August Gaul im Käthe-Kollwitz-Museum : Zeugen der Geschichte

Löwen, Schweine, Bären: Das Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin zeigt anlässlich dessen 150. Geburtstag Arbeiten des Tierbildhauers August Gaul.

Elke Linda Buchholz
Eine Löwin des Tierbildhauers August Gaul, der dieses Jahr 150 Jahre alt geworden wäre
Eine Löwin des Tierbildhauers August Gaul, der dieses Jahr 150 Jahre alt geworden wäreFoto: Käthe-Kollwitz-Museum

Kaum streichholzschachtelgroß ist das Schwein. Es legt die Ohren an, gespannt vom Rüssel bis zum Ringelschwanz. Ein Schwein, sonst nichts: Saumäßig gut getroffen und 1914 in Bronze verewigt von August Gaul. Aber könnte es nicht auch ein Glückssymbol sein? Des Bildhauers Idee, so ein Hausschwein in kapitaler Größe als Brunnenfigur auf den Wittenbergplatz zu hieven, irritierte die Berliner.

Die Ausführung unterblieb. Auch Münster wollte weder Gauls lebensecht modellierte Seelöwen noch die „Kämpfenden Wisente“ im Stadtraum sehen.

Dass der Berliner Bildhauer statt wilhelminisches Denkmalspathos zu liefern, erfrischend realistische Tiere in klassische Bronze goss, war gewöhnungsbedürftig. Aber auf den Kaminsimsen und in den Villengärten der großbürgerlicher Sammlerelite hielt Gauls Bronze-Zoo früh Einzug.

Die berühmten Kollektionen von Eduard Arnhold, Rudolf Mosse und anderen betuchten Modernesammlern zerstreute die NS-Judenverfolgung.

In vollem Lauf stürmt sein Vogel Strauß voran

Die wohl umfassendste Privatsammlung Gauls blieb beisammen. Das Käthe-Kollwitz-Museum hat die mittlerweile im Kunstmuseum Bern bewahrte Sammlung Zwillenberg zum 150. Geburtstag des Bildhauers noch einmal ausschnitthaft nach Berlin geholt. (bis 26. Januar)

Mehr als 125 teils rare Stücke trug der Justiziar des Kaufhausmagnaten Tietz zusammen, 30 exquisite Plastiken vom Reh bis zur Pinguinschar wählte Museumschefin Josephine Gabler aus.

Dass seit Gauls Tod oft minderwertige Nachgüsse den Markt überschwemmen, ärgert die Kennerin. Denn der Steinmetzsohn und ausgebildete Silbermodelleur selbst legte höchsten Wert auf perfekte Ausführung.

Mit der frisch gegründeten Bronzegießerei Hermann Noack arbeitete der junge Gaul seit 1897 eng zusammen. Hier ein goldtauschiertes Fasanenauge, da ein feinziseliertes Bärenfell verraten Akribie. Über die Persönlichkeit des zurückhaltenden Gaul weiß man wenig, Käthe Kollwitz schätzte ihn als Freund und Secessionskollegen. Mit Galerist Cassirer schloss der Könner einen Exklusivvertrag, wovon beide profitierten

Seine Modelle fand Gaul im Berliner Zoo. Aber auch als Rom-Stipendiat fesselten ihn mehr als die berühmten Vorbilder der Antike die Ziegen in der Campagna. Mit Sinn für Humor gruppierte er zwei zottige Exemplare zur formvollendeten Gruppe. Solche Arbeiten machen klar, warum Gaul sich aufs Tierfach kaprizierte.

1921 starb Gaul im Alter von 52 Jahren an Krebs

Jenseits der symbolbeladenen und auch formal ausgereizten Menschendarstellung fand er hier ein frisches Feld fürs plastische Gestalten. In vollem Lauf stürmt sein Vogel Strauß voran und breitet kühn die Flügel aus, als könne er fliegen. Aller Schwerkraft zum Trotz balanciert das plastische Volumen auf schräg vorgerecktem dünnem Bein: Dynamik im Stillstand, ein formaler Parforceritt.

Leicht unterschätzt man diese Arbeiten als harmlos. Aber der 1921 an Krebs verstorbene Gaul war ein Erneuerer der Plastik und Impulsgeber der frühen Moderne.

Auch Liebermann schätzte ihn. Gauls Fischotter aus der Sammlung Hugo Zwillenberg reckt seinen ölig glatten Leib auch am Wannsee im Garten des Malers, einen frisch gefangenen Fisch quer im Maul.

Am anderen Ende der Stadt hingegen halten zwei Gaul-Löwen im Tierpark Friedrichsfelde die Stellung. Der 25jährige schuf sie als Meisterschüler von Hofbildhauer Reinhold Begas fürs Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal. Da man ihnen die kaisertreue Herrschaftssymbolik nicht ansieht, überlebten sie die DDR-Demontage des Denkmals 1950.

Die bronzenen Könige des Tierreichs wurden zu ihren lebendigen Artgenossen verfrachtet, wo sie zu Publikumslieblingen avancierten. Der „Liegende Löwe“ aus dem zerstörten Stadtpalais des Verlegers Rudolf Mosse hingegen residiert seit Kurzem in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. Seelenruhig, ein Zeuge der Geschichte.

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