Agnès Vardas letzter Film : Neugier im Zeitraffer

Rückblick, Kaleidoskop, Experiment: Agnès Varda war die Grande Dame des Autorenkinos. Ihr letzter Film „Varda par Agnès“ ist ein charmantes Selbstporträt.

Friederike Horstmann
Verschmitzt. Agnès Vardas Markenzeichen war der aubergine-weiße Pagenkopf.
Verschmitzt. Agnès Vardas Markenzeichen war der aubergine-weiße Pagenkopf.Foto: Film Kino Text

In „Varda par Agnès“, dem letzten Film der im März 2019 verstorbenen Filmemacherin, gibt es eine kurze Sequenz, in der Varda eine Reihe von Selbstporträts beschreibt. Ihr Gesicht mit 20 Jahren zusammengesetzt aus vielen Mosaiksteinchen, als 36-Jährige in einem Gemälde von Gentile Bellini und als 80-Jährige in einer Fotografie, in der übereinanderliegende Spiegel ihr Gesicht fragmentieren.

Über wechselnde Medien und Materialien lassen sich auch die diversen Arbeitsweisen Vardas fassen: von der studierten Kunsthistorikerin über die ausgebildete Fotografin bis hin zur autodidaktischen Filmemacherin.

Sie pflanzt sich vor die Männergruppe

Varda nutzt Bellinis großformatiges Gemälde für einen verschmitzten visuellen Kommentar: Strenge Profilansicht, korrekt geschnittene Pagenfrisur, spitzes Näschen und ernsthafter Blick entsprechen den Porträts des venezianischen Bürgertums. Nonchalant platziert sie sich prominent im Bildvordergrund unter die Gruppe von Männern.

Neben der emanzipatorischen Ermächtigung zeigt Vardas Selbstinszenierung auch einen künstlerischen Eklektizismus: Sie beschneidet ein altehrwürdiges Ölgemälde, fügt sich selbst hinzu, legt ein fotografisches Bild über ein gemaltes und verknüpft so unterschiedliche Bildmedien.

In vielen ihrer künstlerischen Arbeiten gibt es solche synthetischen Blicke. Vardas Kino ist das einer Autodidaktin voller Barbarismen. Schon deshalb grundverschieden von der Nouvelle Vague.

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Dabei geht es ihr nicht zuletzt um die Emanzipation von männlichen Autoritäten und Abhängigkeiten, ein Ringen um Solidarität und Selbstbestimmung – auch über den eigenen Körper: In „Die eine singt, die andere nicht“ (1977) – einem Protest-Musical zu Frauenbewegung und Körperpolitik – wird die Stimme gegen ein restriktives Abtreibungsrecht in Frankreich erhoben: „Mon corps est à moi!“

Ihr allerletzter Film „Varda par Agnès“ ist nach „Augenblicke: Gesichter einer Reise“, ihrer Zusammenarbeit mit dem Street Artist JR von 2017, erneut ein charmantes Selbstporträt. Sie verfolgt in einem weit angelegten Rückblick, kaleidoskopisch, zusammengesetzt, die Spuren ihres künstlerisches Schaffens, eher assoziativ als streng chronologisch.

Ein Leben im Zeitraffer, das zeigt, wie Varda die Welt sieht, und nicht, wie sie diese interpretiert. Ihr beobachtender Objektivismus ist eine Form der Verhaltensforschung ohne moralische Erwägungen. Vor Studierenden erzählt sie in einem großen Theater von den Besonderheiten ihrer Filme.

Sandrine Bonnaire, die schroffe Vagabundin

Dazwischen schneidet sie bestehendes Material, Filmszenen, ältere Interviews und öffentliche Auftritte, in denen sie über ihre Arbeit spricht: mit ihrer Kamerafrau Nurith Aviv, mit Sandrine Bonnaire, der schroffen Vagabundin aus „Vogelfrei“, und JR. Film als Partizipation und Austausch.

Beeindruckend, wie Varda einer Gegenwart nie untreu wird, dabei voller Neugier und Anteilnahme zuhört und das Politische im Privaten engagiert freilegt: von dem aktivistischen Dokument zu den Black Panthers (1968) über präzise Alltagsbeobachtungen in ihrer Pariser Nachbarschaft in „Daguerréotypes“ (1975) hin zum dokumentarischen Essayfilm „Die Sammler und die Sammlerin“ (2000) über Menschen, die vom Müll der anderen leben und denen sich Varda damals erstmals mit einer kleinen Digitalkamera näherte. Über Zeugenschaft erschließt der Film Schicksale sozialer Randgruppen und stellt eine repräsentative Öffentlichkeit her, die gemeinhin unsichtbar bleibt.

Alltägliche Schauplätze gewinnen Attraktivität

Von Anfang an hat Vardas eigenwillige Experimentierfreudigkeit Genregrenzen zum Flirren gebracht. Gemeinsam ist vielen Filmen die Verbindung von dokumentarischen und fiktionalen Formen: Der Spielfilm „Cléo de 5 à 7“, mit dem der internationale Durchbruch gelang, spielt in natürlichen Dekors. Alltägliche Schauplätze gewannen in den 1960er Jahre eine filmische Attraktivität. Das war nicht zuletzt technischen Umbrüchen geschuldet. Handlichere Kameras und Tongeräte ermöglichten es Varda, mitten unter den Passantinnen auf den Trottoirs zu drehen.

„Cléo de 5 à 7“, sagt Varda, sei auch eine Studie über das objektive Vergehen und das subjektive Erleben von Zeit. Mit ihrer eigenen Zeitlichkeit ist Agnès Varda bis zuletzt verspielt souverän umgegangen. Ihrer Bellini-Collage hat sie eine weitere, äußerlich gealterte Varda hinzugefügt: In lebendiger Farbe, mit bunter Ornamentjacke und aubergine-weißer Signature-Frisur führt sie ihren Daumen an die Nasenspitze, zeigt sie mit dem kleinen Finger auf sich selbst als junge Frau und erlaubt sich mit dieser Geste eine muntere Clownerie.

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