• Anfänge der Achtsamkeitsbewegung: Wie eine Berliner Jüdin Pionierin der „Mindfulness“ wurde

Anfänge der Achtsamkeitsbewegung : Wie eine Berliner Jüdin Pionierin der „Mindfulness“ wurde

Carola Spitz floh in den 1930ern vor den Nazis in die USA. Dort wurde sie Atemtherapeutin - und zur Wegbereiterin einer Bewegung, die heute aktiver ist denn je.

Ein bewegtes Leben. Im Berlin der Weimarer Republik war die 1901 geborene Carola Spitz Teil der Lebensreformbewegung, im Exil arbeitete sie als Atemtherapeutin.
Ein bewegtes Leben. Im Berlin der Weimarer Republik war die 1901 geborene Carola Spitz Teil der Lebensreformbewegung, im Exil...Foto: Nachlass C. u. O. Spitz

Kann eine Frau durch bewusstes Atmen ihren Mann aus dem Gefängnis befreien? Im September 1937 holen zwei Gestapo-Männer Otto ab, einfach so, aus der Wilmersdorfer Wohnung. Wochenlang wird er im Polizeipräsidium am Alexanderplatz festgehalten, zusammen mit einer Gruppe von Zeugen Jehovas, die sich geweigert haben, zu Hitler „Heil“ zu sagen, weil das Wort allein für Gott bestimmt ist.

Otto ist weder politisch noch religiös aktiv. Er ist Zigarettenfabrikant, tschechischer Staatsbürger – und Jude.

Carola, Ottos Frau, atmet tief durch und nimmt sich einen Anwalt. Der organisiert ein Treffen im Hotel Adlon mit einem Amerikaner, der viel Geld verlangt, dafür aber einen Termin beim tschechischen Botschafter beschaffen kann.

Am 20. Februar 1938 kommt Otto frei, 24 Stunden später sitzt das Ehepaar Spitz im Zug nach Prag. Über Amsterdam und Paris werden sie zwei Jahre später schließlich New York erreichen.

Ohne ihre Atemtechnik, davon ist Carola Spitz überzeugt, hätte sie die schreckliche Situation nicht meistern können. Das erzählt sie später ihren Enkeln. Und die wiederum erzählen es Christoph Ribbat, dem deutschen Anglistikprofessor, der sich für das Leben dieser 1901 geborenen Frau interessiert, die im Berlin der wilden Zwanziger Teil der Lebensreformbewegung war und als Exilantin in den USA dann zu einer der Pionierinnen der Achtsamkeitsbewegung wurde.

[Christoph Ribbat: Die Atemlehrerin. Suhrkamp, Berlin 2020, 192 Seiten, 22 €.]

Carola wächst in einem wohlhabenden, liberalen Elternhaus auf. Ihren Plan, Gymnastiklehrerin zu werden, finden die Eltern allerdings sehr gewagt. Die Tochter aber setzt sich durch, macht die Ausbildung, beginnt zu unterrichten – und lernt 1926 Elsa Gindler kennen, die ihre Meisterin wird.

Die will den Schülerinnen nicht nur Bewegungsabläufe beibringen, sondern eine bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers. In Gindlers „Schule für harmonische Gymnastik“ in der Kurfürstenstraße sitzen die Kursteilnehmerinnen still beisammen, konzentrieren sich auf den Fluss, den die Atemluft durch ihre Körper nimmt.

Carola begeistert sich für die Gindler-Methode, macht sich selbstständig, gibt ihr Wissen weiter, erst in Friedenau, nach der Heirat mit Otto Spitz 1932 dann in der Brandenburgischen Straße. Bis die Gestapo-Männer kommen.

Weil sie wohlhabend sind, ist für die kleine Familie die Flucht nicht traumatisch, können sie ohne größere Sorgen im Exil neu starten. Die Atemlehrerin ändert ihren Nachnamen in Speads – weil sich Spitz im Englischen zu sehr nach „speien“ anhört – und richtet in ihrem Wohnzimmer das Studio of Physical Re-Education ein.

Selbstoptimierung kommt in Mode

Ein doppelt gewagter Schritt. Denn zum einen gelten gerade die Deutschen in New York als steif und viel zur förmlich. Und zum anderen ist sie mit ihrem Konzept der Achtsamkeit mindestens zwei Jahrzehnte zu früh dran.

Erst ab den Sechzigern werden Frauen den Geburtsprozess mit Atemübungen unterstützen, in den Siebzigern breitet sich die therapeutische Kultur in den USA aus, kommt die Selbstoptimierung in Mode, in allen Facetten von Jogging bis Meditation.

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1978 wird auch Carola Speads von einem Verleger gebeten, ihr Wissen zwischen zwei Buchdeckeln auszubreiten. Doch sie landet keinen Bestseller. Ein besseres Leben in 14 Tagen, so was kann, so was will sie den Lesern nicht versprechen.

Ernsthaft und unspektakulär ist ihr Ratgeber, auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, ganz so wie ihr Unterricht. Die Schüler werden nicht gecoacht, sondern sollen selber herausfinden, welche der Übungen gut für sie sind. Die können sie dann überall machen, selbst bei der Fahrt in der überfüllten Subway.

Selbst nach einem Schlaganfall gibt sie weiter Unterricht

Innere Ruhe zu finden in der Großstadthektik, ist für die Bewohner der city that never sleeps eine Sehnsucht und zugleich eine echte Herausforderung. Zu sehr sind die allermeisten getrimmt auf Ehrgeiz und Effizienz.

Doch wer den Weg zu Carola Speads findet, in den zehnten Stock von Rossleigh Court, an der Ecke Central Park West und 85th Street, der erlebt eine Frau von auratischer Ausstrahlung, die die meiste Zeit über schweigt, aber doch alles sieht, jedem Kursteilnehmer individuell helfen kann, seine Verkrampfungen zu lösen.

Mit 94 Jahren erleidet sie einen Schlaganfall, muss im Rollstuhl sitzen und gibt doch weiter Stunden, bis zu ihrem Tod 1998.

Panorama einer bewegten Zeit

Dass Christoph Ribbat das Leben der Atemlehrerin nicht chronologisch abhandelt, sondern unablässig mit Vor- und Rückblenden arbeitet, Perspektiven und Sprechhaltungen wechselt, verwirrt zunächst. Weil diese Collagetechnik im größtmöglichen Widerspruch mit dem Streben nach innerer Ausgeglichenheit zu stehen scheint, um die sich in Carola Spitz’/Speads’ Biografie alles dreht.

Und doch ist diese geradezu atemlose Schnitttechnik ein kluger Kunstgriff. Weil Ribbat damit en passant jede Menge Hintergrundinformationen einstreuen kann, die nötig sind, um die privaten Ereignisse in gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen.

So entsteht das Panorama einer bewegten Zeit, vom wilden Nebeneinander der Lebensentwürfe in der Weimarer Republik bis hin zum Konkurrenzkampf der Therapiekonzepte im New York der zweiten Jahrhunderthälfte. Dass dadurch stets die volle Aufmerksamkeit des Lesers gefordert ist, hätte der Protagonistin zweifellos gefallen.

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