Allstar-Band? Oder späte Herrengroup? : Die Gruppe OIL und ihr Buch "Naturtrüb"

Was man nicht braucht - und gerade deshalb Laune macht: Die Gruppe OIL erzählt in „Naturtrüb“, wie sie ihr Album "Naturtrüb" aufgenommen hat.

Die Gruppe OIL im Skoda von Gereon Klug.
Die Gruppe OIL im Skoda von Gereon Klug.Foto: Gabriele Summen/Verlag

Braucht man eigentlich das Album einer Band, die mit dem Ziel gegründet wurde, „so eine Art Pubrock-Band im Sinne von Dr. Feelgood“ zu werden? Die sich als eine „viel zu späte Herrengroup“ bezeichnet, „vom Schicksal gecastet“? Und die in der Person zumindest eines ihrer Mitglieder einmal ihre Existenz schwer infrage stellt: „Wann wird die Menschheit endlich kapieren, dass die Welt auf keinen Fall eine weitere Band braucht?“ Um diese Frage so zu beantworten: „Nie! Nie! Nie!“

Doch, sie hat kapiert, die Welt, Album und Band braucht niemand. Weshalb sich gleich noch die Frage stellt (und dann soll gut damit sein), ob die Welt überdies ein Buch dieser Band braucht?

Darin erzählen die vier Bandmitglieder, die alle in ihren vermeintlich besten Jahren um die fünfzig und drüber sind, wie sie sich in zwei schleswig-holsteinischen Dörflein getroffen haben, um Song für Song dieses Albums gemeinsam zu entwickeln, zu komponieren, aufzunehmen, mit allem, was dazugehört, also trinken, rauchen, sich nerven, fachsimpeln.

Die Antwort darauf? Negativ. Aber weil das alles so ist, macht es einige Laune, dieses Buch zu lesen und manchen Song der Band zu hören; einer Band, die sich die Gruppe OIL nennt und Album wie Buch „Naturtrüb“ genannt hat.(Verbrecher Verlag, Berlin 2020. 220 S., 20 €./Album bei Zickzack)

Die Gruppe OIL, sie besteht aus den Musikern Reverend Christian Dabler und Maurice Summen, dem Musiker und Zeichner Timur Mosh Cirak sowie dem Autor und manischen Plattensammler Gereon Klug, allesamt in Berlin oder Hamburg beheimatet. Immer abwechselnd beschreiben sie nun in Form von Tagebucheinträgen, wie es ihnen beim Leben, Proben und Aufnehmen so ergangen ist und was sie sich in ihrem stillen Kämmerlein auf dem stillen Land so denken, in Heidmoor, dann in Stöfs, schließlich noch zwei weitere Male in Heidmoor.

Von der Band Guided By Voices gibt es nur 228 gute Songs

Es dreht sich einiges um die Wohnsituation, um die Zubereitung eines guten Mokka morgens oder einfacher Nudelgerichte mittags. Ein Hund ist auch dabei, Emma, und dieser Hund hat gar eine dramaturgische Funktion. Denn Emma verschwindet eines Nachts. Was den Herren viele Sorgen bereitet, erst recht als sie merken, dass die Jäger der Umgebung auch schon verschärft auf Suche sind. Soll man verraten, was Emma da draußen treibt? Sie kommt in „Naturtrüb“ zweimal zu Wort, und, ja, so viel sei verraten: Es wird alles gut.

Vor allem aber geht es in diesem Buch natürlich ums Musikmachen zum einen, etwas weniger, zum anderen um überflüssiges Pop-Wissen, schon mehr. Zum Beispiel, dass Todd Rundgren das Meat-Loaf-Album „Bat out of hell“ mitproduziert hat. Oder dass es von Guided By Voices nur 228 gute Songs gibt. Oder dass Garagenrock eines der größten Missverständnisse in der Popgeschichte ist.

Der Ton der Einträge ist heiter, zuweilen ironisch. Man versucht, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Dass das Ganze nicht nur Spaß ist, merkt man besonders bei Maurice Summen, der mit Staatsakt auch ein ganz ordentlich funktionierendes Label mit einigen ordentlichen Bands betreibt und sich bisweilen Gedanken über die potenzielle Markttauglichkeit der Gruppe macht.

Aber auch über den Anachronismus, in einer Zeit, in der das Modell Band null Konjunktur hat, ein Bandprojekt ins Leben zu rufen, ein so analoges dazu: Kann nicht jeder seinen Kram inzwischen selbst zu Hause produzieren?

Die Songs heißen "Wichsbold" oder „Mann ohne Abschlussschwäche"

Aber was sollen sie machen? „Wir sind weder Afroamerikaner noch sind wir Frauen. Wir sind männliche, weiße Heteros, die relativ wenig aus ihrer privilegierten gesellschaftlichen Situation gemacht haben.“ Kurzum: alte, weiße, machtlose Männer. Das Wissen darum macht sie sympathisch.

Doch bei allem Humor, allem lustigen Nachdenken über die eigene Midlife-Crisis, allem reflektierten Nerdtum, all dem Glauben, „nicht allzu „Testosteron-abhängig“ zu sein, „aber eindeutig eine Männerband“: In feministischen Belangen ist die Gruppe OIL nicht ganz auf der Höhe der Zeit, da gibt es so manchen ranzigen, schwitzigen Witz. „Alles Muttis, außer Nutten“, heißt es zum Beispiel in „The Finest in Masturbation“; „Mann ohne Abschlussschwäche“ oder „Wichsbold“ sind Titel anderer Songs. 

Deren Lyrics argumentiert Gereon Klug gleich ganz nach vorn, indem er das „spießige Humorverständnis von konservativen Erwachsenen“ geißelt. Die würden sich über ach so „schöne Worte“ wie „Wichsbold“ nur aufregen, „weil sie sich und ihre öde Wortwahl für die edlere Lebensvariante halten“. Dann lieber gleich, oh Gott!, oh Deichkind!, ein Vergleich zwischen Songtiteln und Kondomen: „Geil, dass man sie hat, aber auch geil, wenn man sie wegschmeißt.“ Na ja. Nach solchen Sätzen hört man doch lieber Musik, die niemand braucht, die elektronisch schön vor sich hinpluckert, die ein bisschen was von Trio hat, ach, überhaupt ein bisschen von allem und nichts, die sich vor allem nicht so ganz arg ernst nimmt. Wenn sie dann noch singen „We are Oil“, klingt das wie „We are oll“, und das ist doch ganz schön selbstironisch.

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