"Aufstehen"-Sammlungsbewegung : „Die Angst war vorher da“

Der Dramaturg Bernd Stegemann ist "Aufstehen"-Vordenker. Ein Gespräch über die soziale Frage sowie den Unterschied zwischen Politischem und Politik.

Stegemann und Wagenknecht im September in der Bundespressekonferenz.
Stegemann und Wagenknecht im September in der Bundespressekonferenz.Foto: picture alliance/dpa

Bernd Stegemann, geboren 1967 in Münster, ist Professor an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und Dramaturg am Berliner Ensemble. Zuvor war er am Deutschen Theater Berlin und an der Schaubühne tätig. Seit August ist er auch Vorsitzender des Vereins, der Sahra Wagenknechts linke Sammlungsbewegung „Aufstehen“ trägt. Vor seinem Engagement in der Politik hat Stegemann sich theoretisch mit neuen gesellschaftlichen Tendenzen und der Rolle des Theaters befasst. 2015 veröffentlichte er das Buch „Lob des Realismus“, 2017 „Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie“.

Herr Stegemann, über Ihr politisches Engagement in der linken Bewegung „Aufstehen“ ist viel berichtet worden. Es wirkt, als seien Sie überrascht, in welchen Trubel Sie da geraten sind. Bereuen Sie es schon?

Bereuen auf gar keinen Fall. Überrascht bin ich allerdings, und zwar über den Wind, der im sogenannten politischen Diskurs weht. Man hat das Gefühl, viele warten nur darauf, Äußerungen falsch zu verstehen, um sie gegen einen verwenden zu können. Das ist im Theater so nicht der Fall. Da dürfen Sätze durchaus doppeldeutig, ironisch, uneigentlich gemeint sein – sowohl auf der Bühne als auch hinter den Kulissen. Ästhetik hat ja ihrem Wesen gemäß eine fast fundamentalistische Uneindeutigkeit. Dieser Gestus wird in der politischen Kommunikation überhaupt nicht akzeptiert, sondern als Einladung genommen, dir in die Fresse zu hauen.

Theaterleute sind gern politisch, grenzen sich aber von der Tagespolitik ab. Gilt dieser Unterschied für Sie nicht?

Es sind zwei verschiedene Sphären, das Politische und die Politik. Ich kann im Prinzip jeden Raum zu einem politischen machen, indem ich Widersprüche öffentlich zur Verhandlung stelle. Das ist natürlich noch nicht Politik. Die ist tatsächlich gekoppelt an Macht. Wer hat das Amt, wer die Mehrheit, wer darf das Gesetz erlassen? Je mehr ich mich mit Politik befasse, desto mehr verstehe ich die Scheu derer, die lieber im Raum des Politischen bleiben möchten. Er ist viel freier und viel schöner – in einem ästhetischen Sinne.

Und obendrein verantwortungsloser.

Verantwortungslos im Sinne von machtlos, ja. Die Machtlosigkeit ist womöglich die Bedingung für Kunst. Wenn die Kunst anfängt, nach Macht zu schielen, wird sie tendenziös. Der Erbauer des Petersdoms, die Maler der Päpste – reine Machtkunst, begleitet von obszönem Reichtum. Die Moderne hat dazu ja klare Unterscheidungen getroffen, denken Sie an die Künstlerkritik des 19. Jahrhunderts: Der Künstler ist derjenige, der nicht dazugehört, sein Ruhm sollte sich nie in Macht umsetzen. Sobald das eben doch geschieht, wird es problematisch.

War Ihre Theatererfahrung in der Politik schon nützlich?

Ich bin geschult darin, öffentliches Sprechen zu verstehen. Ich lasse mich nicht überwältigen, nur weil ein Politiker das Temperament-Pedal tritt. Das sind für mich schauspieltechnische Mittel, die ich seit 25 Jahren täglich erlebe und von denen ich weiß, wie kalt sie hergestellt werden müssen, damit sie wirken. Da gucke ich nüchterner.

Hilft das auch, um die AfD wirksam anzugreifen?

Es hilft, um nicht auf jede Provokation hereinzufallen. Unser Ziel ist eine Befreiung aus der rechten Geiselhaft, indem wir eine linke Alternative so stark machen, dass die Leute sie der AfD vorziehen. Wenn ich mich auf das Spiel des Ressentiments einlasse, bin ich gezwungen, selbst ins moralisierende Ressentiment zu gehen. Da kann man nichts gewinnen.

Trotzdem wird „Aufstehen“ gern als AfD von links bezeichnet. Und die Bewegung hat Fans wie Alexander Gauland.

Eine Frau Petry oder ein Herr Gauland sind intelligent genug, um zu wissen, dass ein Lob von ihnen den Gelobten schadet. Leider trifft das vergiftete Lob auf allzu offene Ohren, bei einem bestimmten Teil des linken Spektrums, das sich nur noch auf Fragen der Symbol- und Anerkennungspolitik fokussiert, auf Rassismus, Sexismus. Für dieses Lager ist jede Frage nach sozialer Politik Hochverrat an seinem Auftrag.

Ein Angebot, sich moralisch zu fühlen, machen doch auch die meisten Theater.

Die Theater gehören zu einem hohen Prozentsatz zu diesem identitätspolitischen linken Flügel. Aber ich werde nicht müde zu fragen, wo die materiellen Gründe für Diskriminierung verhandelt werden.

Erklären Sie diesen vermeintlichen Gegensatz doch bitte mal genauer.

