Auktionshaus Grisebach : Florian Illies' leiser Abgang

Er stand für einen Generationswechsel: Florian Illies verlässt das Auktionshaus Grisebach in einer entscheidenden Phase des Umbruchs.

Angela Hohmann
Die Villa Grisebach in Charlottenburg.
Die Villa Grisebach in Charlottenburg.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Geschickt im Sommerloch platziert ist eine Mitteilung des Berliner Auktionshauses Grisebach: „Nach sieben Jahren als Gesellschafter und Geschäftsführer wird sich Florian Illies ab Anfang 2019 einer neuen Aufgabe außerhalb des Kunsthandels widmen“, heißt es dort lapidar. Eine Nachricht, die ausschließlich auf der Website veröffentlicht und nicht, wie sonst bei Grisebach, als Presseinformation verschickt wurde. Dabei ist die Nachricht ein Paukenschlag.

Niemand hätte erwartet, dass Florian Illies so schnell das Haus verlässt. Erst Anfang 2017 zog sich Bernd Schultz als Gründer des Auktionshauses mit 75 Jahren aus dem aktiven Geschäft zurück und erklärte Illies zu seinem Nachfolger, der Grisebach seither zusammen mit Micaela Kapitzky leitet. Wenn er Anfang 2019 geht, war er gerade einmal zwei Jahre als Geschäftsführer im Amt.

Von außen betrachtet wirkt Illies, der sich schon vorher als Kulturjournalist, Bestseller-Autor von Büchern wie „Generation Golf“ oder „1913“ einen Namen gemacht hatte, wie der ideale Nachfolger. Der 1974 geborene Kunsthistoriker schreibt schon mit 26 Jahren für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, wird dort Chef der „Berliner Seiten“ und wechselt zum Feuilleton der Sonntagszeitung „FAS“. 2004 gründet er das Kunstmagazin Monopol, verkauft es zwei Jahre später und wird Co-Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“. 2011 folgt der Ausstieg aus dem Journalismus. Als Illies im selben Jahr als einer von fünf Gesellschaftern bei Grisebach antritt, ist er bestens vernetzt, hat vielfältige Kontakte in die deutsche Kulturszene und ist außerdem ein Kenner der zeitgenössischen Kunst.

Niemand im Haus will sich äußern

Überrascht hat nach seinem Antritt bei Grisebach vielleicht, dass er sich zunächst auf die Kunst des 19. Jahrhunderts spezialisierte. Wenn aber nun in der Mitteilung von Grisebach zu lesen ist, er sei „vornehmlich für die Abteilung 19. Jahrhundert verantwortlich“ gewesen, „die er mit großer Kompetenz und außerordentlichem Engagement aufgebaut und zum deutschen Marktführer gemacht hat“, scheint seine Rolle doch ein wenig untertrieben. Mit dem von Schultz angekündigtem Rückzug schien Illies fest als Kronprinz installiert. Er wurde Sprecher der Geschäftsführung und übernahm außerdem die Verantwortung für die Abteilung Zeitgenössische Kunst, die er mit steigenden Umsätzen seither zur zweiten wichtigen Säule des Auktionshauses ausbaut, das lange Zeit auf die Klassische Moderne spezialisiert war. Vor allem aber ist Illies das Gesicht, das in dieser entscheidenden Phase des Umbruchs nach außen glaubwürdig den Generationswechsel verkörpert.

Florian Illies (links) mit Markus Krause und Micaela Kapitzky in der Villa Grisebach.
Florian Illies (links) mit Markus Krause und Micaela Kapitzky in der Villa Grisebach.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Angesichts dessen wirkt sein Rückzug problematisch. Es scheint schwer vorstellbar, dass Illies sich neuen Aufgaben ohne interne Verstimmungen zuwendet. Doch über die offizielle Stellungnahme hinaus will sich im Haus niemand weiter äußern. Als Mehrheitsgesellschafter hält Bernd Schultz die Geschicke des Unternehmens immer noch fest in der Hand. Illies wiederum hat das Haus in jüngerer Vergangenheit radikal modernisiert und verändert. Es kooperiert mit einigen Berliner Galerien, begibt sich mit der Fokussierung auf aktuelle Kunst jedoch auch in direkte Konkurrenz. Auch eine Ausstellung wie zuletzt mit dem Konzeptkünstler Christian Jankowski ist für Grisebach ein Spagat: Will man sich im Feld der Gegenwartskunst positionieren, ist sie vor allem als strategischer Coup zu werten. Für die konservative Klientel, die das Haus seit seiner Gründung 1986 begleitet, waren diese Arbeiten eine Herausforderung.

Gerade jetzt ist Illies' Rückzug ein Verlust

Die Herbstauktionen in diesem Jahr begleitet Illies noch – obgleich er schon im August eine neue Stelle antritt. „Interimistisch wird Micaela Kapitzky, mit der Illies in den letzten zwei Jahren die Leitung des Hauses innehatte, diese ausüben“, heißt es. Die Kunsthändlerin begann 1987 bei Grisebach, seit dem Jahr 2000 ist sie Mitgesellschafterin.

Wer Illies langfristig ersetzt, steht offenbar noch nicht fest. Dabei befindet sich das für Berlin so wichtige Auktionshaus mitten im größten Umbruch seit seiner Gründung. Die internationale Datenbank Artprice sieht Grisebach mit einem jährlichen Umsatz von 25 539 656 Dollar (21 968 651 Euro) auf Platz 18 der weltweit führenden Auktionshäuser und damit in Deutschland an der Spitze.

Illies’ Rückzug aus der Leitung gerade jetzt ist ein Verlust. Es dürfte schwierig werden, jemanden mit ähnlicher Strahlkraft zu finden, dessen Prominenz weit über den Kunstmarkt hinausreicht und der gleichermaßen für eine Verjüngung des Hauses steht. Immerhin bleibt Florian Illies ihm als Mitglied des Beirates von Grisebach verbunden.

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