Aphorismen für die Quarantäne : Warum Franz Kafka im Hausarrest eine Chance sähe

Einsamkeit und Stille waren für den Schriftsteller ein Segen. Sein Denken hilft uns, anders über die gegenwärtige Lage nachzudenken.

Steffen Damm
Habituelle Distanz. Franz Kafka hielt die Welt aus Prinzip auf Abstand.
Habituelle Distanz. Franz Kafka hielt die Welt aus Prinzip auf Abstand.Foto: Archiv

Gegen Ende des Jahres 1920 notiert Franz Kafka einen Aphorismus, der vor dem Hintergrund unserer gegenwärtigen Lebensumstände in neuem Licht erscheint: „Es ist nicht notwendig, daß Du aus dem Haus gehst. Bleib bei Deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich Dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor Dir winden.“

Der Philosoph Hans Blumenberg erwähnt die Notiz, die erstmals 1953 von Max Brod in dem Nachlassband „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ veröffentlicht wurde, im Zusammenhang seiner metaphorologischen Untersuchungen zur „nackten Wahrheit“, die seit vergangenem Jahr vorliegen.

„Einer, der sich schmerzhaft seiner Sichtbarkeit bewußt“ gewesen sei, spreche in wenigen Zeilen den größten Ratschlag aus, „der diesem Zeitalter gegeben worden ist“.

Er lautet: Bleib zu Hause, denn die Welt jenseits der eigenen vier Wände wird auf Nichtbeachtung mit „kriechender Unterwürfigkeit“ reagieren und dadurch ihren wahren, schamlosen und betrügerischen Charakter offenbaren, den Kafka als geistiger Mensch nicht erträgt.

Nicht zuletzt deshalb, weil sein eigener Körper nolens volens Teil der Natur ist. „Das Leben in der Welt ist unausweichlich“, heißt es an anderer Stelle des 109 Zettel umfassenden Aphorismen-Konvoluts, das Kafka 1918 im böhmischen Zürau aus seinen Oktavheften zusammengeschnitten und gut zwei Jahre später in Prag mit acht Zusätzen, unter anderem dem hier zitierten, abgeschlossen hat.

Soziale Distanz als existentielle Abwehrhaltung

Die Metapher der „nackten Wahrheit“ hat bei Kafka auch eine persönliche, psychologische Dimension, die den erotischen Unterton seiner aphoristisch komprimierten Weltsicht sublim erweitert. Blumenberg knüpft seine Deutung an einen Satz Milena Jesenskás an, die ihren Freund in einem Brief an Brod als „Nackten unter Angekleideten“ beschreibt.

Kafkas „Wahrhaftigkeit (veracitas)“, seine gewählte „Daseinsform des Aufbegehrens gegen die Welt als Betrug“, gehe mit Scham und vollkommener Schutzlosigkeit einher, mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins an die Fremdheit seiner Lebensbedingungen, um das es nach Blumenbergs Auffassung in seinen literarischen „Imaginationen“ elementar geht.

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Aus dem Haus zu treten, ist unter solchen Voraussetzungen „der erste Schritt der Selbstentblößung, der Entkleidung, Schälung, Enthäutung“. Social Distancing dagegen eine existentielle Abwehrhaltung gegen das Herandrängen der sinnlich-merkantilen Welt, die alles Fleischliche überhöht und den Menschen schon allein durch seine leibliche Bedürftigkeit kompromittiert.

Dessen liebenswerte Eigenschaften, die Kafka ihm nicht prinzipiell abspricht, können in dieser – allerdings von ihm selbst geschaffenen – Umwelt nicht zur Entfaltung kommen.

Kafka macht es leichter, das Wesentliche zu erkennen

Die Zürauer Aphorismen sind keine Anleitung zum besseren Ertragen von Kontakt- oder Ausgangsbeschränkungen. Sie könnten aber womöglich dazu beitragen, in dem Ausnahmezustand, in den wir bis auf Weiteres versetzt sind, noch etwas anderes zu sehen als einen aufgezwungenen Verzicht.

Es ist ja schon nach wenigen Wochen erkennbar, dass der Stillstand des Betriebs den Blick auf die Grundlagen unseres Zusammenlebens nach Maßgabe der kapitalistischen Fortschrittslogik schärft.

Nun ist die habituelle Distanz eines notorischen Einzelgängers, der körperliche Nähe dem Vernehmen nach schwer zulassen konnte, mit einem kollektiven Stubenarrest nur schwer zu vergleichen. Aber wer weiß, vielleicht fällt es „völlig still und allein“ tatsächlich leichter, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.

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