Einer interessanten Theorie zufolge haben sich die linken Kräfte in den Neunzigern mit dem Erstarken von Globalisierung und Neoliberalismus ein neues Betätigungsfeld gesucht. Weil sie merkten, dass ihnen die Mittel aus der Hand genommen wurden, die soziale Frage noch machtpolitisch zu stellen, haben sie sich auf das neue Feld der symbolischen Anerkennung verlegt. Damit haben sie unwillentlich ein Bündnis geschlossen, das Nancy Fraser „progressiven Neoliberalismus“ nennt: Alle Menschen sind gleich, wir dürfen niemanden diskriminieren, denn das hieße ja letztlich nur, Menschen aus dem Konsumentenkreis und dem Arbeitsmarkt auszugrenzen. Das darf aus kapitalistischer Sicht natürlich nicht sein.

Und was folgt daraus?

Für diejenigen Menschen, die sich vom ökonomischen Neoliberalismus an den Rand gedrängt fühlen, wirkt es, als seien die Minderheitenrechte Teil davon. Das muss man wieder auseinander schnüren: Gegen Diskriminierung – aber auch gegen Kapital-Deregulierung. Menschen dürfen nicht denken, sie kämen zu kurz, weil etwas gegen Diskriminierung unternommen wird. Das ist der Kurzschluss, den die Rechten befeuern.

Diskriminierung und Ausgrenzung sind real. Finden Sie es nicht wichtig, dagegen zu empowern?

Es ist wichtig, und gleichzeitig ist es eine Blase, die da empowert wird. Das ist ja der Sinn von Identitätspolitik – eine bestimmte Minderheit zu bestärken. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, aber man darf dabei nicht stehenbleiben, denn dann verhärten sich die Fronten zwischen den einzelnen Communities. Wenn Identitätspolitik nicht ein Zwischenschritt zu einer allgemeineren Gleichheit ist, sondern ein Selbstzweck wird, spaltet sie statt zu solidarisieren.

Muss man, um zu dieser Gleichheit zu gelangen, auch dem rechten Populismus einen linken entgegensetzen?

Es bringt nichts, gegen das Rechte mit den Waffen des Rechten zu kämpfen. Entscheidend ist für mich, dass die Rechten an einem bestimmten Punkt anzugreifen sind: der sozialen Frage. Die AfD ist als Lucke-Partei aus einem Hardcore-Neoliberalismus hervorgegangen. Interessant ist, wie dort die Rentenfrage verdrängt wird. Die ist für die AfD das, was die Migrationsfrage für die CDU ist. Und daran wird sie hoffentlich zerbrechen.

Und wenn man mit der materiellen Frage am Ende nicht weiterkommt?

Dann sehe ich schwarz. Man muss doch die Verhältnisse verändern, damit die Leute weniger Angst vor der Zukunft haben. In den Siebzigern hieß es: 35-Stunden- Woche und der ausländische Mitarbeiter soll vernünftig behandelt werden. Das war ein Paket der Gewerkschaften, das emotional verstanden wurde. Das Paket, das der Neoliberalismus schnürt, besagt: In China arbeiten auch alle 50 Stunden die Woche, außerdem musst du deine Sprache politisch korrekt im Griff haben. Das löst nur Wut aus.

Und deshalb soll man die Ängste der Menschen ernst nehmen, wie es mantramäßig heißt? Das signalisiert doch, es gäbe Anlass zur Sorge. Vor Geflüchteten vor allem.

Die Angst entsteht nicht, weil plötzlich der Geflüchtete nebenan wohnt. Die Angst war vorher da. Weil Sorge um den Arbeitsplatz besteht, vor Überschuldung, um die Zukunft der Kinder. Plötzlich kommt ein Politiker, der sagt, übrigens, die Ursache all deiner Ängste ist der fremde Mensch, der nebenan wohnt. Das ist Sündenbock-Theorie.

Sahra Wagenknecht richtet sich doch auch gegen „offene Grenzen“. Wegen der angeblichen Forderung danach hat sich „Aufstehen“ schließlich nicht an der großen #Unteilbar-Demo in Berlin beteiligt.

Mitglieder von „Aufstehen“ haben sich an der Demo beteiligt. Sahra Wagenknecht versucht als eine der wenigen Linken die eben beschriebenen Unterscheidungen zu Politik zu machen. Dass man sie verkürzt und missverständlich interpretieren will, ist bedauerlich. Und außerdem können diejenigen, die „Aufstehen“ diffamieren wollen, die Frage, wie sie den Sozialstaat in einer grenzenlosen Welt erhalten wollen, nicht beantworten.

Es gab ja immer schon ideologische Überschneidungen zwischen dem rechten und dem linken Rand. Wie lässt sich verhindern, in so einer Sammelbewegung die Falschen einzusammeln?

In unserem Programm steht klar, dass wir für eine soziale Frage stehen und gegen alle Arten von Diskriminierung sind. Jeder, der gerade die hegemoniale Zusammenarbeit von Moral und Kapitalismus kritisiert, muss sich in einer bestimmten Weise aus einem grobianischen Vokabular bedienen, auf den Putz hauen, um Gehör zu finden. Dass da manchmal ähnlich klingende Dinge gerufen werden – das ist dann so. Trotzdem ist sehr Unterschiedliches damit gemeint. Der entscheidende Punkt, warum ich mich bei „Aufstehen“ engagiere, ist der Versuch, linke Politik wieder als Sozialpolitik zu machen.

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