Ausstellung im Bröhan-Museum : Zukunft der Keramik

Zeremonie und Alltag: Für eine Ausstellung im Bröhan-Museum kooperieren vier europäische Kunsthochschulen, um das Potential von Porzellan auszuloten.

Björn Bernt entwarf das Modell „Churchill Reloaded“.
Björn Bernt entwarf das Modell „Churchill Reloaded“.Foto: Bröhan-Museum

Man muss aufpassen, dass man nicht zum Langfinger wird. So klar, so pur sind die Formen der Serie „Tableware“, dass sie perfekt auf jeden Esstisch passen würden. Die finnische Designerin Nathalie Lahdenmäki hat für das Restaurant Relae in Kopenhagen Geschirr für Brot und Öl entworfen. Die ovalen Teller bieten Platz für eine dicke Scheibe, die blaugraue Glasur mit dem dunklen Rand folgt dem Muster von Laib und Kruste. Mit den Schalen lässt sich das Öl elegant über das Brot gießen. Form und Funktion fügen sich präzise ineinander.

„Ceramics and its Dimensions. Shaping the Future“ – die Ausstellung im Bröhan-Museum dokumentiert ein Experiment, für das vier europäische Hochschulen kooperierten: die Aalto University in Helsinki, die University of Ulster in Belfast, die Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen und die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Das von der EU unterstützte Projekt sollte das Potenzial von Porzellan ausloten und Produktionsprozesse für die Zukunft testen.

Neue Formen entwickeln sich aus Bestehendem

Bei dem ersten Workshop in der thüringischen Firma Kahla wurde fein gekocht und gegessen. Denn auch die Entwürfe für die Zukunft kreisen um das klassische Tischgeschirr, um Schalen, Teller, Tassen, Kannen und Vasen. Da entwickeln sich neue Formen aus Bestehendem. Die Designerin Barbara Schmidt zeigt ihr Service „O“, das aus der Beschäftigung mit dem japanischen Origami entstand. „O“ steht für Oru, die Falte. Ein Knick im Teller markiert die Region, die beim Servieren angefasst werden kann, ohne dass der Daumen in der Sauce landet. Ein feines Relief auf der Unterseite und im Innern der Henkel macht unsichtbare Flächen spürbar. Das Design setzt ganz auf die sinnlichen Qualitäten von Porzellan.

Von Tuuli Saarelainen stammt „BIS“.
Von Tuuli Saarelainen stammt „BIS“.Foto: Bröhan-Museum

Salla Luhtasela und Wesley Walters haben sich für ihre Kaffeekanne Piippu von stillgelegten Industrieanlagen inspirieren lassen. Filter und Kanne wirken wie Ofen und Schlot. Das mit schwarzem Schlicker glasierte Porzellan verbindet zeitgenössische Reduktion mit den schwergewichtigen Anfängen der Industrialisierung.

3D-Technik kann die Qualität des Porzellans nicht ausloten

Weniger überzeugend wirken viele Experimente mit dem 3D-Drucker. Nach der entsprechenden Programmierung speit der Drucker spaghettifeine Fäden aus Tonmasse aus. Die kordelartigen Ornamente erinnern an Flechtmuster. Am interessantesten treibt Dawei Yang die Technik voran und entwickelt Texturen, die den Punzierungen der Silberschmiede ähneln. Gemeinsam mit Babette Wiezorek hat Dawei Yang inzwischen das Atelier Additive Addicted gegründet. Der 3D-Drucker arbeitet additiv, setzt also Tonspur auf Tonspur.

Vielleicht fehlt die Arbeitsphase der Reduktion, vielleicht auch die haptische Verführung. Jedenfalls kann die 3D-Technik die schmeichelnde Qualität des Porzellans nicht ausloten. Für den industriellen Fertigungsprozess ist die Methode jedoch interessant, weil sie eine Individualisierung der Serie zulässt. Charmanter wirkt allerdings das Experiment „Melodic Scribe“ von Ji Hye Kang und Victor Gonzales. Da überträgt eine Pianistin ihre Töne mittels eines Motors in die Farbe der Glasur.

Hilda Nilsson setzte für ihr Geschirr „Clusters“ den 3D-Drucker als technische Hilfe ein.
Hilda Nilsson setzte für ihr Geschirr „Clusters“ den 3D-Drucker als technische Hilfe ein.Foto: Bröhan-Museum

Spannend sind auch die studentischen Experimente, die unter der Leitung von Barbara Schmidt an der Kunsthochschule Weißensee entstanden und in den Seitenräumen präsentiert werden. Im Workshop Ton-Steine-Erden entstanden vorzugsweise aus brandenburgischem Ton Prototypen für Bauelemente aus Keramik: Schindeln zur Fassadendämmung etwa oder Heizmodule, die wie Ofenkacheln die Wärme speichern.

Die Abschlussarbeiten der Studierenden spiegeln den Trend zu Genussritualen wie der Fermentation oder der Kaffeeverkostung. Aus dem Nachdenken über einen winzigen Ausschnitt der Esskultur entstanden Formen, die Zeremonie und Alltag verbinden. Da gewinnt der Purismus von „Clean Eating“ eine neue ästhetische Gestalt.

Bröhan-Museum, Schlossstr. 1 a, bis 22. April; Di bis So 10 – 18 Uhr, Führungen mit Barbara Schmidt am 4. und 24. März um 15 Uhr, 14. April um 16 Uhr.

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