Alan Gilbert dirigiert die Philharmoniker : Kompositorische Taschenspielertricks

Amerikaner in der Philharmonie: Alan Gilbert dirigiert als Gast Werke von Mozart, Adés und Debussy. Mit dem Soloklarinettisten Wenzel Fuchs.

Alan Gilbert, geboren 1967 in New York City.
Alan Gilbert, geboren 1967 in New York City.Foto: Kai Bienert

Einen Dirigenten, der „weniger Füße und etwas mehr Flügel“ habe, wünschte sich Debussy für seine „Images“. Vor allem das letzte Stück „Rondes de printemps“ beschrieb der Komponist als „immateriell“. Anders als Strawinsky im „Sacre du printemps“ ahnte er im gemeinsamen Uraufführungsjahr 1913 nichts von der baldigen Brutalisierung der Welt, sondern erging sich eher retrospektiv in den sanft schimmernden Farben der „Primavera“ von Botticelli.

Bei den Berliner Philharmonikern ist Klangsinnlichkeit in den besten Händen, getragen von den wunderbaren solistischen Fähigkeiten ihrer Mitglieder: immer wieder Daishin Kashimoto mit schmelzendem Violinton, Emanuel Pahud mit melancholischem Flötensolo in den eröffnenden „Gigues“, Albrecht Mayer und Dominik Wollenweber im Dialog von Oboe und Oboe d'amore. Doch der Gast am Pult mag es lieber bodenständig: Alan Gilbert zeigt sich als „Amerikaner in Paris“, brilliert mit kernig federnden Rhythmen vor allem in „Iberia“, dem hier an den Schluss gestellten „Images“- Mittelstück, lässt auch die „Düfte der Nacht“ eher als pastose Klangwogen sich auftürmen als ätherisch verschweben. Dass Debussy seine Transparenz mit hochdifferenzierten Strukturen stützt, geht dabei ein wenig verloren.

Die Philharmoniker tragen Wenzel Fuchs auf Händen

Feine Klangzeichnung zeigt Gilbert eher in Thomas Adés „Three Studies from Couperin“, eigentlich „nur“ eine Instrumentierung dreier Cembalo-Stücke des großen Clavecinisten. „Les Amusements“ verbleibt im Klangschatten tiefer Flöten- und Klarinettenregister, Kontrabass und Pauke fügen eine Anmutung von Bedrohung hinzu. Ständige Akzentverschiebungen bürsten auch „Le tour de passe-passe“ gegen den ursprünglichen rhythmischen Strich – kompositorische „Taschenspielertricks“ der besonderen, gewitzten Art.

Mozarts Klarinettenkonzert ist nicht zwingend das Herzstück in einem solchen Programm französisch inspirierter Klangerkundung. Doch gerade hier punkten die Philharmoniker mit duftiger Transparenz, tragen ihren zurückhaltenden Solisten Wenzel Fuchs auf Händen. Der zieht sich vor allem im Adagio ganz in die Innerlichkeit zurück und kann seiner ohnehin zarten Tongebung noch leisere Facetten abgewinnen. Im Finale findet er zu kräftigeren Farben und damit zu einer Profilierung, die im Kopfsatz trotz perfekt modellierten Laufwerks ein wenig gefehlt hatte.

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