Altstadtrenovierung : Was Berlin beim Städtebau von Frankfurt lernen kann

Frankfurt am Main hat seine im Bombenkrieg zerstörte Altstadt wiederaufgebaut. Auch Berlin kann etwas von dem aufwendigen historistischen Projekt lernen.

Aus Alt mach Neu. Zahlreiche Häuser der Frankfurter Altstadt sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Die Stadt hat sie wieder aufgebaut.
Frankfurt hat zahlreiche Häuser der im Krieg zerstörten Altstadt wieder aufgebaut.Foto: dpa/Boris Roessler

In Frankfurt am Main war zuletzt Merkwürdiges zu beobachten. Mitten in der Innenstadt fiel ein Bauzaun, neu eröffnet wurde ein Stück „gewachsene Stadt“. Anderswo wächst eine Stadt, indem einzelne Häuser nach und nach errichtet, renoviert, abgerissen und durch neue ersetzt werden. Hier ist alles anders – und gefährlich nahe am historischen Vergnügungspark. Der alljährliche Mittelaltermarkt mit falschen Gauklern und echtem Wikinger-Met-Ausschank wird wohl nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Wie es dazu kommen konnte? Die Frankfurter hatten sich mit ihrem Technischen Rathaus nie anfreunden können, ein Sichtbetongebirge, das sich in den frühen siebziger Jahren zwischen Dom und Römer wie ein Kuckuckskind in der Innenstadt breitgemacht hatte. Für eine anstehende Generalsanierung mochte niemand mehr Geld ausgeben, und so wurde der herrische Kasten abgeräumt – bis auf die Tiefgarage. Die war ganz praktisch, was auch immer Neues darauf entstehen würde.

Oder Altes, denn es sollte wieder das Bild der im Bombenkrieg ausgelöschten Altstadt erstehen. Die alten Pläne wurden aus dem Archiv geholt, die Gassen und Parzellen eingescannt und dem neuen Plan zugrunde gelegt. Architektenwettbewerbe wurden veranstaltet, schließlich sollten 15 Häuser rekonstruiert und 20 Neubauten errichtet werden, deren Gestaltung sich an eine rigide Satzung zu halten hatte, was ein gestrenger Gestaltungsbeirat mit Christoph Mäckler an der Spitze akribisch beäugte. Jetzt gibt es wieder den Hühnermarkt, den Rebstockhof, die Neugasse, Hinter dem Lämmchen und den Markt-Krönungsweg zum Dom.

Zurück zum Alten lautet die Devise in Frankfurt

Am Nordrand des Quartiers entlang der Braubachstraße galt es, auf den historistisch geprägten Straßenzug mit fünfgeschossigen Stadthäusern zu reagieren. Die hier entstandenen Neuschöpfungen geben sich neoklassizistisch bis zur Selbstverleugnung, aber sie passen nahtlos. Im Inneren des Quartiers sind unter den Neuentwürfen problematischere Einzelfälle zu finden, von allzu Verspieltem bis hin zu archetypisch strengem Rationalismus, der in einem solchen Ambiente wahrlich nichts zu suchen hat.

Aber auch diese Einzelfälle sind zu verschmerzen, reihen sie sich doch in die bunte Mischung aus verputzter, verschieferter, sandsteinverkleideter Vielfalt ein. Ehrlicherweise muss man sagen, historische Authentizität vermisst nur der Kenner, der aufmerksame Flaneur. „Wo Häuser Geschichten erzählen“, übertitelte die „Frankfurter Allgemeine“ ihren Bericht. „Wo Häuser über Geschichte plaudern“ wäre wohl treffender. Denn originäre Geschichten haben sie nicht zu bieten.

Oder nur ein wenig. Denn immerhin hat sich die kommunale DomRömer GmbH als Bauherr bemüht, bei den Rekonstruktionen auch auf historische Bauweisen zurückzugreifen, auf Holzfachwerk zumal, mit Hilfe alter, von weither zusammengetragenen Eichenbalken. Das ist umso verdienstvoller, als es an Schwierigkeiten nicht mangelt, die mit den heutigen Bauvorschriften zu tun haben, mit Brandschutz und statischen Erfordernissen, mit Normen und Zulassungsfragen sowie mit dem Zusammenspiel der historischen Baustoffe mit modernen Materialien und Konstruktionsweisen.

Man findet Handwerkskunst von höchster Qualität

So findet man also hier und da geschnitzte Balken, scharrierte Sandsteine, Schmiedekunst und Stuckwerk von erstaunlicher handwerklicher Qualität, wenngleich Kunsthistoriker die Nase rümpfen, wenn sie Stilunsicherheiten entdecken, falsch dimensionierte Bauteile oder Details aus falschen Epochen.

