Ausstellung zu Hubert Fichte : Trieb und Trance

Das Haus der Kulturen der Welt begibt sich mit der Ausstellung „Liebe und Ethnologie“ auf die Spuren des weltreisenden Schriftstellers Hubert Fichte.

Im Schatten junger Männerblüte. Ein Foto aus Alair Gomes’ Serie „The Course of the Sun“ (1975–1980).
Im Schatten junger Männerblüte. Ein Foto aus Alair Gomes’ Serie „The Course of the Sun“ (1975–1980).Foto: Archive of the National Library Brazil

Reisen war für ihn nur eine andere Form von Sexualität – und Sexualität das Mittel, fremde Kulturen aufzuschließen. Hubert Fichte stilisierte sich zu einem schwulen Herodot, der sich im „Umgetriebensein“ des antiken Völkerkundlers wiedererkannte, und er inszenierte sich als ein Marcel Proust, der die Matratzengruft seines Schlafzimmers verlassen und andere Kontinente erobert hatte.

Mit ethnopoetischer Präzision setzte er sich mit den Trance-Riten afrobrasilianischer Religionen auseinander oder mit der von Orakelpriestern beherrschten Psychiatrie in Afrika. Zugleich schlug er sich zu Strichern in die Büsche. Hubert Fichte war Irrlicht und Suchscheinwerfer in einem.

Wer diesen libidinösen, quecksilbrigen Geist zu Lebzeiten kannte, mochte den Kopf über manche seiner Marotten schütteln. Sie bewunderten aber Ernst und Ehrgeiz seines Schreibens – obwohl sich Fichtes Hauptwerk, die nach seinem Aids- Tod im März 1986 nach und nach bei S. Fischer in 17 Bänden erschienene „Geschichte der Empfindlichkeit“, erst in Umrissen abzeichnete.

Wer ihn heute als literarischen Solitär in Ehren hält, findet in ihm eine vielgestaltige Projektionsfigur.

Der Halbwaise, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, der auch diese seine Herkunft in störrisch-spröde Prosa verwandelte, genießt den Ruf, Deutschlands erster Pop-Schriftsteller gewesen zu sein: 1966, im Alter von 31 Jahren, las er im Hamburger Star-Club nach dem Auftritt von Ian & The Zodiacs aus seinem Roman „Die Palette“, der die gleichnamige Kellerkneipe im Gängeviertel als Treffpunkt ebenso verlorener wie verwegener Seelen lebendig werden lässt.

Fantasien der Überschreitung

Er gilt als unser Jean Genet, der das Leben der Huren und Zuhälter von St. Pauli in Interviews dokumentierte. Und ihn umgibt der Mythos eines einheimischen Pier Paolo Pasolini, der wie dieser die eigene Kultur hinter sich lassen musste, um seine Fantasien von Verausgabung und Überschreitung erfüllt zu sehen.

Wie fragwürdig alle diese Zuschreibungen auch sind: Er sprengte bei aller schwulen Unverblümtheit von Anfang an die Dimensionen jedweder Klientelliteratur – auch weil durch seine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit der 20 Jahre älteren Fotografin Leonore Mau ein bisexuelles Moment ins Spiel kommt, das nicht zuletzt im autofiktionalen Gespann seiner Protagonisten Irma und Jäcki zutage tritt. Hier war, mit seinem Trieb als Feldforschungssonde, ein Autor am Werk, der sich in die Nachfolge großer Ethnografen wie Victor Segalen oder Michel Leiris begab.

[HKW, bis 6.1., Mo 12–19 Uhr, Mi 12–19 Uhr, Do 12–22 Uhr, Fr-So 12-19 Uhr, Katalog 28 €, Webjournal hier]

Die von Diedrich Diederichsen und Anselm Franke nun im Haus der Kulturen der Welt kuratierte Ausstellung „Liebe und Ethnologie“ widmet sich nicht in erster Linie dem schriftstellerischen Werk. „Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit“, so der Untertitel, versucht sich an einem künstlerischen Reflex „nach“ Hubert Fichte, und zwar im Kontext seiner Zeit wie im Licht gegenwärtiger postkolonialer Theorie.

Suggestiv im Gestus und diskursiv in der Absicht, bezieht sie sich in zahlreichen bruchstückhaft zitierten Passagen in einem Maß auf seinen monumentalen roman fleuve, das Unvorbereitete ratlos machen dürfte.

Schnittstellen der Kultur

Damit ist nichts gegen den assoziativen Ansatz der Schau gesagt, wohl aber gegen das didaktische Defizit: Schon eine Zeittafel zu Leben und Werk sucht man vergebens. Das ist umso bedauerlicher, als hier Erstaunliches zusammengetragen wurde: Gemälde, Zeichnungen und Fotografien, die den Fokus von Hubert Fichtes und Leonore Maus künstlerischem Umfeld zu ethnografischen Arbeiten von Michael Buthe aus den 80er Jahren bis zu „Reason’s Oxymorons“, Videoarbeiten des in Berlin lebenden Franzosen Kader Attia, oder Wandmalereien des Senegalesen Papisto Boy öffnen.

