Interview : Die Stadt, die sich fallen lässt

In der US-amerikanischen Wüstenstadt Trona regieren Arbeitslosigkeit, Langeweile und Drogen-Tristesse. Der Berliner Künstler Tobias Zielony reiste in die Siedlung, um zu verstehen, wie eine Gemeinschaft zerfallen und ein ganzer Ort der Droge "Crystal Meth" verfallen kann.

Interview von Yoko Rückerl
Zielony Reifen
Auf den ersten Blick ist Trona ein sehr ruhiger und typisch amerikanischer Ort. Auf den Autos kleben "Support our troops"-Sticker....Foto: Tobias Zielony

Wie sind Sie nach Trona gekommen?

Ich war gerade in Los Angeles, als mir Freunde von Trona erzählten. Trona ist eine Siedlung in der Wüste, einst eine industrielle Vorzeigestadt, heute ein sich selbst überlassener Ort auf Crystal Meth. Ich war neugierig und bin am nächsten Tag nach Trona gefahren. Die Stadt liegt 250 Kilometer nordöstlich von Los Angeles entfernt.

Wie war Ihr erster Eindruck?

Die Natur ist überwältigend. Die Kleinstadt ist mitten in die Wüste gebaut, direkt am Rand von Death Valley. Überall Sand, viel Geröll, Steine, Felsen, ein riesiger Salzsee. Trona ist auf den ersten Blick ein sehr ruhiger und typisch amerikanischer Ort. Auf den Autos kleben "Support our troops"-Sticker. Aber die Hälfte der Häuser steht leer oder ist abgebrannt. Trona steht für viele Orte des verarmten, weißen, ländlichen Amerika.

Das Erste, was Ihnen noch in Trona auffiel, war die riesige Chemiefabrik. Von der Chemieindustrie dort lebte mal der ganze Ort...

Als die Chemiefabrik gegründet wurde, galt Trona als Vorzeigestadt. Das Unternehmen machte viele Angebote um Arbeiter anzulocken. Die Schule wurde subventioniert, ein großes Krankenhaus gebaut, die Stadt bekam ein Kino. Und das alles für einen Ort in der Wüste mit gerade mal 5000 Einwohnern. In den Neunzigern hat die Chemiefabrik dann nicht nur angefangen Leute zu entlassen, sondern auch aufgehört, in die Infrastruktur der Stadt zu investieren. Daraufhin zogen viele Leute weg. Andere kamen wegen der sehr niedrigen Grundstückspreise aus Städten wie Los Angeles nach Trona.

Was passierte denn mit denen, die geblieben sind?

Heute leben ungefähr noch 2000 Menschen in Trona. Die meisten sind arbeitslos. Viele schlagen sich einfach so durch. Es gibt dort kaum Jobangebote. Gerade mal eine Tankstelle, eine Bar, ein Motel. Das reicht natürlich nicht, um einen ganzen Ort zu beschäftigen. Man hat das eindeutige Gefühl, dass die Solidarität der Menschen untereinander durch Armut und Drogen kaputt geht. Gerade für die Jugendlichen ist Trona sehr langweilig und trostlos.

Das heißt, es treffen ungefähr 1000 arbeitslose Chemielaboranten aufeinander?

Es gibt natürlich keine Statistik, wie viele Leute in Trona Drogen nehmen oder ihr eigenes Crystal Meth produzieren. Aber die ersten Jugendlichen, die ich dort kennen gelernt habe, sagten mir, sie seien die Einzigen, die kein Crystal Meth nehmen würden. Was bestimmt nicht stimmt, aber es sind schon sehr viele, die dort konsumieren. Trona ist eben auch so abgelegen, dass die Leute hier in Ruhe ihr eigenes Drogenlabor einrichten können, um sich ihre Drogen herzustellen.

Haben Sie gesehen, wie Leute Crystal Meth nehmen?

Ja.

Und selbst auch mal probiert?

Nein. Nachdem, was ich in Trona gesehen habe, bin ich auch ganz froh, dass ich das nicht probiert habe.

Können Sie das konkretisieren?

Crystal Meth ist eine besonders starke Form des Amphetamins. Die Droge ist unglaublich erschöpfend für den Körper. Die Leute vergessen zu essen und können manchmal tagelang nicht schlafen. Viele, die Crystal Meth nehmen, sehen viel älter aus als sie eigentlich sind. Außerdem lässt Crystal Meth die Zähne faulen, weil der Körper weniger Speichel produziert. Dann haben die Leute ein unglaubliches Aktivitätsbedürfnis, fangen ständig irgendetwas an zu tun, können sich aber auf nichts konzentrieren. In meinen Fotografien geht es mir aber nicht um einen voyeuristischen Blick, ich will nicht nur das zeigen was ich sehe, sondern auch, wie sich die Jugendlichen dort selbst sehen.

Und was machen Jugendliche hellwach in einem Ort wie Trona?

Fernsehen, Computer spielen, sich langweilen. Einmal haben wir einen Kampf zwischen zwei Jungen mitbekommen. Sie konnten gar nicht aufhören, sich zu prügeln. Die machten einfach weiter und weiter.

Was tun dort die Erwachsenen, die Eltern?

Crystal Meth ist in Trona nicht bloß ein Problem der Jugendlichen. Die Erwachsenen nehmen es genauso. Es zieht sich durch alle Altersschichten und oft auch durch ganze Familien

Der Ort bleibt sich selbst überlassen?

Ja. Mich beschäftigte vor allem die Frage: Warum passiert das hier in Trona? Es ging mir darum, diesen exzessiven Drogenkonsum mit der Geschichte des Ortes zu verbinden. Was passiert, wenn soziale Strukturen zerfallen, die Leute vom Nachbarn klauen? Die Crystal Meth-Epidemie kann der Staat nicht mehr, wie in den 1990er Jahren Crack, den Schwarzen in den Städten in die Schuhe schieben. Crystal Meth ist vor allem ein Problem der Weißen auf dem Land.

Wie oft sind Sie in Trona geblieben?

Ich bin fünfmal nach Trona gefahren, jeweils für mehrere Tage.

Haben Sie in Trona Freundschaften geschlossen?

Nein, das war auch nicht meine Absicht. Ich bin dort auch nicht über Nacht geblieben, sondern immer noch mit dem Auto durch die Wüste in den nächsten Ort zum Motel gefahren. Trona ist kein Ort zum Schlafen.

Zur Person: Tobias Zielony wurde 1973 in Wuppertal geboren. Er studierte Fotografie an der University of Wales in Newport. Danach absolvierte Zielony noch ein Kunststudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Bekannt wurde Zielony 2004 durch sein Fotobuch "Behind the Block" und 2005 mit seinem "Big Sexyland"-Projekt. Zielony lebt und arbeitet in Berlin.