Das Bemühen, es besser zu machen als die Dresdner mit ihrer neuen, allzu synthetischen Altstadt rings um die Frauenkirche, ist erkennbar. Das betrifft auch die Nutzung des Quartiers, denn einen fast ausschließlich touristischen Rummel wie in Dresden wollte Frankfurt vermeiden. Nun sorgt ein gezieltes, von Gewinnmaximierungszwängen befreites Quartiermanagement dafür, dass Billiggastronomie sowie Ramsch- und Nippesverkäufer keine Chance haben, Geschäftsräume zu mieten. Das Quartier soll in die Innenstadt einwachsen, vernetzen, ein Ort auch für Frankfurter und einer zum Wohnen werden, nicht einer mit Zweit- und Ferienapartments. Das könnte gelingen, wenngleich die Preise für die Häuser und Wohnungen von 5000 Euro pro Quadratmeter an stramm aufwärts natürlich eine homogene Bewohnerschaft der gehobenen Klientel zur Folge haben dürfte.

Angesprochen sind ohnehin vor allem Liebhaber, denn die enge Bebauung in der städtebaulichen Struktur des 16. Jahrhunderts und die Absicht, die Häuser auch in ihrer inneren Raumstruktur dem historischen Vorbild nachzubilden, lassen moderne Wohnformen und heute übliche Standards inklusive Barrierefreiheit nicht zu. Dunkle Altstadtwohnungen mit kleinen Zimmerchen sind entstanden, fast alle ohne Balkone oder Terrassen.

Berlin kann von Frankfurts Stadtumbau lernen

Die neue Altstadt Frankfurt kann dennoch auch ein interessantes Experiment für Berlin sein. Für das hiesige Rathausforum gibt es Bebauungsvorschläge verschiedenster Art, auch den der Rekonstruktion des mittelalterlichen Straßengefüges. Und gleich nebenan existierte mit dem Nikolaiviertel ein weiteres Anschauungsbeispiel dafür, wie schon zu DDR-Zeiten auf dem alten Stadtgrundriss ein dichtes und urbanes Stadtviertel rekonstruiert wurde. Da die sozialistische Planwirtschaft sich aber nicht in der Lage sah, mit konventionellen Bautechniken individuelle Häuser zu liefern, wurde viel Mühe darauf verwendet, den Plattenbausystemen altstadtkompatible Häuser abzuringen.

So scharen sich rings um die Nikolaikirche Häuser in moderner Architektursprache in lockerer Mischung mit translozierten historischen Häusern. Weil sie nicht dem Zugriff eines kapitalistischen Immobilienmarkts ausgesetzt waren, konnten sich dort die heute so ersehnten kleinteiligen funktionalen und sozialen Strukturen entwickeln. Einschließlich einer Bewohnerschaft, die mehr oder weniger den Bevölkerungsdurchschnitt abbildete.

Diese lebendige Urbanität sichernde Mischung ist auch das erklärte Ziel der gegenwärtigen Senatspolitik für die Innenstadt. Die dazu ergriffene Mittel und die „Produktionsverhältnisse“ sind für dieses Ziel freilich ungeeignet. Wenn man die Planung den Zufällen des Grundstücksmarkts und den Gesetzen der ausschließlich profitorientierten Immobilienwirtschaft überlässt, entstehen urbane Monostrukturen ohne Lebensqualität für die Stadtbürger.

Nutzungsmischung muss gesteuert werden

Was also von Frankfurt zu lernen ist: Für ein urbanes Leben, wie man es sich im Kern einer Stadt rings um das Rathaus wünscht, sorgt am besten ein Ensemble abwechslungsreicher Straßen- und Platzräume und, fast noch wichtiger, eine kleinparzellige Bebauung mit größtmöglicher Nutzungsmischung. Diesen Prozess kommerziell, planerisch und schließlich im Quartiersmanagement zu steuern, ist wohl nur mit einer kommunalen Gesellschaft wie der DomRömer GmbH zu machen.

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Was man, siehe Frankfurt und Dresden, aber eher vermeiden sollte, ist der Versuch, die Sträßchen und Fassaden Eins zu Eins rekonstruieren zu wollen. Das führt zu Puppenstubenromantik und zu Weihnachtsmarktkulissen. Und es erschwert die Planung moderner, gut geschnittener, gut belichteter, barrierefreier Wohnungen. Gefragt sind auch für Berlin Architektenentwürfe, die hohe urbane Dichte mit zeitgemäßer Wohn- und Lebensqualität verbinden. Wie das gehen könnte, wissen die Architekten. Die amtliche Stadtplanung muss es nur der Immobilienwirtschaft abverlangen. Es scheint eine Frage der Emanzipation zu sein. Da könnte man als Bürger und Wähler ein wenig nachhelfen.

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