zum Hauptinhalt
Auf dem Hochsitz: Zubin Mehta, 85.
© Lena Laine

Mehta dirigiert Mahler: Aus tiefem Traum bin ich erwacht

Sanft und weise: Zubin Mehta leitet die Berliner Philharmoniker durch Gustav Mahlers 3. Symphonie

Von Ulrich Amling

Mit seiner 3. Symphonie glaubte Gustav Mahler, zu einer umfassenden Einsicht in das Wesen der Welt gelangt zu sein. Das schmerzliche Erleben, das seine ersten beiden Symphonien durchweht hatte, wich zurück wie der Morgennebel im Tal. Nun war der Blick auf die Gipfel frei – ein erregender Moment, der unter Erschauern seine ganze Macht entfaltet. Das kann man als theatralischen Akt begreifen oder aber als feines Leuchten der Erkenntnis.

Zubin Mehta hat sich bei den Berliner Philharmoniker für Letzteres entschieden, und das ist nicht nur seiner fragilen Erscheinung geschuldet. Wie auf einem Hochstand überblickt er das Orchester mit sanftem Blick, ein in sich ruhendes Zentrum von Wissen und Wohlwollen. Dem 85-jährigen Maestro nimmt man ab, dass er eine Welt hinten den Kämpfen gesehen hat und eine Ahnung davon vermitteln will.

Über allem liegt ein mildes Lächeln

Die Musiker:innen kennen Mehta gut, er dirigiert inzwischen seine dritte Philharmoniker-Generation. Ihre Bereitschaft, ihm beim Weg durch Mahlers Riesenwerk alles zu geben, ist spürbar. Das zeigt sich im zerklüfteten Kopfsatz vor allem im Versuch, die auseinanderstrebenden Kräfte zu zähmen. Nichts lärmt, nichts drängt über die Kante. Mehta ist es gleich, ob er sich nach Mahlers Bauplan noch im Bereich der unbelebten Materie bewegt und sich erst unter großen Mühen in menschliche und göttliche Sphären emporarbeiten muss. Über allem liegt mildes Lächeln.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Das beschert dem Orchester viel Raum für kammermusikalische Inseln und kleine Solokonzerte im Konzert, sei es für Posaune, Horn oder Posthorn. Im dritten Satz bricht die Spannung hörbar ein, weil es hier noch einen Schritt zurückgeht, als würde ein Traum in einem Traum gespiegelt. Doch Okka von der Dameraus auch leise wunderbar tragender Mezzosopran fängt mit dem Ruf „O Mensch! Gib Acht!“ alles mühelos wieder ein. Die Choreinsätze schmiegen sich in ein großes Strömen, das mit dem Finalsatz zum eigentlichen Thema wird. Mehta widersteht der Versuchung, hier auf die Tränendrüse zu drücken – und hinterlässt in der Philharmonie ein gerührtes Publikum.

Zur Startseite