„Babbitt“ von Sinclair Lewis : Ewiger Jedermann

Neu übersetzt: „Babbitt“ von Sinclair Lewis wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Satire und blankem Realismus.

Der amerikanische Schriftsteller Harry Sinclair Lewis mit seiner Frau Dorothy während eines Wohnwagenurlaubs.
Der amerikanische Schriftsteller Harry Sinclair Lewis mit seiner Frau Dorothy während eines Wohnwagenurlaubs.Foto: picture alliance / dpa

Sinclair Lewis, 1885 in einer Kleinstadt im Mittleren Westen geboren, war im Jahr 1930 der erste US-Amerikaner, der mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Jury betonte seinerzeit, dass Lewis die Auszeichnung in erster Linie für seinen 1922 erschienenen Roman „Babbitt“ erhalten habe.

Neu übersetzt von Bernhard Robben zeigt sich, dass „Babbitt“ ein ungemein intelligenter, unterhaltsamer Roman ist, der weit über seine Epoche hinausstrahlt und Verbindungslinien bis in die Gegenwart aufzeigt. George F. Babbitt, 46 Jahre alt, schütteres Haar, leichtes Übergewicht, rosige Wangen, Nickelbrille, ist Immobilienmakler in der fiktiven Metropole Zenith, die gerade den Epochenwandel vollzieht. Die alten Häuser verschwinden; die Wolkenkratzer als Symbole des Kapitalismus wachsen aus dem Boden. Drumherum gepflegte Vorstadtsiedlungen. Babbitt ist ein radikaler Positivist, dem nichts wichtiger ist als Wohlstand und gesellschaftlicher Status. Seine Rhetorik ist der joviale, floskelhafte Tonfall des Emporkömmlings.

Keine Seite ist überflüssig

Faszinierend ist, dabei zuzusehen, wie Babbitt sich in jeder Szene neu konstituieren und auch sprachlich neu formieren muss, weil hinter der Wohlstandsfassade kaum Substanz vorhanden ist. Gut ein Viertel des 800 Seiten starken Romans braucht Lewis für die Beschreibung eines prototypischen Babbitt-Tags, und erstaunlicherweise ist keine Seite davon überflüssig oder langweilig. Nicht umsonst hat John Updike seine „Rabbit“-Figur Harry Angstrom an den Jedermann Babbitt angelehnt. Nach einem zwischenzeitlichen Ausbruchversuch schickt Lewis seinen Anti-Helden zurück in die Konformität. Das System korrigiert sich selbst; das ist das Furchtbare daran: Babbitt hat keine Chance, und er weiß es.

„Babbitt“ wandelt auf dem schmalen Grat zwischen Satire und blankem Realismus und bleibt in dieser Ambivalenz. Ein großer Roman.

Sinclair Lewis: Babbitt. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben. Manesse Verlag, München 2017. 782 Seiten, 28 €.

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