Vor allem setzt „Liebe und Ethnologie“ ein Wissen um die Schnittstellen von afroamerikanischer, afrobrasilianischer und weißer sowie queerer und heterosexuell dominierter Kultur voraus, das nicht gleich jede Kontextualisierung als Angriff auf den bestehenden Kanon begreift.

Was im Großen Teil des noch bis 2020 währenden Großprojekts „Kanon-Fragen“ ist und im Kleinen der Auftakt zu drei herbstlichen Ausstellungen, die antikoloniale Theorien in der deutschen Geschichte auf ihre kolonialen Blindheiten hin befragen, versucht nämlich, Gegentraditionen zu begründen, wo Traditionen längst außer Frage stehen.

Tradition und Gegentradition

Schriftsteller wie Langston Hughes oder James Baldwin, beide schwul, sind in ihrer Rolle so anerkannt wie die Wüstenwanderin Isabelle Eberhardt oder die Orientreisende Annemarie Schwarzenbach. Maya Deren, in jungen Jahren kurzzeitig Assistentin der hierzulande tatsächlich unterschätzten US-Tänzerin und Anthropologin Katherine Dunham, ist als Underground-Filmerin seit Jahrzehnten eine Legende.

Wenn es an dem Dichter Aimé Césaire, der mit Léopold Sédar Senghor, einem von Fichtes vielen Gesprächspartnern, das Konzept der Négritude prägte, oder an dem französischen Fotografen Pierre Verger, der sich zum Yoruba-Priester weihen ließ, heute manchmal aus den eigenen Reihen Kritik gibt, ist das etwas anderes.

Dialogpartner. Hubert Fichte und Lil Picard 1979 in New York.
Dialogpartner. Hubert Fichte und Lil Picard 1979 in New York.Foto: bpk/S. Fischer Stiftung/Leonore Mau

Der opulente Katalog legt da nur weitere Fährten ins Dickicht, statt einmal gründlich Schneisen zu schlagen. Er lässt einen auch da im Stich, wo es nützlich wäre, über von Fichte erforschte Religionen wie den Candomblé mehr zu erfahren. Denn es könnte sein, dass Fichte die Auflösung von Geschlechtergrenzen, die er in den Priesterfiguren erblickte, unzulässig romantisierte.

Erhard Schüttpelz kommt in seinem Essay über „Die karibische Erkenntnis“ der Dialektik eines „Labors der Moderne“, das der amerikanische Sozialanthropologe Stanley Mintz in der Region erkannte, noch am nächsten: Das Patchwork ist nur die Kehrseite einer rücksichtslosen Homogenisierung. Überhaupt wäre zu klären, ob die Kulturen des Black Atlantic tatsächlich permissiver waren als die westlichen.

Peepshow durchs Hinterteil

Worin also liegt die aktuelle Perspektive auf einen Schriftsteller, an den man nicht oft genug erinnern kann? Die dreiteilige „Peep Show“ des Coletivo Bonobando aus Rio de Janeiro ist eher ein Gag. Durch drei männliche Hinterteile aus Pappmaché, die sich vor Videoscreens wölben, kann man die ersten Fichte-Rezitationen in brasilianischem Portugiesisch erspähen.

Sehr viel sinnfälliger ist Ayrson Heráclitos Video „Bucht aller weiblichen Heiligen“, ein nächtliches Cruising durch Salvador da Bahia. Doch auf Fichtes Homosexualität – von ihm stammt der später von Joachim Helfer und Raschid al-Daif zum gemeinsamen Buchtitel geadelte Ausdruck von der „Verschwulung der Welt“ – muss man nicht mehr eigens aufmerksam machen. Eher wäre zu fragen, ob es eine Methode Fichte gibt, die sich heute noch fruchtbar machen lässt.

Die Ausstellung hat der Fichte-Verehrung, die rund um seinen 20. Todestag einen Höhepunkt erreichte, nichts Wesentliches hinzuzufügen. In den Hamburger Deichtorhallen kuratierte Wilfried F. Schoeller 2005 eine große Ausstellung über das Paar Fichte – Mau: Der 500-seitige Katalog im S. Fischer Verlag ist nach wie vor ein gültiges Wort zu allen Aspekten.

Thomas Palzers TV-Dokumentation „Der schwarze Engel“ (auf YouTube) zeichnete 2005 ein differenziertes Porträt. Der Kölner Hörbuchverlag Supposé veröffentlichte Gespräche. Bei Zweitausendeins erschienen seine insgesamt 18 Stunden umfassenden Radioarbeiten auf CD. Und mit Thomas Meinecke und Kathrin Röggla sprachen sich Autoren der damals jüngeren Generation für ihn aus.

„Liebe und Ethnologie“ begehrt zurecht auf gegen einen Essenzialismus kultureller Reinheit. Das Neue daran ist höchstens, dass er Gefahr läuft, durch einen Essenzialismus der Unreinheit ersetzt zu werden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!