelt sie, der Bruder guckt offenbar Regenvideos im Internet, man sieht sie im Film: überflutete Straßen, schwimmende Mülleimer, tanzende Gullideckel. „1000 Arten, Regen zu beschreiben“: Seelenlandschaften sehen im Kino gewöhnlich anders aus. Darin liegt die Stärke von Isa Prahls Langfilmdebüt, das bereits viel Lob und auch Preise erhielt. Dass sie nicht auf gängige Familiendramenmuster zurückgreift und den Protagonisten auch nicht mit soziologischen oder psychologischen Erklärungen zu Leibe rückt. Sondern mit der Kamera und nichts weiter.

Verzweiflung kippt in Aggression

Dunkle Räume, Silhouetten im Gegenlicht, Nahaufnahmen, Klaustrophobie, abgezirkelte Sätze, dazu die eigenwillig elegische Elektro-Minimal-Music von Volker Bertelmann alias Hauschka: Die Welt von Familie Lennartz ist aus dem Lot geraten. Hinter der Tür der verlorene Sohn (den auch der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt), vor der Tür wird jeder jedem fremd, auch sich selbst. Die Mutter stürzt sich auf Mikes Kinderfreund (Louis Hofmann) und erdrückt ihn mit Ersatzliebe. Die Verzweiflung des Vaters kippt in Aggression, wenn er allen Ehrgeiz daran setzt, als Krankenpfleger wenigsten seinen schwerstbehinderten Patienten zum Reden zu bringen, mittels Augenzwinkern und Sprachcomputer. Und Miriam geht zur Party, wo alle mit den Jungs rummachen, traut sich was und wird gemobbt.

In Japan soll es eine Million Menschen geben, die meisten unter 30, die sich ein halbes Jahr oder länger von der Außenwelt abschotten, man nennt das Phänomen „Hikikomori“. Warum machst du das? Isa Prahls Film weiß keine Antwort. Familie ist Überforderung. Sie bleibt nur zusammen, wenn alle einander ihre Hilflosigkeit offenbaren – ein Hoffnungsschimmer.

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